Eine schöne Bescherung, Foto: Gerda Vorkamp

58. Nordische Filmtage
NFL und die Realität am 9.11. - Nachlese für A. und C. und andere, die nicht dabei sein konnten

Gerda VorkampVon

Eine schöne Bescherung nach der andern ... Heute früh saß ich eine Weile geschockt am Tisch, nachdem ich die ersten Nachrichten gehört hatte und dachte: „Wen der Teufel bestrafen will, dem erfüllt er seine Wünsche.“ Die goldene Herbsttracht vor dem Fenster, eingehüllt und wie erstarrt in frostiger Pracht – geradezu sinnbildhaft. Was mag nun kommen nach diesem drastischen Umschwung? Ja, es gibt noch anderes und zweifellos Wichtigeres als die NFL, aber dennoch will ich euch von ihnen, wie versprochen, abschließend noch ein wenig erzählen.

Die Nachricht, dass Du, liebe A., ins Krankenhaus gekommen bist und ihr deshalb nicht anreisen konntet, musste ich auch erst mal verdauen. All die vorgekochte Kürbissuppe, die ich nun nächtens und dann noch allein zu mir nehmen muss, nenne ich meine persönliche „Crisis cuisine“ (immerhin gut fürs Zahn-Provisorium). Ausgerechnet über diese schöne Idee vom Vorjahr mit dem schrecklichen, kaum aussprechbaren Namen hatten wir ja zuletzt am Telefon geredet und hatten vor, uns dort mit dem „lieben S.“ zu treffen, als wir von Deiner „Crisis“ noch nichts ahnen konnten. Einige sorgenvolle Stunden verbringe ich stattdessen nun nach C.’s Anruf im Kino und lasse mich dennoch mehr denn je davontragen von wunderbaren Machwerken und dem Wechselbad in tiefgreifenden Gefühlen aller Art, die selbst jetzt noch nachwirken. Ja, ich gehe völlig konform mit Holgers und der schon alsbald einstimmig geäußerten Meinung vieler anderer, dass es dieses Mal „ein starker Jahrgang“ ist. Ihr habt also einiges verpasst – das steht außer Frage. Insbesondere, da ich Karten für fast alle eure Wunschfilme ergattert hatte, ganz stressfrei, ohne Schlangen an den Kassen.

Karten? Nein, Zettel sind es leider in diesem Jahr, wie beliebige Kassenbons. Schade! Da bin ich doch froh, die netten kleinen Kärtchen vom letzten Jahr über den Umzug gerettet zu haben. (Ein Blick darauf lässt mich erstaunt feststellen, dass ich mich noch an alle einzelnen Filme – 14 an der Zahl! – allein vom Titel her erinnern kann.) Nun stehe ich also immer mal wieder, wedelnd mit Flatterzetteln, zwischen zwei Vorführungen im Foyer, um die Reservierungen für euch wieder zu verkaufen und werde dadurch unfreiwillig zu einer Art Filmberaterin für Beiträge, die ich zum Teil selbst noch nicht gesehen habe. So entstehen allerdings lauter Begegnungen, die ich nicht missen möchte, denn aus unerfindlichen Gründen treffe ich in diesem Jahr nur sehr wenige Leute zum Austausch nach den Filmen. Auch von daher fehlt ihr mir enorm! Stressig ist die Rückgabe-Aktion nur insofern, als ich überhaupt nicht mehr zum Essen komme (noch besser fürs Provisorium), keine Uhr dabei habe und jene, die im Foyer hängt, kaputt ist, sodass ich dauernd Angst habe, nicht rechtzeitig zum nächsten Film zu kommen. Auch das passiert, aber ich werde sämtliche Tickets wieder los und habe zumindest ein Mädchen glücklich gemacht, das jetzt doch noch Gilberts grausame Rache sehen kann.

Gilberts grausame Rache (c) Eirik AavatsmarkGilberts grausame Rache (c) Eirik Aavatsmark

Die Rache – großes Thema bei diesen Filmtagen, und nicht immer verläuft sie so witzig wie in dem gelungenen Kinderfilm, in dem sich Gilberts völlig schräge Tante Doris zur eigentlichen Hauptfigur mausert. Unglaublich, was die Schauspielerin Gisken Armand da vollbringt und allemal sehenswert auch für Erwachsene! Der Hölle Rache kocht also auch in anderen Herzen als in dem der Königin der Nacht alias Florence Foster Jenkins, letztlich sogar in meinem – ein Gefühl, das mir sonst glücklicherweise eher fremd ist. Nun jedoch hätte ich einige Male ausrasten können – was während einer Filmvorführung schlechterdings oder Gott sei Dank nicht möglich ist, damit aber Rachegelüste nährt. Wie kann es beispielsweise angehen, dass eine Journalistin neben mir nicht nur während des Films telefoniert, sondern alle paar Minuten ihre Taschenlampe anknipst, um sich Notizen zu machen!? „Es geht nicht anders“, lautet ihre lapidare Antwort auf diese meine Frage im Anschluss an den Film, „ich weiß, dass das nervt.“

Ja, und wie! Nicht nur eine erhebliche optische Beeinträchtigung, sondern sogar eine akustische, jedes Mal aufs Neue ein kleines Herausgerissen-Werden aus dem nur schwer auszuhaltenden Film Der Tag wird kommen. Verhängnisvollerweise kommt auch in Die Vögel über dem Sund dieselbe Taschenlampe neben mir wieder zum Einsatz. Und wiederum in einem äußerst packenden Werk, das für mich die lebensbedrohliche Bedrängnis von Menschen auf der Flucht hautnah spürbar werden lässt. Brandaktuell, wenngleich es hier um die Flucht dänischer Juden über den Sund nach Schweden im Jahre 1943 geht. Da mag J. das Drehbuch langweilig finden und sich „endlich mal eine andere Erzählperspektive wünschen als die gängige“ und Orson Welles zitieren, für den es angeblich nur drei wichtige Dinge beim Filmemachen gab: ein gutes Drehbuch, ein gutes Drehbuch und ein gutes Drehbuch. Was nützt denn ein solches, wenn die Umsetzung nicht gelingt? Nischt. Und auch eine klassische Erzählform will doch erst einmal gekonnt sein, oder? Frau Journalistin jedenfalls ist sichtlich so stark ergriffen nach diesem Werk, dass sie mich um ein Taschentuch bittet. Dank des Filmgeschehens gehen meine Rachegelüste schon längst nicht mehr so weit, ihr dies zu verweigern.

Nordic Tango

Gnade heißt das Gebot dieser Stunde ... Anders beim Film Rache: Für mich gehört auch schon der geliebte Tango-Trailer oder Trailer-Tango jeweils mit zum kommenden Film, er geleitet vom Draußen zum Drinnen, von der Wirklichkeit zur Fiktion, von vorherigen Aktivitäten zur Konzentration. Nicht so, wenn währenddessen noch lauthals geredet und ausgiebig geknistert und gekruschtelt wird, Mobilgeräte leuchten und blinken, insbesondere direkt am Nebenplatz – wirklich bis zum allerletzten Ton des Tangos, dem ganz hohen, den mitsingen zu können manch eine(r) sich immer wieder wünscht. (By the way: Genau das haben wir bei der Pressevorführung des Eröffnungsfilms Rosemari  versucht, alldieweil die Technik wieder mal nicht ganz parat war und der Ton so unerträglich laut, dass wir als Gegenmaßnahme aus vollen Kehlen mitgeschmettert haben. Kein Problem bei der gähnenden Leere im Saal. Aber was für eine Stimme, F.! Wann kommst Du mit in den Chor? Ich bin schwer beeindruckt!) Genervt von links und im Geiste das Handy schnappend und weit wegwerfend, rutsche ich also soweit wie möglich nach rechts, allerdings auch weil vor mir eine Art Kettenreaktion stattfindet: Irgendjemand weit vorne verdeckt die Sicht, die Person dahinter beugt sich vor oder zur Seite und behindert damit die Sicht derjenigen dahinter und so setzt sich das Vor-, Zurück- und Hin- und Herbeugen durch die Reihen fort. Hat auch was Komisches. Ich sitze still und schräg gen rechts geneigt, so geht’s, wenn ich nicht dennoch den Ellenbogen meines Nachbarn von links ab und an spüren würde. Das stört und lenkt schon wieder ab.

Damit nicht genug: Als sich der Film, in dem sexuelle Übergriffe das Hauptthema sind und zur ausgeklügelten späten, aber umso drastischeren Rache führen, seinem und einem ganz gewissen Höhepunkt nähert, landet des Nachbarn rechte Hand an meinem linken Oberschenkel und lässt mich noch ein paar Zentimeter weiter nach rechts rutschen. Die Hand wird – langsam – zurückgezogen. Wenig später ist sie aber wieder da. Das kann kaum versehentlich passieren. Nun murmelt dieser Mensch auch noch seltsam vor sich hin. Mir entgehen einige Passagen des Films, weil ich mich idiotischerweise ernsthaft frage, ob meine Wahrnehmung noch intakt oder durch diesen Film getrübt ist. Fakt ist: Mir ist unwohl und unheimlich, am liebsten würde ich aufspringen und bin so wütend über diesen Zwischenfall. Am Ende bloß schnell raus! Ich drängele mich vor. Trotzdem will ich den Mann einmal richtig von vorn sehen. Das gelingt mir nicht, er verschwindet für längere Zeit auf der Toilette. Hony soit qui mal y pense. Ich treffe auf E., die mich ganz entgeistert ansieht und fragt, was denn vorgefallen sei, mein Gang sei anders als sonst.

Filmszene aus Rache (c) NFIFilmszene aus Rache (c) NFI

Apropos Toilette: Die Tür zur Damentoilette neben Kino 3 gibt bei jedem Öffnen genau wie im letzten Jahr ein lautes „Bang“ von sich und lässt Uneingeweihte jedes Mal zusammenzucken. „Oh, it really scares me“, bemerkt die Produzentin von Rosemari. Auch die Handtuchspender geben immer wieder Rätsel auf, aber Anlass zu Heiterkeit. Wieso der inzwischen bekannte Sensorpunkt plötzlich nur noch auf meine Hand reagiert und andere Frauen an sich selbst zweifeln lässt, ist völlig unerklärlich. Es freut aber nicht nur mich, dass ich mit dem Wort „magic“ ein ums andere Mal das gewünschte Papier hervorzaubern kann. Das allein wäre vielleicht nicht erzählenswert, aber dass direkt danach, vor Beginn des nächsten Films, der sympathische Mann zu meiner Rechten seiner Partnerin amüsiert exakt die gleiche Geschichte (nur ohne „magic“) vom Männerklo erzählt, hat denn doch was Komisches. Ob sich versteckte Kameras in beiden Toiletten befinden, die den nächsten Kurzfilm drehen? Gut vorstellbar!

Unter den Kurzen finden sich sowohl wieder kleine Schmankerl wie Meisterwerke. Selbst da fließen ab und an die Tränen. Mich rühren ganz besonders vier: Im Herzen des Landes – eine Doku über ein Ehepaar, das in finnischer Einsamkeit aus Altersgründen seinen Bauernhof aufgeben muss. Der mit der Kamera einfühlsam begleitete Prozess des Abschiednehmens ist kaum auszuhalten. Thanks for Dancing wirkt ebenfalls wie die Dokumentation eines langen Abschieds, ist aber ein kleiner Spielfilm über ein Männerpaar, das ganz bewusst seinen letzten gemeinsamen Winter erlebt und in liebevoller Zärtlichkeit auf ein langes, glückliches Leben zurückblickt. Ich muss euch wohl nicht erklären, was dabei in mir vorgeht ... Kühlhaus packt mich auf völlig andere Weise. Wie drollig, aber auch absolut faszinierend und mitreißend wird die so schräg beginnende Story, in der ein im Eis eingefrorener Mann von einem andern gefunden und aufgetaut wird, als diese zwei kräftig gebauten Männer in Unterhemd und Trainingshose in ihrem Zelt auf zugefrorenem See plötzlich zu rasanter Musik ein klassisches Ballett aufs Parkett legen. Last not least muss ich die Doku Zehn-Meter-Turm erwähnen, die ich allerdings schon in der Theaternacht gleich zweimal angeguckt habe. Ganze Dramen spielen sich in den Gesichtern aller KandidatInnen vor der Entscheidung für oder gegen den Sprung vom Turm ab – großartig gefilmt in immer gleicher Einstellung.

Filmszene aus Kühlhaus, Foto (c) Lumikinos Production OyFilmszene aus Kühlhaus, Foto (c) Lumikinos Production Oy

Unser gemeinsamer Wunschfilm wäre Mutter gewesen. Der „liebe S.“ schaut ihn mit mir an, ganz vorn im vollbesetzten, großen Kino 3, weil ich leider verschlafen habe und wir dadurch zu spät dran sind für bessere Plätze. Auch ein Erlebnis! Glücklicherweise kommt der Film mit sparsamen Untertiteln aus. Eure Tickets konnte ich zwei Schwestern verkaufen, die jetzt verrückterweise direkt neben uns sitzen und ganz glücklich über diesen Film sind. S. vertieft sich anschließend in ein analytisches Gespräch über die Dramaturgie des Werks mit der faszinierenden Hauptdarstellerin Tiina Mälberg, da das Ende der Geschichte ihn verstört hat.

Selten so viele Spielfilme gesehen, selten so viel anderes verpasst. Ähnlich geht es dem holländischen Paar, das jedes Jahr zu den NFL anreist und das ich schon vermisst habe, aber am letzten Tag im Kolosseum doch noch zum Film Der Eid treffe. Die gegenseitige Freude über unser Wiedersehen ist groß, der Film harter Tobak und nichts für schwache Nerven. Ein Rätsel am Rande: Wie kann der Regisseur und Hauptdarsteller Baltasar Kormákur mit einem Rennrad immer wieder über Schnee und Eis brettern, ohne sich langzulegen? Ich habe seit gestern schon große Mühe auf normalem Rad bei gemäßigter Fahrt.

Nach diesem Hammer wäre Eine schöne Bescherung zu guter Letzt eine entspannende und herzerfrischende Wohltat. Auf die müsst ihr aber nicht mehr allzu lange warten. Sie kommt pünktlich zum 22.12.2016 in die deutschen Kinos. Bis dahin empfehle ich wärmstens Schwedisch für Fortgeschrittene auf DVD, denn es geht nichts über Helena Bergström und Maria Lundqvist im Doppelpack, die in beiden Filmen unübertrefflich in ihrer Komik sind.

Eine schöne Bescherung, Foto (c) Peter MokrosinskiEine schöne Bescherung, Foto (c) Peter Mokrosinski

Über all die Events am Rande kann ich euch kaum was erzählen. Live-Musik in der Katharinenkirche zu Filmen aus der Retrospektive: nur Gutes darüber gehört, abgesehen von der Kälte in der Kirche. Neue Stichworte „immersive Erzählformate“, sprich das 360°-Gucken durch die Brille oder im Fulldome: „Geht so“, sagt T. „Muss aber nicht sein. Wir tauchen doch auch so schon völlig ab.“ Ganz meine Meinung. Die Open-Air-Vorführung auf dem Dach des Hanse-Museums? Gute Idee, aber noch niemanden gesprochen, der oder die dort war. Nachtbus mit Tonspur? Dito.

Allein zum Eröffnungsbuffet im Dom habe ich mich zum ersten Mal überreden lassen, auch um vom Film Der Tag wird kommen wieder Abstand zu gewinnen, denn wie soll das weitergehen, wenn ich nach dem zweiten Opus schon völlig fertig bin!? Der Weg führt vorbei an bunt leuchtenden Gießkannen (Was wollen sie uns sagen?) in die ebenfalls warm leuchtende, gut besuchte und von lautem Stimmengewirr durchdrungene Apsis des Doms. Reden bzw. vor allem Hören wird schwierig. Sehen und gesehen werden ist hier wohl Hauptsinn und -zweck der Veranstaltung, aber leckere Häppchen mümmelnd auf historischen Grabplatten zu stehen, mutet gerade etwas merkwürdig an. Ich habe jedoch auch gesehen, was bzw. wen zu sehen ich mir gewünscht hatte, und ziehe vom Rotwein beschwingt alsbald wieder von dannen und weiter zum nächsten Film, dem dritten von insgesamt 16, aber das weiß ich da noch nicht.

Nicht erst am Sonntagabend stelle ich fest, dass ich dieses Jahr die Grenzen meiner Aufnahmefähigkeit einige Male überschritten habe (danke, M., für das mir flugs zugeflüsterte Ende des ersten Kurzfilms, bei dem ich eingenickt bin) und sich körperliche Auswirkungen wie Nackensteife, Unruhe in den Beinen und Schwindelattacken breitmachen – vom enormen Schlafdefizit aufgrund nächtlicher Arbeitszeiten mal ganz zu schweigen. Trotzdem oder gerade deswegen, so gänzlich neben der Spur, kann und will ich jetzt nicht einfach nach Hause radeln. Wie wunderbar ist es da, bei jemandem klingeln zu dürfen, wo sich nicht nur die Tür auftut, sondern spontan sogar ein leckeres Abendessen kredenzt wird, bei dessen Genuss ein Teil der Filme noch mal Revue passieren kann. Vielen Dank, liebe H.! Dass wir beide aber einen ernsthaften, wenn auch nur ganz kurzen Gedanken daran verschwenden, dass ja in Kürze der Tatort beginnt – das darf nun wohl wirklich nicht wahr sein!

Eine schöne Bescherung, Foto: Gerda VorkampEine schöne Bescherung, Foto: Gerda Vorkamp

Gerda Vorkamp
Gerda Vorkamp
Geboren 1958 in Herford, Lehramtsstudium, Angestellte im Fremdsprachendienst, freiberuflich tätig als Lektorin. Bei Unser Lübeck seit Beginn als Autorin und seit 2016 als Redakteurin dabei.
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