Größere Kontraste lassen sich in einem Konzertprogramm kaum vorstellen. Im ersten Teil herrschte expressiver rhythmischer Impetus, im zweiten gefühlvolle Melodik, die weit mehr als bloße Heimatliebe schilderte. Zunächst hatte Dirigent Stefan Vladar dafür an diesem Abend ein ungewöhnliches Ensemble aus einem Gesangsquartett und dem hauseigenen Chor vor sich, dazu diverse Schlaginstrumente, darunter solche mit bestimmter Tongebung wie Xylophon, Pauke und Glocke oder unbestimmter Art wie Trommeln, Tamburin oder Triangel.
Dazu kamen vier Konzert-Flügel, die oft perkussiv eingesetzt waren, aber artistisch geschulte Pianisten verlangten. Im zweiten Teil des Programms war es dann ein vielseitiges sinfonisches Orchester, „Vladars“ stark erweiterte Lübecker Philharmoniker.
Über Igor Strawinsky (1882-1971) hatte sich wohl die Publikumsmeinung geändert. Vor etlichen Jahren war er noch neben Schönberg, Bartók oder Hindemith der vierte ‚Publikumsschreck‘. Besucher kamen gar nicht erst oder verließen das Konzerthaus in der Pause, war eines ihrer Werke im Programm angekündigt. Hatten die Lübecker Philharmoniker jetzt im zweiten Teil ‚vorsichtshalber‘ aus Bedřich Smetanas „Má vlast“ (Mein Vaterland) die ersten vier sinfonischen Dichtungen des sechsteiligen Zyklus folgen lassen, darunter die beliebte „Moldau“?
Im vorletzten Konzert der vergehenden Saison war zumindest das nicht zu beobachten, dass Strawinsky mit seinen „Russischen choreografischen Szenen mit Gesang und Musik“, wie „Les Noces“ im Untertitel heißt, das Publikum verschreckte. Im Gegenteil: stürmischer Beifall folgte und dankte den Interpreten. Leider ist das Theater gezwungen, seitdem die Sparte Ballett abgeschafft ist, von Balletten allein das Musikalische zu präsentieren, wie es in der nächsten Saison auch mit dem „Feuervogel“ geschieht. So blieb den Sängern und den Instrumentalisten noch die Aufgabe, die rhythmische Wirkung optisch zu verdeutlichen. Körperliches Mitschwingen machte das möglich.

Die Musik allein zu hören genügt kaum, um die grandiose Wirkung zu erfassen, weil das Stück ohne Unterbrechung abläuft, auch die Sänger im Solistenquartett oder im Chor nicht an bestimmte Charaktere gebunden sind. Die russischen Texte hatte Strawinsky u. a. in Kiew in einer alten Sammlung von Volkstexten gefunden und selbst zusammengestellt. Der Plan war für ihn, nicht eine geschlossene Handlung zu erzeugen, nur eine Art archaischen Ritus sichtbar zu machen. Vielleicht hätte man sich jetzt etwas Optisches ausdenken sollen, mit dessen Hilfe das vielen Besuchern unbekannte Werk besser erfassbar hätte werden können.
„Les Noces“ hat zwei Teile. Im ersten beschäftigen sich drei Szenen mit den Hauptfiguren. In der ersten sollen der Braut zeremoniell die Haare zu einem Zopf geflochten werden. Es wird eine Art Lamento daraus über ihren Abschied aus einem ungebundenen Dasein, bei dem die Brautjungfern Trost zu spenden versuchen. Die nächste Szene wendet sich dem Bräutigam zu, zeigt dessen Abschied von den Eltern und Freunden. Wie vorher wird das ebenfalls durch ein Haar-Ritual angedeutet. Die dritte Szene wendet sich wieder der „in Tränen aufgelösten“ Braut zu und deren Abschied aus dem Elternhaus, als alle Kutscher mit ihren Wagen zu Stelle sind, sie endgültig abzuholen. Im zweiten Teil dann ist das ‚Hochzeitsmahl‘ mit dem Essen, der Unterhaltung durch Gesang und Tanz und das Entlassen des Paares in das Hochzeitszimmer das Thema.
„Les Noces“ wird selten aufgeführt, gehört nicht zum Repertoire. Bedingt ist das durch seine ungewöhnlich komplexe, durch Metrum und Rhythmus geprägte Musiksprache, aber auch wegen des Inhalts und der altrussischen Sprache. Damit haben alle zu kämpfen, besonders jedoch die Solisten. Umso mehr ist der Sopranistin Andrea Stadel, der Altistin Frederike Schulten, dem Tenor Alexander Federov (einziger Gast) und dem Bariton Jacob Scharfmann für ihren Einsatz zu danken, wie auch den Pianisten Florian Uhlig, Sofja Gülbadamova, Karine Gilanyan und Youngho Park.
Smetanas „Mein Vaterland“ hatte es ungleich leichter, vom Publikum verstanden zu werden. Die vier ersten Sätze daraus ergaben zudem so etwas wie eine Sinfonie, zumal auch Stefan Vladars Dirigat den Eindruck verstärkte, indem er die großen Teile und Steigerungen mehr im Sinne von sinfonischer Arbeit gestaltete. Er schien zeitweise weniger Vorstellungen von Außermusikalischem zu haben, als von klassisch-romantischer Gestaltung. Im „Vyšehrad“, dem ersten und längsten Teil, ließ sich beides noch vereinen. Vladar steigerte eindrücklich, was der Smetana malen wollte: die Pracht des königlichen Glanzes, den Jubel, aber auch die wilden Kämpfe, die sich ein mittelalterlicher Harfenist vorstellte.

Weniger sensibel gelang der zweite Teil „Vltava“ (Die Moldau). Die feinen Veränderungen anfangs im Fließen durch kleine dynamische Varianten zu zeichnen fehlte oder waren zu hastig. Auch die optischen Veränderungen im Nebel oder das Aufschäumen an den Stromschnellen hätten dynamisch differenzierter gezeichnet werden können. Das sind aber Feinheiten, die in einer kurzen Probenzeit, die mit den vielen Gästen nicht zur Verfügung steht, nicht hätten einstudiert werden können, die sich auch nicht immer beim Dirigieren im gleichen Moment ausführen ließen. Umso mehr konnte man sich an den Sololeistungen etwa der Klarinette in „Sárka“ erfreuen. In dieser dritten sinfonischen Dichtung ist das aufopfernde Schicksal der titelgebenden Amazone in Musik ‚nachzuhören‘. Im Finalteil „Z českých luhů a hájů“ (Aus Böhmens Hain und Flur) erfreuten die Streicher und die Bläser im Zusammenwirken. Hier störte die pastorale Erzählung lediglich die knallige Pauke, der Vladar zu viel Kraft erlaubte.
Der große Beifall allerdings zeigte, dass das Publikum sich vom Können und dem Schwung der Musizierenden hatte mitreißen lassen.

