Im Rahmen des SHMF und des Werftsommers der Kulturwerft Gollan begeisterte zu Wochenbeginn mit der Jazzrausch Bigband ein echtes Schwergewicht der deutschen Bigband-Szene das Publikum - zumindest den Großteil davon.
Oft ist es doch so, dass sich bei Bigband-Konzerten auf der Bühne mehr Menschen befinden als davor und für andere Verhältnisse die Zahl der unterschiedlichen Akkorde und rhythmischen Ideen drastisch reduziert werden muss. Die Jazzrausch-Bigband hat dies ohne Zweifel geändert. Ihre Mitglieder haben den Anspruch, Techno- und Jazz-Fans vor der Bühne zu vereinen und als studierte Jazzmusiker auf der Bühne dennoch Spaß zu haben. Das Konzert in der Kulturwerft Gollan war nur einer von etwa 80 Auftritten allein in diesem Jahr, bei denen regelmäßig große Hallen bis zum Rand gefüllt werden - ausschließlich Stehplätze, wohlgemerkt.
Foto: Leonhard Calm
Am Montagabend drängte sich allerdings doch der Eindruck auf, dass unter den anwesenden Konzertgästen die Techno-Jünger eher auf ihre Kosten kamen als die Jazz-Fetischisten. So wunderte es nicht, dass letztere bereits ab der Hälfte der Konzertdauer in doch merklicher Zahl und mit verdrießlicher Miene den Rückzug antraten. Das mag auch dem aktuellen Programm „Bangers Only!“ geschuldet sein, versprechen doch die Titel früherer Programme wie „Dancing Wittgenstein" oder „Bruckner’s Breakdown" eine weniger technophil anmutende Tiefgründigkeit.
Nun ist es so, dass die Jazzrausch-Bigband, zumindest am Montagabend, nicht unbedingt in klassischer Bigband-Besetzung daherkam: weniger Trompeten und Posaunen, Bass und Klavier nur elektronisch, dafür sogenannte Live-Elektronik - zusätzlich zum Synthesizer - und, grandioserweise, eine Tuba. Mit einem solchen Gerät auf dem Arm zu tanzen ist auch eine Leistung. Anstatt der Bezeichnung „Techno-Jazz“, wie sie Bandleader Roman Sladek in den Raum stellte, wäre Techno-Brass vielleicht die präzisere Beschreibung für sowohl Besetzung als auch Musikstil dieser Darbietung.
Foto: Leonhard Calm
Mit der Definition von Jazz ist es so eine Sache: Wo fängt der an, wo hört er auf? Gerade beim Bigband-Jazz haben sich allerdings gewisse Erwartungen an rhythmische und harmonische Finesse, schwindelerregende Tempi oder ausgesetzte Bläsersätze etabliert. Die Suche danach blieb bei der Jazzrausch Bigband ebenso wie die nach allgemeiner Abwechslung weitgehend ergebnislos, die musikalischen Mittel wiederholten sich: Grundton-brazzendes Blech, mit massig Reverb versehene Vocals und eine bpm-Zahl, die selten einmal Ausschläge nach oben oder unten aufwies. Es mag kaum einen Bigband-Schlagzeuger geben, der einen homogeneren Job verrichtet als der Kollege am Montagabend. Die Tanzbarkeit des Gebotenen stand hier klar im Vordergrund - und damit ist kein Swing gemeint.
Denkwürdig gestaltete sich hingegen die Performance: Die Energie und Lebensfreude, die sich von der Bühne über das ausharrende Publikum entlud, suchen unter den einschlägigen Veranstaltungen ihresgleichen. In einigen ebenso rasanten wie einfallsreichen Soli zeigte sich dann auch die hervorragende musikalische Ausbildung der Beteiligten. Zudem muss man ihnen eine umwerfende Tightness im Ensemblespiel attestieren. Ein Highlight war definitiv die selbstironische Moderation Roman Sladeks, der sich sehr geehrt zeigte, dass die Band mit ihrem „Kaschperletheater" beim SHMF auftreten dürfe. Musikalisch blieb von den Kompositionen Leonhard Kuhns beispielsweise der „Ur-Banger“ (Sladek) mit dem Titel „J’arrive“ in Erinnerung, bei dem Sladeks mit Octaver versehene Posaune in Subcontralage brazzend die Werftwände in Wallung versetzte. Auch die Vertonungen einzelner Szenen aus Goethes Faust zeugen von durchaus vorhandener Experimentierfreude.
Foto: Leonhard Calm
Festzuhalten bleibt, dass der Abend mindestens der Hälfte des Publikums große Freude bereitete. Dem Rest sei dringend empfohlen, einmal ein Ohr auf die älteren Alben der Jazzrausch Bigband zu werfen. Da finden sich einige Banger anderer Art - auch für jene, denen der Jazz mehr am Herzen liegt als der Techno.

