„Messias“ - oder nennen wir das Werk „Messiah“, so wie es Georg Friedrich Händel betitelte? So war es schließlich auch vom NDR angekündigt worden. Zudem ist Usus geworden, nicht nur Opern, auch ihre sakralen Schwestern, die Oratorien, in der Originalsprache aufzuführen, selbst wenn es in eher profanen, dennoch wunderbar geeigneten Gebäuden wie der MuK geschieht.
Musikalisch war das Konzert (22. Mai 2026) außergewöhnlich, denn der „Messiah“ wurde mitreißend interpretiert. Begeisterter Applaus machte das deutlich, sogar beim Verlassen der Halle bestätigten sich Zuhörer das gegenseitig. Aber: Einer, der über Konzerte schon lange berichtet, kann nicht verschweigen, dass ihn die vielen unbesetzten Plätze irritierten. Gerade diese Komposition gilt als eine der großartigsten, musikalisch wie von der inhaltlichen Form. Für ihn ist das Desinteresse daher unerklärlich, wohl auch für den Veranstalter, den NDR. Diese Aufführung hätte ein weit größeres Publikum verdient. Oft wird sie in Deutschland einstudiert, in England gar jährlich vor Weihnachten zelebriert.
An seinen Librettisten Charles Jennens (1700-1773), einen vermögenden Landbesitzer und sogleich Kunstmäzen, schrieb Händel kurz nach der Uraufführung in Dublin: „Ich bin so frei, da Sie sich so freundlich für meine Angelegenheiten interessieren, Ihnen einen Bericht über den Erfolg zu geben, den ich hier hatte. … Ohne Überhebung darf ich sagen, dass die Vorstellung allgemeinen Beifall fand. [Und es folgten fünf weitere, alle wie die erste ausverkauft, in dem Raum, der immerhin 600 Zuhörer fasste.] Signora Avolio … gefällt außerordentlich) und er nennt „eine andere Stimme, Tenor, der sehr gut wirkt“. Er fährt fort: „Die Bässe und Kontratenöre sind ausgezeichnet und die Chorsänger … machen sich vorzüglich. Die Instrumente sind wirklich hervorragend … und die Musik klingt in dem entzückenden Saal, dass es eine Freude ist.“ (rde 134).
285 Jahre ist das her, dennoch lässt sich Händels Schilderung auch für den aktuellen Eindruck nutzen. Er entstand bei dem siebten aus der Reihe der NDR-Konzerte. Gleich drei Aufführungen im nördlichen Sendegebiet waren vorgesehen: Lübeck machte am Freitag, zwei Tage vor dem Pfingstfest, den Auftakt, Göttingen, die Stadt der weltbekannten ‚Internationalen Händel-Festspiele‘ folgte am Sonnabend, und in Kiel gab es am Nachmittag des Pfingstsonntags den Abschluss. Der NDR hatte nicht nur sein hoch qualifiziertes Vokalensemble, wie jetzt der NDR Chor heißt, dafür eingesetzt, auch das ‚FestspielOrchester Göttingen‘ mit seinem künstlerischer Leiter und Chefdirigent George Petrou verpflichtet. Zudem war ein Gesangsquartett engagiert, das aus in barocker Technik und Darstellungsweise erfahrenen Sängern bestand. Die in der Schweiz ausgebildete rumänische Sopranistin Ana Maria Labin gehörte dazu, die Mezzosopranistin und Altistin Lena Sutor-Wernich, in Heidelberg geboren, der englische Tenor Ru Charlesworth und der kanadische Bariton Drew Santini.
Es sei wiederholt: Selten konnte man so fesselnd den „Messiah“ erleben. Schon der Beginn, die instrumentale Ouvertüre, zeigte in ihrer inneren Unruhe eine für Barockmusik eher untypische Beweglichkeit, die aber stimmig zu den alttestamentarischen Ankündigungstexten passte. Der Tenor begann mit kraftvoller Stimme. Bass und dann der Alt folgten, jede Stimme vom Aufbau gleich behandelt: Ein zusammenfassender Chor führte zu neuen Abschnitten. Erst nach der pastoralen Hirtenmusik, der Pifa, berichtet der Sopran von der Geburt des Heilands, von Hirten und von Engeln. Mit instrumentalen Malereien kommentieren die Orchesterstimmen die Erzählung, womit das Oratorium sich in eine Opernszene wandelte.
Es wäre wohl kaum möglich, sich einen barocken Orchesterleiter mit seinem sehr eingeschränkten Einwirkungsarsenal an George Petrous Stelle vorzustellen. In der Regel leitete früher der Cembalist die Abläufe, oft unterstützt vom ersten Geiger. [Erinnert sei an Jean-Baptiste Lully, der den Takt (und nur den) mit einem prunkvollen Stab angab. Er stach sich damit in den Fuß. Eine Blutvergiftung führte zu seinem vorzeitigen Tod.] Was heute ein Dirigent wie George Petrou leistet, ist so ganz anders als die Geschichte von historischen Klängen erzählt. Er vermag eine helle und durchsichtige Klangvorstellung zu verwirklichen, die den „Messiah“ als Musik von größter Dichte und Stärke erleben lässt, und erklärt, warum diese Komposition das Publikum bis heute bannt.Im zweiten Teil wird die Leidensgeschichte dargestellt, die mit dem wohl bekanntesten Stück, dem Halleluja-Chor beschließt, bevor der dritte, eher meditative Teil mit der grandiosen Amen-Fuge schließt.
Kaum zu glauben ist, dass Händel die Komposition in nur drei Wochen bewältigte. Sie wurde bis heute geschätzt, diente ihm zu seiner Zeit aber auch für karitative Zwecke, so auch in Dublin. Der Erlös kam Armen-, Waisen- und Krankenhäusern zugute. Unter den vielen Anekdoten gibt es auch diese Antwort Händels auf die Feststellung eines Bewunderers: „Mylord, ich würde sehr bedauern, wenn ich meine Zuhörer nur unterhalten hätte. Ich möchte sie zu besseren Menschen machen!“

