Blick in die Ausstellung in der Petri-Kirche

Permeable Condensation (durchlässige Kondensation) in St. Petri und Overbeck-Gesellschaft
Wasser - Lebenselixier, das kommt und geht

Kürzlich hat es Lübeck auf Platz eins unter den deutschen Großstädten geschafft. Es ging um Luftqualität und Temperaturen zu Zeiten von Klimawandel und Hitzeperioden. Wie das sein kann, liegt an der Lage der Stadt nahe der Ostsee und dass sie umgeben ist von Flüssen und Kanälen. Das Wasser von Trave und Wakenitz kühlt und die Ostsee sorgt für eine frische Brise.

Als Fluss, Kanal oder Hafen erfüllt das Wasser eine zentrale infrastrukturelle Funktion - ein System von Strömungen, Austausch und Zirkulation, das sich nie vollständig kontrollieren lässt. Es ist aber auch ein Element, das trennt, nährt und begrenzt, Leben erhält und organisiert.

Gleichzeitig entzieht es sich aber einer eindeutigen Erscheinungsform - es kommt und geht, hat verschiedene Aggregatzustände zwischen fest, flüssig und gasförmig - kondensiert und hinterlässt Spuren. In der St. Petri-Kunstkirche und in den Räumlichkeiten der Overbeck-Gesellschaft in den Bürgergärten der Königstraße sind jetzt fünf künstlerische Positionen zu sehen, die Wasser sowohl als physische Substanz als auch als Träger sozialer, politischer und affektiver Beziehungen begreifen. Die beiden Kuratorinnen Paula Kommoss und Talia Walther haben dafür 5 Künstler*innen eingeladen, ihre konzeptuellen Arbeiten und Installationen zu präsentieren.

Hanne Darboven: Der Sand, in der Overbeck-GesellschaftHanne Darboven: Der Sand, in der Overbeck-Gesellschaft

Im Pavillon der Overbeck-Gesellschaft reihen sich die Kalenderblätter der seriell geordneten Schriftarbeiten von Hanne Darboven (1941 geboren in München, 2009 gestorben in Hamburg): „Der Sand“ von 1979. Auf insgesamt 456 Blatt Papier entfaltet sich ein Gefüge aus Zahlen, Wiederholungen, Abschriften und Textfragmenten. Ausgehend von ihrer einstigen Adresse am Hamburger Platz „Sand“ erkundet die Konzept- und Minimal-Art-Künstlerin den Begriff auf eingerahmten Papieren. Jedes einzelne Blatt ist nummeriert und datiert. Teilweise kann man Texte wie Tagebucheinträge lesen, dann wieder gibt es nur kunstvolle Schlangenlinien oder Zitate aus dem Spiegel oder ganze Einträge aus dem Brockhaus. Sand bedeutet aber auch Spuren, die das Wasser hinterlässt, zermahlene Steine, die durch Erosion zerkleinert wurden. In ihrem Werk entsteht so ein System aus Zeit und Raum, vom Sandkasten bis zur Sanduhr.

Video-Arbeit von Sadat Ismailova in der Petri-KircheVideo-Arbeit von Sadat Ismailova in der Petri-Kirche

Im lichten, luftigen Kirchenraum von St. Petri kann man vier internationale künstlerische Positionen entdecken. Beim Eintreten fällt der Blick sofort auf eine große Videowand im Altarraum. Gezeigt wird dort die 22-minütige Videoarbeit „When the Water turns to Wind“ der usbekischen Filmemacherin Sadat Ismailova, die per Drohnen aus der Vogelperspektive zeigt, was passiert, wenn Wasser verschwindet. Es geht dabei um den Aralsee. Einst der viertgrößte See der Erde, ist die Wasserfläche durch massive Wasserentnahme für die riesigen Baumwollplantagen in der ehemaligen UDSSR auf weniger als ein Zehntel geschrumpft. Zurück geblieben sind eine öde, wüste, trockene Steppe, weite Landschaften und Sand, über den der Wind weht. Bereits bei der aktuellen Venedig-Biennale beschäftigt sich der Länder-Pavillon von Usbekistan mit dem fast vollständigem Verschwinden des Sees und seiner katastrophalen sozialen und ökologischen Folgen, wie Versalzung der Böden, Verschwinden von Schifffahrt und Fischerei.

Hans Haacke: 'Circulation' in der Petri-KircheHans Haacke: 'Circulation' in der Petri-Kirche

Direkt unterhalb der beeindruckenden Videoarbeit hat Hans Haacke´s Boden-Installation „Circulation“, die extra aus seinem Studio aus New York seinen Weg nach Lübeck gefunden hat, seinen Platz gefunden. Es handelt sich um ein geschlossenes System aus durchsichtigen Röhren, durch die unablässig Wasser gepumpt wird. Es entsteht ein Kreislauf, wobei sich das Wasser selbst seinen Weg sucht, wie die Direktorin der Overbeck-Gesellschaft Paula Kommoss erklärt. „Je nachdem, wie das Licht fällt, reflektieren die Bläschen in den Röhrchen“.

Eda Aslan: Tränenfänger in der Petri-KircheEda Aslan: Tränenfänger in der Petri-Kirche

Im südlichen Seitenschiff hängen die gläsernen „Tränenfänger“ von Eda Aslan (Istanbul/Hamburg). Sie ähneln jenen Gefäßen, wie sie in Teilen des Orients verwendet wurden bei Trauer-Ritualen. Sie fingen die Trauer auf, bis die Zeit nur noch Salz zurückließ. „Tears are falling but never touching each other“ heißt die Arbeit. Wobei die Flüssigkeit in den Glasgefäßen keine Tränen sind, sondern Wasser aus dem Mittelmeer. Vielleicht bleibt dann am Ende der Ausstellung etwas Salz übrig, wenn das Wasser verdunstet ist, hofft die Co-Kuratorin Talia Walther.

Installation von Helena Uambembe in der Petri-KircheInstallation von Helena Uambembe in der Petri-KircheDann gibt es noch eine Arbeit der südafrikanischen Künstlerin Helena Uambembe, die einen Art Wunschbrunnen installiert hat, der aber im Gegensatz zu den ausladenden Brunnenanlagen, wie dem Trevi-Brunnen in Rom eher bescheiden daher kommt. Fünf übereinander stehende Metallschalen sind auf Klinkersteinen angeordnet. Die schlichten, funktionalen Materialien verschieben die Bedeutung des Brunnens. Hier geht es nicht um Überfluss, Repräsentation, Wohlstand und Luxus, wie wir sie bei vielen europäischen Anlagen sehen, sondern um ein fragiles Gefüge, das auf Versorgung, Abhängigkeit und Begrenzung verweist. Der Titel der Arbeit: „To test the depth of water with both feet“ verstärkt diese körperliche Dimension. Die Tiefe des Wasser mit beiden Füßen zu prüfen bedeutet, sich einer Situation unmittelbar auszusetzen. Wasser wird somit als etwas erfahrbar, das den Körper, den Alltag und das Überleben sichert. Wassermangel, wie er in Südafrika häufig vorkommt, kann nämlich durch Verdursten zum Tode von Mensch, Tier und Pflanzenwelt führen. So macht die Arbeit von Helena Uambembe eben auch deutlich, dass Wasser lebensnotwendig, politisch umkämpft und symbolisch aufgeladen ist, auch wenn der ausgestellte Brunnen lustig plätschert und Lust macht, vielleicht auf der Suche nach Glück eine Münze hineinzuwerfen.

Die Ausstellung läuft bis zum 30. August 2026 in der Petri-Kirche und in der Overbeck-Gesellschaft bei freiem Eintritt. In der Petri-Kirche sind die Öffnungszeiten von Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 - 17 Uhr, in der Overbeck-Gesellschaft Donnerstag bis Sonntag von 12-17 Uhr. 


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