Paavo Järvi, Ksenija Sidorova und das Estonian Festival Orchestra in der Lübecker MuK

Schleswig-Holstein Musik Festival 2026 - "Akkordeon sinfonisch"
Paavo Järvi und das Estonian Festival Orchestra mit der Porträtkünstlerin des Festivals: Ksenija Sidorova

Gut gelaunt konnte der Intendant des SHMF, Christian Kuhnt, dem ausverkauften Saal der Lübecker Musik- und Kongresshalle verkünden, dass sie Zeugen von gleich mehreren Premieren werden würden.

Mit dem Esten Paavo Järvi, einem Ausnahmekünstler und einer der führenden Dirigenten unserer Zeit, der 2011 auch das Pärnu Music Festival in seinem Heimatland Estland ins Leben gerufen hatte, würde gleich ein ganz Großer seiner Kunst am Pult stehen. Außerdem habe er sein Festivalorchester, das von ihm gegründete Estonian Festival Orchester mitgebracht, die vorher noch nie in Schleswig-Holstein zu hören gewesen seien. Als Stargast werde dann noch die Akkordeon-Virtuosin Ksenija Sidorova aus Lettland, diesjährige Porträtkünstlerin des SHMF ein eigens für sie und ihr Instrument komponiertes Akkordeonkonzert des estnischen Komponisten Tõnu Kõrvits gemeinsam mit dem Orchester erstmalig als Premiere zu Gehör bringen. Man durfte also gespannt sein.

Christian Kuhnt (Intendant des SHMF)Christian Kuhnt (Intendant des SHMF)

Es begann dann aber mit Pauken und Trompeten und einem körperlich wild gestikulierendem Dirigenten Järvi, der das vielköpfige Orchester die Ouvertüre zu „Die Weihe des Hauses“ op.124 von Ludwig van Beethoven spielen ließ. Dabei bewies das großartige Orchester aus großer Streicher-Abteilung und vielfältiger Bläser- und Trommel-Sektion ihr hervorragendes Können. Geschult in Estland und kombiniert mit internationalen Spitzenmusikern aus aller Welt, ist das noch junge Orchester mittlerweile in den Musikhallen der Welt zu Gast gewesen. Was mediale Anerkennung rund um den Globus zur Folge hatte. International wird den Musiker*innen bescheinigt: „Eins der großen Orchester der Welt“ (Großbritannien), mit „wahrhaft atemberaubender Energie und Virtuosität“ (Frankreich), „durchdrungen vom Geist des Lucerne Orchestra“ (Österreich), wo „es keine Egos gibt, sondern wahrhaft leidenschaftliche Menschen, die die beste Musik machen und hören“ (Spanien) und wo man „Jahr für Jahr sehen und hören kann, wie sich die Musiker*innen entwickeln, öffnen und einander zuhören“ (Deutschland).

Dirigent Paavo Järvi und das Estonian Festival OrchestraDirigent Paavo Järvi und das Estonian Festival Orchestra

Dann betrat Ksenija Sidorova mit ihrem Instrument die Bühne. Das Akkordeon ist nicht umsonst das Musikinstrument des Jahres. Die Zeiten der alten Quetschkommode sind vorbei. Mittlerweile ist das vielseitige Instrument auch in klassischer und sinfonischer Musik angekommen. Tõnu Kõrvits, 1969 in Tallinn geboren, hat dafür eine Musik geschrieben, die wie ein „Tor zu anderen Welten, den geheimen Welten der Folklore, des Blues, der Mythen und des Unterbewusstseins“ geschaffen ist.

SHMF-Porträtkünstlerin Ksenija SidorovaSHMF-Porträtkünstlerin Ksenija Sidorova

Seine Komposition mit dem Titel „Dances“ ist als Suite in vier Sätzen angelegt. 1. Darkness (Cadenza). Under the Cajun Moon. 2. Passacaglia. 3. Sicilian. Und 4. Sarabande. Inspiriert von den Tiefen des Mississippi-Delta und dem „Cajun-Mond“ beginnt alles mit einer langen Solo-Kadenz, die unheimlich eine nächtliche Atmosphäre heraufbeschwört. Man hört nur das Klacken der Tasten, bevor das Orchester mit einsteigt und Sidorova ihre Finger über die Tasten und Knöpfe des Akkordeons fliegen lässt. Mal sinnlich melodiös, dann feierlich beschwingt im Tanz oder aber auch mit unterschwellig bedrohlichen Dissonanten spielt sie sich durch die vier Teile. Das zuerst sehr dominante Orchester tritt in den Hintergrund und auch der Dirigent zügelt sichtlich seine dynamische Armarbeit. Die Suite entfaltet eine ausgesprochen sinnliche Tonsprache mit subtilen Klangfarben. Insgesamt fällt aber dieser Teil des Konzerts sichtlich ab im Gegensatz zu der Dramatik, Dynamik und Lautstärke von van Beethoven. In der folgenden Pausen wird darüber heftig diskutiert - zwischen Zustimmung und Ablehnung.

Der Komponist Tõnu Kõrvits und Dirigent Paavo JärviDer Komponist Tõnu Kõrvits und Dirigent Paavo Järvi

Danach kommt aber wieder ordentlich „Leben in die Bude“. Mit Beethovens lyrischer Danksagung an die Natur spielt das wunderbare Orchester die Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 „Pastorale“. Beethoven verschmolz um 1807/1808 entgegen dem damaligen Musikgeschmack die Tonmalerei mit jeder Menge naturalistischer Momente. Mal gurgelt ein Bach, während die Vögel tirilieren und ein fröhliches Bild einer heiteren Empfindung bei einem Besuch auf dem Lande genial musiziert wird. Dann bricht ein Gewitter mit donnernden Schlägen der Pauken herein und Blitzfiguren aus Streichertremoli und Posaunen erklingen. Danach verströmen die Holzbläser eine versöhnliche Ruhe, auch wenn im Hintergrund noch die Bässe grollen. Dirigent Järvi und seine Musikerinnen geben dabei den vollen Körpereinsatz und das Vogelkonzert aus Kuckuck, Wachtel und Nachtigall werden fast realitätsgetreu imitiert. Am Ende kündet ein Alphorn den anschwellenden Dankgesang des fünften Satzes an, und die Hörer und Hörerinnen werden mit einem Gefühl von Glück und innerer Ruhe entlassen. Herrlich.

Paavo Järvi und das Estonian Festival Orchestra in der Lübecker MuKPaavo Järvi und das Estonian Festival Orchestra in der Lübecker MuK

Stehend applaudiert das Publikum, wobei damit wohl hauptsächlich das wunderbare Orchester und Ludwig van Beethoven gefeiert wurde. Sicherlich war die Akkordeon-Suite ebenfalls wunderschön musiziert und vorgetragen, fiel aber im Zusammenhang mit der Dramatik und Dynamik des anderen Programms sichtlich ab. Vermutlich ist ein Akkordeon, das man meist noch mit Folklore und Tango identifiziert, noch zu ungewöhnlich in einem sinfonischen klassischen Zusammenhang. Trotz allem ein großer musikalischer Abend in der MUK.


Fotos: (c) Holger Kistenmacher


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