Solist Johan Dalene, Foto: (c) Hildegard Przybyla

Musik- und Kongresshalle Lübeck
Sechstes Konzert des NDR - wieder mit einer ungewöhnlichen, nordeuropäisch ausgerichteten Programmfolge

Man kann nicht umhin, das letzte Konzert des NDR mit dem fünften der Reihe in einem Atem zu nennen, denn beide Programme, nur drei Wochen voneinander getrennt, hatten einen stark nordeuropäischen Akzent. Nicht nur, dass Werke von Jean Sibelius erklangen, es leiteten die Elbphilharmoniker beide Male skandinavische Dirigenten.

Im fünften (27. März) stand die aufstrebende Norwegerin Tabita Berglund auf dem Pult, beim sechsten (18. April) war es der erfahrene Finne Jukka-Pekka Saraste, u.a. neun Jahre Chef beim WDR Sinfonieorchester. Dass beide ihre Karriere zunächst als Streicher begannen (die Norwegerin als Cellistin, der Finne als Geiger), sei nur nebenher erwähnt, bedeutsamer ist, dass sie den Abend mit einer Komposition eröffneten, die mit ihrer Heimat verbunden war. Im früheren Konzert mit Tschaikowskys Klavierkonzert in b-Moll im Zentrum war es eine 1954 von Geirr Tveitt orchestral bearbeitete Volksmelodie aus Hardanger, im jüngsten rahmten die Elbphilharmoniker Thomas Adès 2005 entstandenes Violinkonzert „Concentric Paths“ durch Werke von Jean Sibelius („Der Barde“, 1913 entstanden) und Peter Tschaikowsky (Sinfonie Nr. 6 in h-Moll, genannt „Pathétique“).

Das Auftaktstück, das Saraste wählte, war wohl nur ganz wenigen Hörern bekannt. Es erhebt sich aus der Stille mystischer Klänge und kehrt in sie nach geheimnisvoll suchenden Partien so überraschend zurück, dass der Dirigent das Publikum erst zum Beifall animieren muss. Das Klanggebilde weist wie das norwegische Volkslied im März in die Vergangenheit, es erfasst aber eine noch tiefere und mysteriösere Historie, führt in eine ferne Sagenwelt, die die finnische Kultur in besonders eigentümlicher Weise prägt. Sie zitiert zugleich die Klangwelt der mittelalterlichen Sänger, die Heldenlieder oder mythische Gesänge wie in einer zweiten Sicht festgehalten haben, zugleich eine, die in der Antike ihre Vorbilder hat.

Solist Johan Dalene, Dirigent Jukka-Pekka Saraste und das Elbphilharmonie Orchester Solist Johan Dalene, Dirigent Jukka-Pekka Saraste und das Elbphilharmonie Orchester

Sibelius bediente sich dabei der harfenartigen Lyra oder Leier, die in der modernen Form als Harfe wohl am besten die alte Erzählkunst einfängt (sehr sensibel dabei die Harfenistin des Orchesters Anaëlla Tourret). Mit ihrem rätselhaften Part fängt Sibelius‘ Instrumentation die Mystik zart ein, wobei die dunklen Töne der Bläser (z. B. die des Fagottisten Enrico Bassi oder des Tubisten Markus Hötzel) wie die der Pauke (auffällig sensibel wieder Stephan Cürlis) in seinem Part magisch verklärt nachgestalten konnte. Sibelius hatte auch hier wie drei Wochen vorher in seiner zweiten Sinfonie die Pauke weit expressiver eingesetzt, als der Hörer es bei anderen Komponisten gewohnt ist.

Mit dem 20-minütigen sehr variantenreichen Violinkonzert des Engländers Thomas Adès, das erst vor zwei Jahrzehnten als Kompositionsauftrag der Berliner Festspiele entstand, hatten ein paar Zuhörer Probleme, obwohl schon die kleinere, gut durchhörbare Kammermusik-Besetzung ein dichteres Klanggewebe verhinderte, auch die Harmonik sich erschloss. Zudem ist Adès in Lübeck schon durch seine Oper „The Tempest“, aufgeführt 2010, bekannt und dazu durch das SHMF. Auch der abstrakte Gestaltungsansatz, den der Untertitel „Concentric Paths“ verriet, erschloss sich dem, der beides beachtete, die sehr feinen Wendungen wie größere Zusammenhänge.

Einerseits versuchte der Komponist in den beiden schnellen, sogleich rahmenden Sätzen durch statische Figurationen und rasante Läufe, durch phrasenhafte oder ostinate Wendungen deren Titel „Rings“ und „Rounds“ klanglich lebendig zu machen, sie mit der linearen Zeit eines immer fließenden Mediums zu kontrastieren, andererseits entstanden teils harmonisch wie melodisch nachvollziehbare Passagen. Da half besonders der langsame Mittelsatz mit seiner Satzbezeichnung „Paths“. Schon nach dem akkordischen Beginn des Solisten und den folgenden Komplexen legte er eine historische Sichtweise nahe, die sich der barocken Passacaglia bediente.

Solist Johan Dalene, Dirigent Jukka-Pekka Saraste und das Elbphilharmonie Orchester Solist Johan Dalene, Dirigent Jukka-Pekka Saraste und das Elbphilharmonie Orchester

Als Solist war der schwedisch-norwegische Johan Dalene gekommen. Er fügte sich wunderbar in das skandinavische Ensemble. Mit gerade einmal 25 Jahren beeindruckte sein Spiel ungemein, auch seine Zugabe mit einem akkordisch gestalteten liedhaften Beginn und dem technisch ungemein fordernden Übungsteil. Das zeigte noch einmal alle seine technischen wie interpretatorischen Fähigkeiten, zu denen ihm selbst die Musiker auf der Bühne lebhaften Beifall zollten.

Dem Ausklang des Konzertes war die Sinfonie Nr. 6 in h-Moll gewidmet, der letzten beendeten Komposition Peter Tschaikowskys. Damit beschloss der NDR auch die kleine Folge von drei bedeutsamen Werken des Petersburgers, die im Februar mit der „Manfred“-Sinfonie begann. Im März folgte das erste Klavierkonzert, sein wohl beliebtestes. Mit der meistgespielten seiner Sinfonien, mit seiner Sechsten, endete nun die Trias. Ihr Beiname „pathétique“, den der Bruder Modest ihr nach einer Probe vor der Uraufführung gab und die Tschaikowsky selbst akzeptiert haben soll, trifft bis heute die Wirkung, auch die in dieser sehr konzentrierten Interpretation.

Das Orchester folgte sichtbar gern dem Dirigat Sarastes. Man konnte beobachten, dass dessen Tempi und Anweisungen gern gefolgt wurde, dass die Musiker einander selbst in längeren Spielpausen gespannt zuhörten, sie eine Einheit bildeten. Auch wenn das Auditorium nicht annähernd gut besetzt war, erlebten die, die gekommen waren, einen großen Abend.

Fotos: Hildegard Przybyla


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