(c) Nordische Filmtage

61. Nordische Filmtage
Tagebuch-Nachlese

Gerda VorkampVon

Hier nun meine Tagebuchaufzeichnungen - insbesondere für I., alias B., die danach gefragt hat...

Tag 1, Dienstag, 29.10.2019
Nach arbeitsreichem Vormittag (Vorbereitungen für die Anreise von C & A, ja, Schwager und Schwägerin werden glücklicherweise wieder dabei sein!) erfrischende Radfahrt am Kanal und Krähenteich entlang zur Akkreditierung in der Stadthalle mit anschließender Pressevorführung von „Feuer und Flamme“ (Eld och Lågor, Schweden 2019).

Seltsam: Der Funke will und will bei diesem „sprühenden Eröffnungsfilm“ weder bei mir noch bei den meisten Anwesenden im Publikum so recht überspringen. Ist die Journaille schon derart abgeklärt, um für gewollt überzeichnete Romantik, Kitsch und bonbonbuntes Variété-Milieu keinen Sensor mehr zu haben? Die TeilnehmerInnen des anschließenden Pressegesprächs, allen voran Kristina Åberg, Produzentin, sowie die beiden Regisseure Måns Mårlind und Björn Stein, überbieten sich ja förmlich im Ausdruck ihrer eigenen Begeisterung über ihr Machwerk, das ja nur 5 Millionen gekostet habe und doch wohl eher nach 50 Millionen aussehe, ihrer Meinung nach ein Beweis dafür, wie gut sie gearbeitet hätten. Was die reine Filmtechnik angeht, sei das unbestritten. Bunter und üppiger kommt ganz bestimmt kein weiterer Film dieser Tage daher, aber mein Herz berührt er leider nicht. Nach Holly- und Bollywood nun noch Skandiwood, denke ich mir. Aber andere finden ihn „ganz toll“, wie sich später in privaten Gesprächen bzw. auch offenbar bei der offiziellen Eröffnungsvorführung herausstellen wird.

Vorführung des Eröffnungsfilms 'Feuer und Flamm/ Swoon', Foto: (c) Nordische Filmtage/ Olaf MalzahnVorführung des Eröffnungsfilms 'Feuer und Flamm/ Swoon', Foto: (c) Nordische Filmtage/ Olaf Malzahn

Leicht enttäuscht über diesen Auftakt und nachdenklich („Liegt’s an mir?“) widme ich mich nach Einkäufen weiter dem gut geplanten Back- und Kochprogramm daheim. Aber so ist dieser Eröffnungstag einfach zu unbefriedigend, also radel ich um 22 Uhr ins Koki zum dokumentarischen Kurzfilmprogramm. Sehr gute Idee! Sechs sehenswerte Filmchen aus Estland, Finnland und Norwegen in ihren jeweiligen Besonderheiten, sowohl was die Geschichten als auch ihre filmische Umsetzung betreffen, erwärmen nun doch noch mein Gemüt nach kalter Nachtfahrt. Es sind: „Neue Nachbarn (Uued Naabird, Estland 2018), „Baby with a Playlist“ (Finnland 2019), „Eisreflektionen“ (Jään vetovoima, Finnland 2019), „The Art of Working in Pairs“ (Norwegen/UK 2019), „Polyfonatura“ (Norwegen 2019) und „Ribadit“ (Norwegen 2019).

Tag 2, Mittwoch, 30.10.2019
Dies wird ein vollgepackter Film-Tag, daher frühes Aufstehen, Geburtstagspäckchen packen und wieder durch den kalten, aber goldenen Oktober zum großen Kino 3 in der Stadthalle. Wie so vielen, die nur zu den NFL dort sind, geht es auch mir so, dass ich die neue Bestuhlung noch nicht kenne und mich nach dem ersten Treppenaufgang verdutzt vor Stühlen wiederfinde, wo vorher keine waren. Die Aufgänge zu den oberen Rängen haben sich verschoben, und die Neuerungen bieten Anlass zu wiederholten Diskussionen über Sinn und Zweck von knarzenden Kunstlederpolstern („sicherlich leichter zu reinigen“). Also möglichst stillsitzen! Das fällt nicht schwer bei „Herzdame“ (Dronningen, Dänemark/SE 2019) mit Trine Dyrholm in der Hauptrolle als Anne, Regie May el-Toukhy. Eine erfolgreiche Anwältin in scheinbar glücklichen familiären Verhältnissen setzt ihre gesamte Existenz durch die Verführung des 17-jährigen Sohnes ihres Mannes aus erster Ehe aufs Spiel und verstrickt sich immer mehr in diese fatale Affäre. Ihr Verhalten, das zu Beginn vielleicht gerade noch irgendwie nachvollziehbar dargestellt ist, wird im weiteren Verlauf schier unerträglich, insbesondere vor dem Hintergrund, dass sie selbst als Fachfrau für Missbrauchsfälle beruflich tätig ist und dort in der Betreuung Minderjähriger offensichtlich sehr gute Arbeit leistet. Das Ganze ist kaum auszuhalten! Durch den leicht im Vagen bleibenden Vorgriff zu Beginn des Films auf sein allzu bitteres Ende lässt sich erahnen, wohin diese unsägliche Reise geht, und tatsächlich werden wir nicht im Unklaren darüber gelassen, dass Anne ein junges Leben auf dem Gewissen hat und dennoch versucht, ihre gewohnte Fassade aufrechtzuerhalten. Was für ein Film! Er wird später noch mehrfach zur Sprache kommen. Ich bin erst mal sprachlos!

Filmszene aus 'Herzdame', (c) Rolf KonowFilmszene aus 'Herzdame', (c) Rolf Konow

Dennoch geht’s nach kurzer Pause gleich weiter im selben Kino mit „Pferde stehlen“ (Ut å stjæle hester, Norwegen/SE/DK 2019, Regie Hans Petter Moland), einer preisgekrönten Bestseller-Verfilmung nach dem Roman von Per Petterson. Wer diese „typischen Nordischen“ liebt, kommt hier voll auf seine Kosten. Wunderbare Geschichte, großartige DarstellerInnen, atemberaubende Landschaft, ein filmerischer Hochgenuss – Herz, was begehrst du mehr!? „Der Sohn des Vogelfängers“ (Fågelfångarens son, Schweden(FO/DK 2019, Regie Richard Hobert), ein emotionales Familiendrama auf den Färöern, lässt sich in die gleiche Kategorie mit (fast) der gleichen Begeisterung einordnen („Wunderbar! Ich habe so viel geweint!“, sagt R.), aber erst einmal ist eine anständige Pause fällig: Spaziergang bei herrlichem Wetter und anschließende Verabredung mit Margit und Hans („meinen lieben Holländern“) zum Pizza-Essen und ausgiebigem Klönen, nicht nur über die Filme, sondern auch über Privates und endlich einmal nicht zwischen Tür und Angel wie in den vergangenen Jahren, sondern in relativer Ruhe – ein sehr angenehmes Treffen und fröhlich dazu! Wie schön!

Nach den beeindruckenden Bildern von den Färöern (ob die Garderobe für die damalige Zeit wirklich zu schön sowie die prachtvolle Ausstattung und vorzügliche Beköstigung im ortsansässigen Lokal wirklich nur reine Fiktion sein kann, sei doch mal dahingestellt – ist das wirklich so wichtig?), nach dem schönen Erzählkino also klingt der Abend im wahrsten Sinne des Wortes aus mit der faszinierenden „Natursinfonie“ (Luonto sinfonia, Finnland 2019), einem wirklich außergewöhnlichen Machwerk, in dem die starke Komposition von Paanu Aaltio an erster Stelle steht, wie der Regisseur Marko Röhr bescheiden betont, weil Klänge seiner Meinung nach stärker als Bilder in der Lage sind, den Menschen die Empfindungen zu vermitteln, die die oft (und Gott sei Dank immer noch) atemberaubende Natur in ihm auslöst. Eine Filmvertonung oder doch eine Musikverfilmung? Wie auch immer – Optik und Akustik gehen hier eine untrennbare harmonische Verbindung ein, wobei das Orchester nur ab und an zu sehen ist, wie es live vor der Leinwand im Film selbst spielt, auf der die grandiosen Naturaufnahmen in allen Elementen, sowohl von nah wie von fern, zu bestaunen sind. Höchst hörens- und sehenswert!

Regisseur Marko Röhr 'Natursinfonie', (c) Nordische FilmtageRegisseur Marko Röhr 'Natursinfonie', (c) Nordische Filmtage

Tag 3, Donnerstag, 31.10.2019
Heute rückt mein lieber Besuch an, deshalb plane ich nur ein schmales Filmprogramm, damit auch die letzten Vorbereitungen nun endlich fertig werden können. Unter anderem sollen die Räder noch flottgemacht werden. Dank an E. fürs erneute Ausleihen!

„Munch in der Hölle“ (Munch i helvete, Norwegen/NL 2018) von Stig Andersen ist eigentlich ein Dokumentarfilm, der aber unter den „Specials“ läuft, also denjenigen Filmen, die nicht im Wettbewerb antreten. Die detailreiche Studie liefert eine Menge Fakten, die den meisten ZuschauerInnen vermutlich unbekannt gewesen sein dürften. Munch vermachte der Stadt Oslo sage und schreibe mehr als 20.000 Grafiken und Skizzen sowie 1.000 Gemälde. Dass diese Fülle an Kostbarkeiten weder katalogisiert wurde noch einen angemessenen Präsentationsort erhielt (einige Bilder hingen gar auf Pissoirs!), sodass sie ohne große Mühen gestohlen werden konnten, ist genauso unfassbar wie die Tatsachen, dass Munchs Ateliers und sein Wohnhaus abgerissen und seine sterbliche Überreste 15 Jahre in einer Nische irgendwo auf einem Friedhof von Grünzeugs überwuchert wurden. Die komplizierte Psyche des Künstlers („Ich bin zu nichts fähig außer zum Malen.“) wird ebenso beleuchtet wie seine besondere Beziehung zu Lübeck durch die Freundschaft mit Max Linde. Wer die von Munch gemalten Söhne des Max Linde im Behnhaus noch nicht gesehen hat, sollte dies alsbald nachholen. Etwas anstrengend ist es, im Film dem zeitlichen Hin- und Herspringen zu folgen, dessen Sinn und Zweck nicht nur mir ebenso unklar bleibt wie der reißerische Titel. Trotzdem ein höchst empfehlenswertes Werk.

Als Kontrast zu Fakten nun wieder Fiktion in Form des dänischen Psychothrillers „Ausnahme“ (Undtagelsen, DK 2019, Regie Jesper W. Nielsen [„Der Tag wird kommen“, Publikumspreis 2016]) nach dem Bestseller von Christian Jungersen über die Alltäglichkeit des Bösen. Bevor es losgeht, wird im Kino 3 nicht nur erneut über die Polster geredet, sondern es macht sich auch verstärkt Unmut über die veränderte Abstimmungsform breit. In diesem Jahr kann nur noch digital abgestimmt werden; die netten bunten Pappstreifen, die nach jedem Film direkt in die Abstimmungsboxen geworfen wurden, sind passé – eine Idee der Lübecker Nachrichten (Print promotet Digitales!), die auf allgemeine große Ablehnung stößt. Wie soll da auch ein glaubwürdiges Ergebnis herauskommen, wenn theoretisch jede/r mehrmals abstimmen kann und das sogar für Filme, die er oder sie gar nicht gesehen hat? Absurd! Ich spreche mit vielen, die sich dieser Abstimmungsform vehement verweigern und gehöre selbst dazu.

Filmszene aus 'Ausnahme', (c) Martin DamFilmszene aus 'Ausnahme', (c) Martin Dam

Zurück zum Film. Der ist sehr spannend, sehr packend, lebt von seinen vier bekannten und überzeugenden Hauptdarstellerinnen und dem sich immer wieder wendenden Plot in einer mit unterschwelligen wie offen ausgetragenen Verdächtigungen angereicherten und immer dichter werdenden Atmosphäre des Mit- und Gegeneinander am Arbeitsplatz. Wer wie ich am Ende eine kleine, aber wichtige Szene vom Beginn des Films nicht mehr ganz parat hat, ist verunsichert über den Ausgang des Ganzen. Wie gut, dass mir M. mit diesem entscheidenden Hinweis auf die Sprünge hilft. Als Engländer hat er es mit dem Lesen der hier geballt erscheinenden Untertitel aber auch ein wenig einfacher.

Auf dem Nachhauseweg tönt hysterisches Gekreische aus dem Stadtpark; die ersten Halloweenies treiben bereits ihr Unwesen. Zwischen kindlichen Klingel-Kaskaden kommen C & A an die Tür und schließlich auch ins Haus. Wir genießen unser Wiedersehen und zunächst einmal einen gemeinsamen filmfreien Abend bei willkommener Verköstigung nach mehrstündiger Anreise der beiden.

Tag 4, Freitag, 1.11.2019
Ab heute also zu dritt, das heißt aber nicht unbedingt immer zum selben Film. C & A starten mit dem Jugendfilm „Das Waisenhaus“ von Shahrbanoo Sadat aus Afghanistan, wo die Geschichte auch spielt. Das mutet auf den NFL etwas merkwürdig an, aber der Film als solcher beeindruckt C & A, wenn auch hauptsächlich durch die anschließenden Berichte der anwesenden Regisseurin.

Ich beginne diesen Filmtag mit einer ausverkauften Schulvorstellung im Kolosseum (Filmempfehlung: ab 9 Jahren). Das ist ja auch mal ein Erlebnis! Umringt von Hundertschaften junger SchülerInnen im Foyer des Kolosseums frage ich mich angesichts des lauten Tohuwabohu, ob ich mir das wirklich antun will. Es ist sowieso fraglich, ob ich überhaupt noch einen freien Platz ergattern kann. Schließlich klappt es doch – und siehe da, nach ca. 10 Minuten herrscht komplette Stille im vollbesetzten Saal. Das bleibt auch tatsächlich so bis zum Schluss (mit Ausnahme einer kurzen Phase von Klogängen, die meist zu dritt oder viert erfolgen). Begeisterter Szenenapplaus findet ebenso statt wie eine sehr angeregte Frage- und Antwort-Session im Anschluss an die Vorführung. „Zu weit weg“ heißt das Kinodebüt von Sarah Winkenstette (Deutschland 2019) und erzählt die Geschichte vom fußballbegeisterten Ben, dessen Heimatdorf dem Braunkohletagebau weichen soll. Nach dem Umzug von Bens Familie trifft er in der neuen Schule auf Tariq, einen Flüchtling aus Syrien. Beide sind zunächst Außenseiter in der Klasse sowie im Fußballverein, finden aber nach und nach Gemeinsamkeiten durch den Verlust ihrer Heimat und die Herausforderungen, die ihre neue Umgebung an sie stellt. Schließlich werden die zwei so unterschiedlichen Jungen beste Freunde. Herzig und einfühlsam gemacht und, wie deutlich zu spüren war, offenbar ganz im Sinne des jungen Publikums.

Filmszene aus 'Zu weit weg', (c) Weydemann Bros.Filmszene aus 'Zu weit weg', (c) Weydemann Bros.

Bis zum nächsten Film ist Zeit zum gemeinsamen Bummeln, Essen (das „Kaffeewerk“ hatte Köstliches im Angebot) und Rückfahrt zum Kolosseum. Wir begeben uns in die Vorstellung, bei der nicht gerade wenige Menschen den Saal vorzeitig verlassen. Wir werfen uns auch das ein ums andere Mal verstörte Seitenblicke zu, harren aber immerhin bis zum Ende aus, um uns dann in einer Mischung aus Amüsement und Ratlosigkeit wiederzufinden. Roy Andersson wartet in gewohnt ungewohnter Manier mit „Über die Unendlichkeit“ (Om det oändliga, Schweden/DE/NO/FR 2019) auf, ein Kaleidoskop über ewig Menschliches, das schon vorab als Meisterwerk gehandelt wird. Nun, man wie frau muss es mögen oder nicht. Dazwischen gibt es vermutlich nichts. Schon die ersten Bilder erinnern sofort an die „Taube, die auf einem Zweig sitzt und über das Dasein nachdenkt“ (NFL 2014), ähnliche Farben, ähnlich skurrile Szenen, ähnlich verstörende Wirkung. Dennoch: Die Bilder bleiben haften, da kann eine/r sagen, was er, sie, es will. H. meint lapidar: „Ich ärgere mich jetzt nicht, ich trinke jetzt ’nen Sekt.“ Das tut sie auch zusammen mit ihren Freundinnen. Wir treffen das Grüppchen im Filmhaus wieder und lassen uns, da wir nach diesem sehr speziellen Film-Erlebnis nicht ganz so flott umschalten können und auch etwas trinken wollen bzw. müssen, von Freunden schon mal Plätze für den folgenden Film freihalten, wie praktisch!

„Nova Lituania“ (Litauen 2019, Regie Karolis Kaupinis) ist auf seine Art ebenfalls ein etwas schräger Film, hat er doch die absurd anmutende Idee zum Inhalt, ein Ersatz-Litauen irgendwo in Afrika entstehen zu lassen, um das eigentliche Litauen vor Hitler und Stalin zu retten. Diesen Plan hat der litauische Geografieprofessor Kazys Pakštas tatsächlich verfolgt. Im Schwarz-Weiß-Film des jungen, sympathischen und sehr engagierten Regisseurs vermischen sich historische Realität und Fiktion auf ironische Weise. Leider bin ich just im Konzentrationstief gelandet und dämmere ein paar Mal beim Verfolgen der Untertitel davon. Schade.

(c) Nordische Filmtage(c) Nordische Filmtage

Fast übergangslos stellen wir uns zu den ersehnten „Nordic Shorts“, Abteilung „Postpubertäre Betriebsstörungen“, an. Na, das sind ja mal wieder sieben Schmankerl zur Nacht: (aber‑)witzig, liebenswürdig, skurril, seltsam, abstoßend, surreal, humorvoll – die Aufzählung ließe sich noch erweitern. Es führt zu weit, alle sieben einzeln zu beschreiben. Ihre Titel sind: „Neue Anfänge“ (Uued algused, Estland 2019, Regie Tanno Mee), „All inclusive“ (Finnland 2019, R: Teemu Nikki), „Sorry not sorry“ (Schweden 2019, R: Julia Thelin), „Der Antrag“ (Frieri, Norwegen 2018, R: Det sporadiske filmkollektiv), „Pünktlich“ (Laiku, Litauen 2019, R: Joré Janavičiūté), „Die ersten Tage“ (De første dagene, Norwegen /DK 2019, R: Nina Knag) und „Die letzte Konversation“ (I väntan på döden, Schweden 2019, R: Lars Vega, Isabelle Björklund).
Die Nachbereitung des heutigen, prall gefüllten Tages daheim beim Nachtmahl nimmt noch einige Zeit in Anspruch und lässt uns vergnügt und zufrieden, aber viel zu spät ins Bett kommen.

Tag 5, Samstag, 2.11.2019
Nach kurzer Nacht noch früherer Aufbruch als gestern. Ich geleite C & A in Richtung Koki und fahre selbst schon wieder zum Kolosseum. Auf „The County“ (Héraðið, Island/DK/DE/FR 2019) von Grímur Hákonarson, dem „Stur Böcke“-Regisseur, habe ich mich schon seit Beginn des Festivals gefreut, vielleicht in Erinnerung an „Die Kriegerin“ vom letzten Jahr. Es könnte ein ähnlicher Film sein, denn wieder geht es um eine Frau in Island, die sich allein und sehr eigensinnig gegen die Obrigkeit stellt und sich in ihrem Tun nicht beirren lässt. Diesmal geht es gegen das mafiöse Treiben der ländlichen Genossenschaft, von der die bäuerliche Gemeinschaft abhängig ist. Mit Arndís Hrönn Egilsdóttir in der Hauptrolle als verwitwete Milchbäuerin Inga ist das ein starker Film, der gut anzusehen ist und überraschend, weil offen, aber hoffnungsvoll endet, jedoch nicht so verrückt daherkommt wie „Die Kriegerin“ und längst nicht so bizarr wie „Sture Böcke“, sondern eher durch seine tragikomischen Momente berührt. Die kernige Hauptdarstellerin ist bereits vor dem Film mit Kaffeetasse auf die Bühne getreten und hat erst einmal einen Schluck zum Wachwerden genommen. Nun steht sie Rede und Antwort insbesondere dazu, wie sie sich als absolute Stadtfrau auf die Rolle als Bäuerin vorbereitet hat. Gleich zu Beginn des Films zum Beispiel verhilft sie, die mit Tieren nie etwas zu tun hatte, mit großer Kraftanstrengung einem Kälbchen auf die Welt. Auch Treckerfahren will erst einmal gelernt sein. Sie hat diese Herausforderungen augenscheinlich bestens gemeistert und wirkt vollkommen überzeugend.

Filmszene aus 'The County', (c) Icelandic Film CentreFilmszene aus 'The County', (c) Icelandic Film Centre

Passend zu Island ist in Lübeck das Wetter komplett umgeschlagen, vom Raureif im Sonnenlicht zu starkem Nieselregen in lauer Luft. Nach kurzem Treffen mit C & A unter den Rathausarkaden und Austausch der Filmneuigkeiten mache ich Pause daheim, um klar Schiff zu machen und mich dabei ein wenig zu besinnen. Zur Nachmittagssession finden wir uns wieder vorm großen Kino 3 zusammen.

„Echo“ (Bergmál, Island/FR/CH 2019, Regie Rúnar Rúnarsson) ist im Grunde genauso aufgebaut wie o.g. Film von Roy Andersson: ein Kaleidoskop von kleinen Einzelfilmchen, hier 56 an der Zahl, die alle in der Vorweihnachts- bis Silvesterzeit in Island spielen und in ihrer Gesamtheit das Bild der aktuellen isländischen Gesellschaft widerspiegeln. Da finden Mini-Dramen in häuslicher Umgebung wie in der Arbeitswelt statt, Banalitäten haben ihren Platz neben komischen wie traurigen Szenerien. Im Abspann fahren wir mit auf einem Schiff, das durch sehr raue See steuert. Es gibt aber immerhin auch hoffnungsvolle Bilder in den so unterschiedlichen Miniaturen, die in ganz Island nach vorher festgelegtem Konzept in halbdokumentarischer Form zusammengetragen wurden. Wir sind alle drei sehr angetan von diesem Werk.

Nach kurzer Tee- und Bierpause am Stehtisch und den damit einhergehenden, anregenden, aber meist zwangsläufig durch den nächsten anstehenden Film abgebrochenen NFL-Pausendiskussionen starten wir in den für uns heute abschließenden Film „Stupid young heart“ (Hölmö nuori sydän, Finnland/NL/SE 2018), der finnische Beitrag für die Oscars 2020, von Selma Vilhunen. Die 15-jährige Kiira wird von ihrem gleichaltrigen Freund Lenni schwanger. Beide beschließen, das Kind zu behalten. Lenni begibt sich in rechtsradikale Kreise, wo er in einer Kampfsporttruppe sein Selbstbewusstsein aufpäppeln will, und provoziert damit ernsthafte Konflikte, nicht nur mit Kiira und ihrer Clique. Ein unter die Haut gehendes Porträt von Teenager-Eltern, großartig dargestellt von Rosa Honkonen und Jere Ristseppä, und gleichzeitige Warnung vor der Ausbreitung des Rechtsextremismus.

Filmszene aus 'Stupid Young Heart', (c) Icelandic Film CentreFilmszene aus 'Stupid Young Heart', (c) Icelandic Film Centre

Nach diesem harten Tobak freuen wir uns aufs übliche Nachtmahl daheim und gemütliche Plauderei, nichtsahnend, wie gruselig der Nachhauseweg wird: Der Stadtpark, dessen Dunkelheit wir extra umfahren wollen, liegt komplett abgesperrt im Flutlicht, mit mächtigem Polizeiaufgebot rundherum. Was ist hier passiert? Erst durch HL-live erfahren wir, dass am Nachmittag ein Mann erschossen wurde, der zuvor Passanten mit einer Waffe bedroht hatte. Kurz davor bin ich selbst doch noch durch den Park geradelt. Keine Ahnung, wie ich reagiert hätte, wenn da ein bewaffneter Mann vor mir aufgetaucht wäre! Sehr seltsame Empfindungen bei uns dreien, die wir doch noch so voller Filmeindrücke sind ... Dass es hier und jetzt einen ganz realen „Tatort Lübeck“ gibt, müssen wir erst einmal begreifen.

Tag 6, Sonntag, 3.11.2019
Dieser Ausklang könnte gar nicht besser sein. „Meister Cheng“ (Mestari Cheng, Finnland/CN/UK 2019) von Mika Kaurismäki, mit Anna-Maija Tuokko als Sirkka und Chu Pak Hong als Cheng und just mit dem Publikumspreis ausgezeichnet, hat uns im eigentlichen Wortsinn gerade noch gefehlt. Wie wunderbar, dass ich doch noch mit dem letzten Schwung der Wartenden auf die wenigen frei gebliebenen Plätze rutschen darf! Wir mussten recht lange geduldig in der Schlange stehen und auf die Freigabe warten. Dabei entspann sich mit dem Herrn neben mir ein Gespräch über die „Herzdame“. Auch er war sehr beeindruckt von dem Film, die Sex-Szenen fand er allerdings zu drastisch. Dasselbe höre ich später noch einmal von H., die den ganzen Film allerdings fürchterlich fand. Ja, die Szenen waren schon recht heftig, und es lässt sich sicherlich darüber streiten, ob diese Deutlichkeit nötig gewesen ist. Mir spukt die Frage im Kopf herum, wie es für einen jungen Newcomer sein muss, derartig intime Szenen mit einem sehr viel älteren Star wie Trine Dyrholm spielen zu müssen.

Foto: (c) Nordische Filmtage/ Olaf MalzahnFoto: (c) Nordische Filmtage/ Olaf Malzahn

Über solche Fragen brauchen wir uns nun glücklicherweise überhaupt keine Gedanken zu machen. Nach allen Höhen und Tiefen der Gefühle, durch die uns die diesjährigen NFL-Streifen wieder geführt haben, dürfen wir jetzt schlicht und einfach einen ganz wunderbaren Feel-Good-Film genießen. Das Publikum scheint danach gelechzt zu haben, der Applaus will gar nicht enden, die Hauptdarstellerin ist darüber zu Tränen gerührt. Mehr muss und will ich eigentlich gar nicht mehr sagen. Der Film kommt in die Kinos. Unbedingt angucken! Und vielleicht auch mal nach Finnland reisen. In vielen kleinen wie großen Details habe ich jedenfalls meine Urlaubserinnerungen nahezu hundertprozentig wiedergefunden – und Fernweh bekommen, aber auch schon Vorfreude auf die 62. NFL. Mögen sie so werden wie die 61. – und die allermeisten vorangegangenen!

Gerda Vorkamp
Gerda Vorkamp
Geboren 1958 in Herford, Lehramtsstudium, Angestellte im Fremdsprachendienst, freiberuflich tätig als Lektorin. Bei Unser Lübeck seit Beginn als Autorin und seit 2016 als Redakteurin dabei.
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