Zu Beginn des Konzerts am Donnerstagabend hört man die raue, kratzige Stimme des Trompeten-Genies Miles Davis aus dem OFF: „It´s about that time“. Dazu kommen die Musiker, die Marcus Miller, legendärer Bassist und Projektleiter des fünften und letzten Konzerts, um sich gescharrt hat, tänzelnd und ins Publikum winkend auf die Bühne.
In diesem Jahr wäre Miles Davis 100 Jahre alt geworden. Anlässlich dieses Jubiläums hatte die Hamburger Elbphilharmonie zu fünf wunderbaren Konzerten mit unterschiedlichen Besetzungen und zu den unterschiedlichen Karrierezeiten des Ausnahme-Trompeters geladen. Mit „We want Miles“ fand dieses Projekt nun seinen glorreichen und gefeierten Abschluss. Dazu hatte Marcus Miller drei seiner ehemaligen Mitstreiter (Bill Evans - Saxophone, Mike Stern - Gitarre und Mino Cinelu - Percussions) geladen, die Anfang der 80er Jahre für ein furioses Comeback von Miles Davis sorgten. „Miles hatte über fünf Jahre nicht eine Note gespielt“, berichtete Miller.
Marcus Miller und Mino Cinelu, Foto: (c) Daniel Dittus
Dass Miles Davis damals überhaupt wieder ins Rampenlicht trat, hatte er seiner dritten Ehefrau Cicely Tyson zu verdanken, sowie dem Saxophonisten Bill Evans (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Pianisten!). Dieser stellte Miles mehrere junge energiegeladene Musiker wie Marcus Miller, Mike Stern und Mino Cinelu vor, als sie durch die Jazzclubs der Stadt zogen. „Wir waren damals blutjung und nervös, als wir neben Miles im Studio standen“. Es folgten drei Einstiegs-Konzerte in Boston, New York und Tokiyo, wie Miller im Laufe des Konzerts berichtete. Die Plattenfirma Columbia-Records nahm alle drei Konzerte auf und presste sie auf Platten, weil man ja nicht wußte, wie lange Miles überhaupt wieder auftreten würde. Das Comeback wurde ein voller Erfolg und mit „We want Miles“ gelang 1983 ein wahrer Coup.
Also legte die Band, die sich noch um die drei jungen Leute, wie Miller sie nannte, erweitert hatte: der fantastische Russell Gunn an der Trompete, Brett Williams an den Keyboards und Anwar Marshall am Schlagzeug, mit einer langen Version von „Aida“ los. Es wurde viel improvisiert und experimentiert und jeder einzelne Musiker durfte mit ausgiebigen Solo-Parts beweisen, wie gut er sein Gerät beherrschte.
Russell Gunn und Bill Evans, Foto: (c) Daniel Dittus
Besonders auffällig war das wunderbare Trompetenspiel von Russell Gunn, der dem typischen Miles Davis-Ton sehr nahe kam. „Russell kommt auch aus East St. Louise, wo Miles wohnte“, erzählte Miller. „Eines Tages als wir im Studio dort arbeiteten, hat uns Russel mit in Miles ehemaliges Haus mitgenommen, wo jetzt ein Museum ist. „In dem Raum, in dem Miles immer geübt hat, sind sämtliche Noten in die Seele von Russel eingedrungen, wie man heute hören kann“, lobte er seine introvertierten und scheuen Trompeter - der immer in den Schatten trat, wenn die anderen Musiker ihre Soli spielten.
Es folgten zwei Nummern von dem Album Amandla, das Miles 1988 eingespielt hatte: „Catembe und Hannibal“. Beides Stücke, die von Marcus Miller geschrieben wurden und zu seiner eigenen Freude mit seinem typisch rasanten und zackigem Bassspiel eingeleitet wurden, machten noch einmal deutlich, wie sich der Sound von Miles Davis wieder einmal total verändert und erneuert hatte. Über den satten, treibenden Bässen von Marcus Miller und den flirrenden Gitarren-Riffs von Mike Stern lief Miles Davis wieder zur alten Top-Form auf.
Russell Gunn, Bill Evans, Marcus Miller und Mike Stern, Foto: (c) Daniel Dittus
Dann gab es eine kleine musikalische Rückschau in die Karriere vom Ausnahme-Trompeter, der immer mal wieder die Jazz-Welt revolutioniert hatte. Ende der 60er-Jahre, als die Hippies dominierten, die seltsame Sachen machten, berichtete Miller, indem er „einen Joint rauchen und LSD einwerfen pantomimisch vorführte“, aber unter Grinsen behauptete: „Das haben wir natürlich nie gemacht“. Damals stand Miles Davis auf James Brown und Jimi Hendrix. Also wurde seine Musik auch psychedelischer und komplexer. Aus dieser Zeit kommen die Titel „In a silent Way und Bitches Brew“, die leicht, luftig und verspielt begannen mit absurden Percussion-Klängen vom Altmeister Mino Cinelu und dann ziemlich nahtlos in das komplizierte Spiel aus harter Rock-Musik mit ausgedehnten ekstatischen Steigerungen übergingen.
Zur Entspannung wurde dann das Stück „Jean-Pierre“ angekündigt. Eine wunderbare Nummer mit einer ganz einfachen kleinen Melodie, die Miller und Stern vorgaben. So eingängig und klar, dass sogar das Publikum diese kleine Melodie singen konnte. Sehr zur Freude von Miller, der dann alle anderen Musiker dazu aufforderte, die Melodie aufzunehmen und mit ihren jeweiligen Instrumenten zu erweitern. Herrlich! Der Jubel in der Elphi wollte kein Ende nehmen. Unter Standing Ovations verließen die Musiker die Bühne. Aber noch gab sich das begeisterte Publikum nicht geschlagen. Ausgiebig wurde durch rhythmisches Klatschen eine Zugabe gefordert, die dann auch kam.
Marcus Miller, Foto: (c) Daniel Dittus
Mit „Tutu“ aus dem mit dem Grammy geehrten gleichnamigen Album aus dem Jahr 1986 endete eine wunderbare Hommage an den größten Jazz-Trompeter des letzten Jahrhunderts, dessen Karriere 46 Jahre andauerte und dessen einmaliges Trompeten-Spiel die Jazz-Geschichte mehrfach über den Haufen warf und in neue Höhen und Richtungen trieb. Am 26. Mai 2026 wäre Miles Davis 100 Jahre alt geworden. Er starb zu früh und fehlt noch heute, aber seine Musik hat überlebt, wie diese wunderbare fünfteilige Konzert-Reihe in der Elbphilharmonie eindrucksvoll bewies.

