Foto: Dirigent Dominik Beykirch, (c) Nikolaj Lund

Lübecker Philharmoniker
Zum Saisonende eine Reise in den Norden

Den „Zauber des Nordens“ einzufangen war die romantisierende Absicht der Lübecker Philharmoniker zu ihrem Saisonabschluss, ein Vorhaben, das sie damit umsetzten, die besonderen Klangsphären von drei skandinavischen Kompositionen zu ergründen.

Mit dem Werk einer Schwedin begann der Abend, eines von Elfrida Andrée, die sich 1861 als erste Frau eine Organistenstelle erkämpft hatte, - und das im Alter von 20 Jahren! Bis heute hat sie zudem den Nimbus, die erste schwedische Komponistin zu sein. Mehr als dreißig Jahre später zeigte sie dann auch als Opernkomponistin, was in ihr steckte. Ungewöhnlich war das für eine Frau zu ihrer Zeit, zudem in einem Lande, das uns heute so frei vorkommt.

Die dreiaktige Oper zu einem Libretto der Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf, weithin bekannt als Schöpferin von „Nils Holgerssons wunderbare Reise mit den Wildgänsen“, basiert auf einer nordischen Wikinger-Saga, deren Besonderheit ist, dass die Handlung aus einer entschlossen weiblichen Perspektive gesehen wird. Es wird von einer zunächst unglücklichen Liebe in vorchristlicher Zeit erzählt, die aber dadurch, dass Hass und Vergeltung überwunden werden, ein glückliches Ende findet.

1894/95 war das Bühnenwerk entstanden und 1906 dreiaktig bearbeitet. Die klangvolle Ouvertüre dazu erklang nun in dem Lübecker Konzert. Nach hymnischem Beginn mit sinnreichen, packenden Steigerungen, bei der die Blechbläser sehr eigentümlich verwandt wurden, findet es zu einer differenzierten und sensiblen Sprache, die der Klarinette, dem Cello oder der Violine Soli gibt. Die 1929 verstorbene Komponistin hat ihre Oper zu Lebzeiten nur einmal konzertant gehört, während ihre szenische Uraufführung erst im Februar dieses Jahres in Essen erfolgte. Martin Hufner, u.a. Schriftleiter der NMZ, schrieb in seinem Newsletter vom 10.02.2026: „Keine Frage: Insgesamt mag Elfrida Andrées Oper „Die Fritjof-Saga“ kein revolutionäres Werk der Musikgeschichte sein, doch sie stellt zweifellos eine bedeutende Wiederentdeckung dar, die Aufmerksamkeit verdient.“ In diesem Sinne war die lebendige Wiedergabe der Ouvertüre durch die Lübecker Philharmoniker, dirigiert durch den jungen Gastdirigenten Dominik Beykirch, durchaus ein Eintreten für eine herausragende, hier unbekannte oder vergessene Komponistin.

Wie die Schwedin Elfrida Andrées ist auch der Komponist Launy Grøndahl wohl nur wenigen bekannt. Gerade in diesen Tagen, genau am letzten Tag des Junis, hätte man seinen 140. Geburtstag feiern können, der in der Nähe Kopenhagens geboren wurde und 1960 starb. Immerhin ist er einer der bedeutenderen Komponisten und Musiker Dänemarks, für die Posaunisten sogar ausnehmend wichtig, weil sein dreisätziges „Konzert für Posaune und Orchester“, 1924 entstanden, zum Vorspiel bei Bewerbungen gern genutzt wird.

Foto: Stephan Gerblinger, (c) Jochen QuastFoto: Stephan Gerblinger, (c) Jochen QuastSich noch vorzustellen hatte der Solist des Abends nicht nötig. Es war Stephan Gerblinger, seit 2021 Soloposaunist bei dem Lübecker Orchester. Wieder einmal konnte das Publikum erleben, welch talentierte Musiker in ihm spielen, zumal die Posaune kaum einmal solistisch eingesetzt wird. In der Solistenrolle präsentiert der Spieler zudem, zu welchen Nuancen er auf dem Instrument fähig ist, wenn sich sein Ausdruck von herrischem Gebaren über heitere Phasen bis zu schwelgerischen oder mitfühlenden Momenten wandelt. Auch im Miteinander mit anderen Instrumenten etwa den Holzbläsern oder der ostinaten Pauke im ersten Satz, dem Pizzicato der hohen und tiefen Streicher oder dem akkordischen Rauschen eines begleitenden Flügels, der im zweiten Satz die zarte Harfe vertrat, bewies die Posaune eine große Ausdrucksbreite. Stephan Gerblinger dankte nach dem großen Beifall mit einer Zugabe, der „Elegy for Mippy“, die Leonard Bernstein seinem Bruder quasi als Segensspruch für dessen Lieblingshund komponiert hatte.

Nach Schweden und Dänemark war nun das dritte Musikstück in Finnland verortet, obwohl dessen Komponist, Jean Sibelius, lieber Schwedisch sprach, die Sprache seiner Mutter. Aber keine sinfonische Komposition wie gerade die Zweite Sinfonie in D-Dur, 1902 veröffentlicht, wird musikalisch so sehr auf Finnland bezogen, wie gerade diese. Wenn das Konzert klanglich den Zauber des Nordens beschwört, ist gerade dieses Werk in all seinen vier Sätzen dem Leitgedanken am nächsten und steigert sich im Finale noch einmal, die Kraft und Einzigartigkeit der Natur Finnlands zu umschreiben. Ibsens Musiksprache ist in allen Parametern, der Melodik und Harmonik, auch der Rhythmik und im Kolorit dieser Sinfonie, sehr besonders. Das in großer Einheit mit dem Orchester faszinierend intensiv zu gestalten, gelang dem Dirigenten Dominik Beykirch an diesem Konzertabend ausgesprochen überzeugend.

Das Publikum im Montagskonzert war mitgerissen und applaudierte lange.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.

Sie haben keine Berechtigung hier einen Kommentar zu schreiben.