Er wolle nicht der Jopi Heesters der Rockgeschichte werden, hatte Wolfgang Niedecken dem Rolling Stones Magazin erzählt und damit den langsamen Abschied seiner Band von den Bühnen der Republik vorbereitet. Aber noch ist es längst nicht so weit, wie der mittlerweile 75 Jahre alte Kölsch-Rocksänger und seine neunköpfige Band in der rappelvollen Gollan-Werft am Dienstag Abend bewiesen. Seit Monaten ausverkauft, hatte sich dort eine tanz- und sangesfreudige Fan-Gemeinde aus der Boomer-Generation versammelt, um BAP noch einmal gebührend zu feiern.
Pünktlich um 19.30 Uhr kam die Band auf die Bühne, die mit einem bunten Leopardenbild im Hintergrund geschmückt war und legte gleich dynamisch mit drei Nummern vor: „Hück ess sing Band en der Stadt“, „Nemm mich met“ und „Nix wir bessher“. Alles im tiefsten Kölner Dialekt. Wobei sich Niedecken bis heute wundert, dass die Band trotz ihrer kaum verständlichen Sprache deutschlandweit erfolgreich ist, obwohl viele die Texte gar nicht verstehen.
Bühnenbild mit Leopardenkopf
Er kann natürlich auch hochdeutsch, wie er bei seinen diversen Zwischenerzählungen bewies. Lübeck sei eine seiner Lieblingsstationen, die er bereits vor dem Konzert ausgiebig besucht habe. Bereits 1983 hätte er hier sein erstes Konzert gespielt, berichtete er. Die jetzige Tour sei zum Aufwärmen gedacht für das Stadionkonzert in Köln Müngersdorf und der nachfolgenden vermutlichen Abschiedstour durch die gesamte Republik zum 50. Jubiläum der Band. Dabei war Aufwärmen wörtlich zu nehmen, erzählte der Sänger. „Im Saarland hatten sie zu Beginn der Tour 41 Grad, und hier in Lübeck könnt ihr auch langsam die Heizung ausstellen“, plauderte der Musiker, als er sich seiner Jacke entledigte. Wie immer stand Niedecken cool mit Hut und Sonnenbrille am Mikrophon und kündigte einen Querschnitt durch das gesamte Material der Karriere mit BAP an. Es folgten mehrere ältere Nummern wie „Odyssee“, „Alexandra, nit nur do“, „Lena“ und der „Müsli Man“ im lässigen Reggae-Sound.
BAP in der Kulturwerft Gollan
Überhaupt bewies die Band ihre musikalische Klangvielfalt: von der klassischen Pop-Nummer über Reggae, Blues und Rock bis zu einer Punk-Satire. Dazu erklärte Niedecken: „Als die Punks in der Kölner Südstadt aufliefen, hätten sie aus Spaß die Szene veräppelt und dafür eine Nummer der damals sehr erfolgreichen Troggs eingespielt“. So wurde aus „Wild Thing“ dann „Wahnsinn“. Damit hätten sie sogar beim Wacken-Festival für Furore gesorgt, weil die Metaller da total auf die Nasenflöte abfuhren, die auch in Lübeck von Anne De Wolff gespielt wurde, die hauptsächlich als Geigerin beim Konzert zuständig war.
Die gesamte Band war mehr als spielfreudig und hatte sichtlich Spaß in Lübeck, das Volk tanzen zu sehen, hatten einzelne Bandmitglieder doch auch immer mal ein wenig Platz, mit einem Solo ihre Könnerschaft an ihren Gerätschaften zu beweisen. Es spielten: Werner Kopal am Bass, Johannes Goltz, Axel Müller und Benny Brown am Gebläse, Anne De Wolff an der Geige, Gesang, Gitarre und Nasenflöte, Michael Nass an den Keyboards und besonders ausgiebig an der Hammond-Orgel, Ulrich Rode an den E-Gitarren, Sönke Reich am Schlagzeug und natürlich Wolfgang Niedecken an Gitarre und Gesang.
Sönke Reich mit Leoparden Drumset
Neben dem eigenen Stücke-Katalog gab es aber auch einige Cover-Versionen von anderen Lieblingsband der Truppe, wie „Müngersdorfer Stadion“ von der Zeltinger Band. Niedecken ist ja auch bekennender FC-Köln-Fan und besitzt seit langer Zeit eine Jahreskarte. Oft wurde er ja auch als deutscher Bob Dylan bezeichnet, weil seine Texte im Gegensatz zu vielen anderen Musikern der Republik auch tatsächlich etwas auszusagen haben und hatten. So bezieht Wolfgang Niedecken eindeutig Stellung bezüglich Nazis, AfD und anderen Demokratiefeinden. So auch in Lübeck: „Weder ist die AfD eine Alternative für Deutschland, noch war das die SED in der DDR“. Dazu folgten auch die dementsprechenden Stücke. Zuerst mit der berühmten Hymne „Kristallnacht“, die er auf Hochdeutsch sang, weil er dieses Stück vor Kurzem auch mit Campino von den „Toten Hosen“ auf deren Abschiedsscheibe gesungen hatte. Aber auch die anderen Titel wie „Musik, die net stört“, „Widderlich“, „Ruhe vor dem Sturm“ und „Arsch huh, Zäng ussenander“ sind in ihrer politischen Aussage ja mehr als eindeutig. „Lügen fliegen und die Wahrheit humpelt hinterher“, kommentierte das der Sänger ganz klar mit seiner politischen Haltung.
Werner Kopal am Bass
Dass Niedecken aber auch ein großer Fan von Bruce Springsteen war und ist, mit dem er sogar schon gemeinsam auf der Bühne stand, bewies nicht nur die Länge des Konzerts von über drei Stunden. Der Boss spielt regelmäßig zwischen drei und vier Stunden. In Oslo war die Band sogar mal 4 Stunden und 6 Minuten auf der Bühne, wie ein Schild mit den Zahlen, die sein Gitarrist Little Steven in die Luft hielt, bewies. Bei der wunderbaren Nummer „Frau, ich freu mich“ heißt es im Text zum Beispiel: Wir haben die Springsteen-Kassette schon zweimal umgedreht“. Und gegen Ende des Konzerts gab es auch noch ein Springsteen-Cover: „Hungry Heart“. Und natürlich durfte die Übernummer von BAP nicht fehlen: „Verdamp lang her“ liess die gesamte Halle mitsingen.
BAP in der Kulturwerft Gollan
Im Zugabenteil ging es dann langsam ans Abschiednehmen mit Haltung: „Diss Naach ess alles drin“, „Et Levve ess en Autobahn“, „Für `ne Moment“ und „Jraaduss“ sorgten noch einmal für beste Stimmung, aber auch ein wenig Wehmut. Tanzend endete dieser großer Konzert-Abend mit lachenden Gesichtern, auch wenn einigen älteren Herrschaften, wie auch mir, langsam die Füße und der Rücken zu schaffen machten. Wieder mal ein großer Konzert-Abend in der herrlich rustikalen Halle der Gollan-Kultur-Werft.
Fotos: (c) Holger Kistenmacher




















