Jesse Mattern am Saxophon

Classical Beat Festival Travemünde 2026
Luciano Supervielle und das Jesse Mattern Orchestra im Maritim Strandhotel

Dass es während der Travemünde Woche nicht nur Party- und Halligalli-Musik gibt, sondern auch Anspruchsvolles zwischen Klassik, Jazz und Elektronik, beweist seit zehn Jahren das Classical Beat Festival. Erstmals finden die Hauptkonzerte im Maritim Strandhotel Travemünde statt, nachdem der Ballsaal des Atlantic-Hotels nach Besitzerwechsel nicht mehr zur Verfügung stand.

Unter dem Titel „Voyage France“ setzt das innovative Festival der neuen Klänge und Horizonte die Segel für eine besondere Reise nach Frankreich und Paris, in die Welt des Chansons, des Akkordeons, des Swing und des französischen Jazz, aber auch in die Welt der Experimente und der elektronischen modernen Sounds.

Luciano Supervielle und das Jesse Mattern OrchestraLuciano Supervielle und das Jesse Mattern Orchestra

Bestes Beispiel dafür war das Konzert am Donnerstag Abend, das den französisch-uruguayischen Pianisten Luciano Supervielle auf das 16-köpfige Jesse Mattern Orchestra unter der Leitung des wunderbaren Saxophonisten und Arrangeur Jesse Mattern treffen ließ. In Anspielung an Matterns Körpergröße begann es mit der Nummer „Zwei Meter Drei“, wobei alle 16 jungen Musiker*innen beweisen konnten, dass sie ihre verschiedenen Instrumente gut im Griff hatten. Ein satter Jazz-Bläser-Sound, untermalt von den vier Streicherinnen und auf einer kräftigen Basis der Rhythmus-Truppe aus Bass, Gitarre, Schlagzeug und Keyboards gaben schon einmal den Grundsound dieses besonderen Abends vor.

Dann kam der Uruguayisch-französische Pianist Luciano Supervielle auf die Bühne und erklärte dem Publikum, wie er seine Stücke komponiert. Ausgangspunkte seiner Stücke sind meist einzelne Motive, die er als erste Samples präsentiert. Das können afrikanische Trommeln für den Rhythmus und die urbanen Beats sein oder HipHop-Sequenzen, wie ein kleines Scratching oder andere elektronische Pattern. Dazu spielt er am Yamaha-Flügel elegante Töne zwischen Klassik, Samba und Tango aus seiner Heimat am Rio de la Plata von Montevideo. Dabei nimmt er sich die Freiheit der Improvisation zum Jazz oder eben zur Klassik. Daraus bastelt er dann seine Klanglandschaften, mal wunderschön melodisch, dann wieder auch schrill, aber auch meist gut tanzbar.

Luciano Supervielle am FlügelLuciano Supervielle am Flügel

Nach diesem Ausflug in die Experimentierstube des sympathischen Pianisten ging es zurück in die Welt der jungen Orchestermusiker*innen. Ausgehend von einer Bluesguitarre steigt die gesamte Bläser-Sektion ein in eine Nummer, die grooved und rockt. Begeistert klatschte das Publikum. Man spürte, dass es Einzelnen von ihnen im Tanzbein juckt. Bevor es in die Pause zur Erfrischung ging, gab es noch eine wunderbare Zusammenarbeit zwischen dem international anerkannten Pianisten und dem jungen Orchester, die gerade mal einen Tag Zeit hatten, sich aufeinander einzuspielen. Mit „Falling down to Heaven“, ein Stück von Jesse Matternbewiesen alle zusammen, dass selbst eine so kurze Probezeit reichen kann, um eine wunderbar musikalisch erzählte Komposition zu präsentieren.

Nach der Pause begann Mattern mit einem ausgiebigen Saxophon-Solo mit viel Hall und Echo. Ein Einstieg wie zu besten Jazz-Rock-Zeiten, in das auch noch der Gitarrist mit einem ordentlichen Solo folgte, um dann das gesamte Orchester mitzunehmen. Wie gegensätzlich das Abendprogramm war, bewiesen die nächsten zwei Stücke, die Luciano Supervielle für das National-Ballett Uruguay geschrieben hatte. Zarte Streicher-Klänge kontrastierten mit elektronischen Spielereien, verzerrten Scratch-Sounds und Urwaldklängen, bevor das Pianospiel an die Vertonung eines romantischen Films erinnerte. Man sah die Tänzer*innen förmlich durch den Raum fliegen.

BläsersektionBläsersektion

Dann war wieder das Orchester am Ruder, um der „Mama“ vom Bandleader ein besonderes Geschenk zu machen. Die Mutter des Saxophonisten saß im Publikum. Mit „Harmoniesüchtig“, eine Nummer, die auf ein Solo des Cello basierte, weil auch die Mutter früher Cello gespielt hat, wie Jesse Mattern erklärte, wollte er sich bei ihr bedanken. Es folgte der nächste totale Stil-Wechsel. Mit seiner persönlichen Version der „La Cumbacita“, dem traditionellen Tango-Sound aus seiner südamerikanischen Heimat zwischen Buenos Aires und Montevideo sorgte Supervielle wieder für Aufregung und Begeisterung im Publikum. Zunächst war die alte kratzige Stimme eines Tango-Sängers zu hören, gefolgt von einer eingespielten Akkordeon-Sequenz, zu der der Pianist seinen Flügel singen ließ. Das Publikum klatschte im Rhythmus.

Am Ende folgten noch zwei Zugaben: Mattern erläuterte, dass das nächste Stück vielleicht etwas langatmig erscheinen mag, aber am Ende hätten alle einen Ohrwurm im Kopf. Es begann mit einer kleinen Melodie am Flügel, die Luciano Supervielle als Sample wie von einem Kinderspielzeug erzeugte, um sich dann unermüdlich zu steigern und zu wiederholen, bevor der Pianist anfing, auf Französisch zu rappen und HipHop-Fetzen in die Komposition zu streuen, um das Publikum förmlich zum Ausflippen zu bringen.

Luciano SupervielleLuciano Supervielle

Welch wunderbar kontrastreicher und vielfältiger Musikabend zwischen Experiment, Jazz-Rock und Klassik. Gerne mehr davon im nächsten Jahr, wenn die musikalische Reise von Paris über Travemünde Richtung Polen geht.


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