Mit der „Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann gelang dem Korona-Theater aus Leipzig bereits ein großer Wurf aus Schauspiel, Puppentheater und Musik. Mit dem Stück gastierten sie auch in Lübeck im Hansemuseum, das während des Umbaus des Kolk 17 Figurentheaters als Ausweich-Spielstätte diente. Jetzt waren die Schauspieler und Musiker aus Leipzig und Halle wieder in Lübeck, um im Kolk im neuen Saal des Puppentheaters mit „Gundermann - Engel über dem Revier“ eine gefeierte Inszenierung zu zeigen.
Es ist eine wundersame Welt, die der zweiten Inszenierung am Theater Lübeck (Premiere: 15.11.2025) zugrunde liegt. Um den Optimismus als Lebenselixier geht es, aber außer Katastrophen, menschlichen wie natürlichen, hält sie nichts bereit. Erfunden hat sie François-Marie Arouet (1694-1778), ein streitbarer französischer Schriftsteller, Philosoph und Historiker, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Voltaire.
115 Jahre Bühnenleben hat „Der Rosenkavalier“ hinter sich. Oft ist er zu sehen, mal hier, mal dort, mal pornografisch angehaucht, mal mit Tränen in den Augen wegen angeblicher Endzeitstimmung. Diesmal, scheint es, hatte sich das Theater entschieden, sich auf die Anfänge zu besinnen. Der Grund mag sein, dass Lübecks Theater 1908 nach Entwürfen des Dresdner Jugendstilarchitekten Martin Dülfer (1859-1942) entstanden war, beide, der „Rosenkavalier" und das Haus, also nahezu gleichaltrig sind. Immer noch ist die Hansestadt stolz auf das anregende Jugendstilhaus, in dem bereits im Uraufführungsjahr der „Rosenkavalier“ nachgespielt wurde.
Vom ersten Programmheft dieser Spielzeit grinst den Besucher ein bärtiger Kahlkopf an. Zwei rote Hörner hat er und den Mund halbseitig geöffnet. Ist das ein Verwandter von Mephisto oder doch eher ein durchtriebener Satyr? Denn in Kiel steht seit dem 4. Oktober 2025 Giacomo Puccinis Dreigespann von Operneinaktern auf der Bühne, das Triptychon, das in der Originalsprache „Il Trittico“ heißt.
Das Lübecker Publikum, mit großem Tanztheater nicht gerade verwöhnt, darf sich wieder einmal an den Tanzkünsten des Kieler Balletts erfreuen. Nun war es „Giselle“, die Tanzschöpfung, die den Ruf hat, eine der anspruchsvollsten im Bereich der klassischen Tanzkunst zu sein.
Zunächst das Wort zum Sonntag: In der aktuellen Produktion werden Farben und Facetten gnadenlos zusammengestrichen. Wenig geschieht hier im Zwischenraum der Extreme von schwarz und rot, verrucht und brutal.
Kiel und Lübeck liegen bekanntlich beide an der Ostsee, gute 90 km getrennt, sodass ihre Opernhäuser zumeist autark laufen, selten im Gleichschritt. In der Vergangenheit gab es ein paarmal gemeinsame Sache, zum Beispiel bei der aufwändigen Trickfilmversion des „Barbiers von Sevilla“. Dem ballett-losen Lübeck sind zudem turnusmäßig Auftritte der Kieler Truppe wichtig. Jetzt aber haben sich beide Häuser der italienischen Stimmartistik Gaetano Donizettis zugewandt, Lübeck der „Lucia di Lammermoor“, Kiel einen Tag später (10. Mai) dem buffonesken „Don Pasquale“.
Düster ging es bei der neuesten Premiere (9. Mai 2025) zu. „Lucia di Lammermoor“, Gaetano Donizettis Streifzug durch die von Walter Scott aufbereitete schottische Sagenwelt, war inszeniert worden. Jeder kennt die Oper als die mit der Wahnsinns-Arie‘, auf die jedoch lange gewartet werden muss. Erst im dritten und letzten Akt, nach viel Bosheit, Neid und Machtmissbrauch erklingt sie, und da erst entscheidet sich die Sicht auf Lucia, auf die Frauengestalt, die der Oper den Namen gegeben hat. Ist sie nun eine Blutrünstige oder eine Wahnsinnige oder von beidem etwas? Anna Dreschers Inszenierung forderte auf, an beidem zu zweifeln.
Sonderveranstaltungen wie diese am 7. Mai 2025 sind selten. Als „musikalisches Spiel mit dem Absurden“ angekündigt, trägt es den scheinbar leicht zu deutenden, doch gleichzeitig merkwürdigen Titel „Charms“.
Henry Purcell (1659-1695) trug schon zu seinen Lebzeiten den Ehrentitel „Orpheus Britannicus“, dennoch wurde seine Oper „Dido und Aeneas“, die 1688 oder ein Jahr später in einem Mädchenpensionat uraufgeführt wurde, bis heute unterschätzt. Das betrifft beides, die musikalische Ausdruckskraft als auch die historische Bedeutung für diese Gattung, die sich noch entwickeln musste: Oper.