Es war ein Konzert der ganz besonderen Art, mit dem der NDR und sein Elbphilharmonie Orchester die Saison 25/26 in der MuK beendeten (12. Juni 2026).
Den Anfang im Programm machte der „Sound Atlas“, ein Werk, das der Schwede Anders Hillborg (*1954) 2018 u. a. im Auftrag des NDR schuf. Kurze zwei Jahre vorher hatte er bei ihm ein Jahr als „Composer in Residence“ verbracht. Bereits 2019 hatte das fünfsätzige Werk, in dem die Sätze nahtlos ineinander übergehen, in London seine Uraufführung erfahren. Sein erster Satz, betitelt mit „Crystalline“, scheint in einen unwirklichen Raum zu horchen. Was erklingt, könnte auch als Soundtrack eines ein Universum beschreibenden Films dienen.
Er beginnt mit einem lang verhallenden Klavierakkord, rieselnde Klangsplitter folgen geheimnisvoll, später sind weit aufgespaltete Streicher- oder Bläserklänge zu erlauschen oder solche einer Glasharmonika (oder war es ein Verrophon oder ein ähnliches Instrument?) Als wollte der Komponist den Zuhörer dazu bringen, im Raum schwebende Körper mit diesen Klängen zu assoziieren. „River of Glass“, der Titel, den Hillborg dem zweiten Abschnitt gegeben hatte, scheint den Bezug zu diesem Instrument bestätigen. Das Schlagwerk mit vielen langschwingenden Instrumenten wie Becken, Glocken oder Vibraphon formen und verfremden Klanginseln in den unmittelbar folgenden Abschnitten. Sie heißen „Vaporised Toy Pianos“ (übersetzt etwa ‚Verdampfende Spielzeugpianos‘) und „Vortex“ (‚Wirbel‘). Auch wenn vieles ätherische Vorstellungen weckt, sind sie doch an harmonischen Gebilden der klassischen Musik orientiert, zeitweise auch an simplen rhythmischen Strukturen im 4/4-Takt. Einige der Gebilde fließen ineinander, ein paar andere türmen sich dramatisch auf oder ziehen mit ungewöhnlich weichen, auch sehr dichten oder lang nachschwingenden, dann wieder hohlen Klanggebilden vorbei. „Hymn“, der finale Teil, ist durch ein breites Thema der tiefen Streicher charakterisiert, das quasi im imitierenden Stil ausgearbeitet wird, womit die Streicher eine nahezu feierliche Coda entwickeln.
Der agile Amerikaner und Chef des Royal Stockholm Philharmonic Orchestra Ryan Bancroft dirigierte mit klaren und dynamischen Gesten, kannte offenbar dies eben gehörte neue Werk Hillborgs sehr genau, wie auch den zweiten Programmbeitrag, Robert Schumanns Konzertstück F-Dur. Auch dieses Werk wird nur sehr selten aufgeführt. Grund ist da wohl einfach die Besetzung mit vier Hornisten, die mit dieser romantischen Komposition musikalisch wie technisch stark gefordert sind. Das NDR-Orchester hatte dazu vier Musiker in den eigenen Reihen. Es waren Jens Plücker, schon seit 2001 1. Solohornist, Amanda Kleinbart, Edouard Cambreling, der 2017 bis 2022 bei den Lübecker Philharmonikern engagiert war, und Tobias Heimann. Wie auch bei Hillborg folgen in Schumanns op. 86, 1850 in Leipzig uraufgeführt, die drei Sätze attaca aufeinander, weshalb er den Begriff „Konzertstück“ bewusst wählte. Es sollte kein „Konzert“ werden. Dennoch ist die typische Folge der Sätze von schnell – langsam – schnell auch hier eingehalten, wobei der Mittelsatz, „Romanze“ genannt, auch in dieser Aufführung besonders gut gelungen war. Schumann wollte, dass die Hörner Teil des Orchesters werden sollten und formte ihren Part äußerst virtuos aus, um die Möglichkeiten des sonst eng begrenzten Instruments zu präsentieren. Erst wenige Jahrzehnte vorher erlaubten dem Bläser die drei Ventile, das vom Tonumfang weit dimensionierte Instrument in allen Tonarten einzusetzen.
Ryan Bancroft und die NDR Elbphilharmoniker
Nach der Pause wurde mit Edward Elgars „Enigma“ Variationen die Linie eingehalten, unbekanntere Kompositionen zu präsentieren. Die 14 Sätze dieses 1899 uraufgeführten, in vielerlei Hinsicht rätselhaften Werkes kann man vielleicht noch den Personen zuordnen, die von Elgar musikalisch porträtiert werden sollten. Doch das, was musikalisch eigentlich bedeutungsvoll, das Wiedererkennen eines zentralen Themas oder seine jeweilige Verarbeitung sein könnte, bleibt enigmatisch (auch aenigmatisch geschrieben, nimmt man die lateinische Herkunft des Wortes Änigma als Maßstab). Der Zuhörer darf sich deshalb gern darauf berufen, womit das wie immer lesenswerte Programmheft schließt, dass „der wohlproportionierte, einfallsreiche, raffiniert orchestrierte Variationenzyklus … durchaus … als pure Musik ohne jede Story und Rätselei genossen werden kann.“
Das Publikum zeigte dann durch Bravorufe und langen Beifall, wie stark es das großartige Zusammenwirken von Dirigent und Orchester anerkannte. Das ist etwas, was bei diesem und auch in allen anderen Konzerten der Reihe zu beobachten war. Bedauerlicherweise hat der NDR sich entschlossen, die traditionelle Anzahl von acht Konzerten pro Saison auf nunmehr sechs zu verringern. Auch wenn die erhoffte Auslastung nicht erreicht werden konnte, ist diese Entscheidung bedauerlich, denn hochwertiges künstlerisches Tun sollte nicht am Massenerfolg bemessen werden. Zudem weist die nächste Saison noch ein weniger faszinierendes Angebot aus, weil allein drei Konzerte das Piano in den Vordergrund stellen, zwei davon von Rachmaninow.

