Stefan Vladar, Foto: (c) Olaf Malzahn

Musik- und Kongresshalle Lübeck
7. Sinfoniekonzert der Lübecker Philharmoniker - Bekanntes und weniger Bekanntes oder Wie gestaltet man Programme?

Das gute alte Rezept, Programme von Sinfoniekonzerten zu ‚gestalten‘, lautet so: Man nehme ein kurzes Anfangsstück, lasse einen virtuosen Instrumentalisten kommen, am besten einen Tastenartisten, und suche nach einem sinfonischen Werk passender Länge – das wär’s – oder auch nicht, sagt man bei den Lübecker Philharmonikern.

Seit einiger Zeit schon ist zu beobachten, dass deren Anspruch an ihre Auftritte größer ist. Die Folge ist, dass Gewöhnliches rar ist, dass das Besondere gewinnt. So ist z. B. in der laufenden Saison die „Linzer“ das einzige Werk Mozarts, seine Sinfonie in C-Dur, KV 425. Sie trägt den ‚Makel‘, in nur vier Tagen komponiert worden zu sein. Lang her ist es, dass sie sich quasi als ein Gastgeschenk Graf Johann Joseph Thun erbeten hatte, bei dem Wolfgang Amadeus in Linz für ein paar Tage Logis bezogen hatte. Dort unterbrach er, unterwegs mit Konstanze, seiner jüngst Angetrauten, die Rückreise, weil ein beide psychisch belastender Aufenthalt in Salzburg bei Eltern und Schwester innerlich zu verarbeiten war, bevor die Normalität in Wien sie packen würde.

Das ist eine kleine Geschichte, die man kennen sollte. Aber nach dem Hören in diesem Konzert wirkt die Mär vom negativen Eindruck wahrlich wie bloßes Gerede. Möglicherweise hat gerade die Konzentration auf das notwendig schnelle Komponieren dem Werk gutgetan, zumal Mozart es mit dem Orchester des Linzer Musikvereins bei der Uraufführung gleich erproben konnte. Wenn man will, lassen sich zudem die allerersten Takte in einem biografischen Bezug hören, vielleicht auch die lang ausgedehnte Coda im Kopfsatz mit ihrem gegensätzlichen Charakter oder ein paar andere Sonderheiten. Persönliches aber in ein Kunstwerk einfließen zu lassen, ist sicher kein Makel, eher das Gegenteil.

Stefan Vladar, der Lübecker GMD, hatte das Werk seines Landsmanns mit Ernst angepackt, den Widerstreit von wuchtiger innerer Erregung zu träumerischer Distanz in der langsamen Einleitung empfindsam nachgezeichnet, um es dann statt „allegro spirituoso“, wie vorgezeichnet, eher im „presto“ fortzusetzen. Aber man kennt den Dirigenten und seine Neigung zu zügigem Tempo und verzieh es gern, zumal das Orchester alles lebhaft und locker meisterte, auch das in den anderen, allesamt kürzeren Sätzen. Aber gerade die differenzierte Einleitung und die Länge des ersten Satzes wirkten beim Wiederhören, wenn das nach etwas längerer Abstinenz erfolgte, wie neu. Vor allem die große Besetzung der Bläser überraschte. Die fehlten oft bei Mozarts anderen Sinfonien. Alle waren Aufträge und er musste sich an die zumeist kleineren Ensembles der Auftraggeber halten. Das größere Orchester, das der Musikverein in Linz vorhalten konnte, musste Mozart erfreut haben. So konnte er sich bei diesem Werk gleichzeitig für die stilistischen Anregungen bei seinem Freund Josef Haydn bedanken, der bis 1883 mehr als doppelt so viele Werke dieser Gattung geschaffen hatte. Für Mozart war dieses KV 425 die Nr. 31 und sie wurde ausgefeilter und länger als andere.

Leider weiß man nicht, wie das Werk bei seiner Uraufführung 1783 ankam. Bei diesem Montagskonzert aber zeigte das Publikum sich begeistert, applaudierte lange der lebendigen Interpretation.

Was nach der Pause folgte, war eine ganz andere Musikwelt. Der vergleichsweise schlanken, klassischen Sinfonie im ersten Teil folgte nun ein 1923/24 entstandenes Gegenstück. Alexander Zemlinsky (1871-1942) hatte das opulente Werk komponiert und es „Lyrische Sinfonie in sieben Gesängen“ getauft. ‚Lyrisch‘ als Epitheton klingt zu dem Begriff ‚Sinfonie‘ ähnlich widersprüchlich wie bei Gustav Mahler der Titel seines 1908 entstandenen Werkes „Lied von der Erde“, das Zemlinsky zum Vorbild nahm. Beiden ist die grandiose, sinfonisch gedachte Gestaltung vor allem der Gesangslinien zu eigen, weniger bei Mahler, vor allem bei Zemlinsky.

Adrienn Miksch, Foto: (c) Gábor MészárosAdrienn Miksch, Foto: (c) Gábor MészárosNicht nur Mahler kannte Zemlinsky persönlich, auch Alban Berg, dessen außergewöhnliche Oper „Wozzeck“ erst eine Woche vorher Premiere hatte. Die Hauptfiguren darin, der ausgenutzte Soldat Wozzeck und Marie, die Mutter seines Kindes, hatten die Sopranistin Adrienn Miksch und der Bariton Bo Skovhus interpretiert. Mit ihnen die herausfordernden Parts in Zemlinskys „Lyrischer Sinfonie“ zu besetzen, war ein besonderes Präsent für das Publikum, das dieses herausfordernde Werk wohl kaum einmal zu hören bekäme. Für die Solisten war es zudem eine zweite Herausforderung, nach der 12-tönigen Musiksprache bei Berg die harmonisch stark erweiterte, aber noch nicht atonale Sprache Zemlinskys zu gestalten. Erwähnt sei noch kurz, dass der Lehrer von Alban Berg der bekannte Arnold Schönberg war, der wiederum bei Alexander Zemlinsky Komposition erlernt hatte.

Auffällig ist, dass beide, Zemlinsky wie Mahler, einen asiatisch bezogenen Text vertonten. Bei Gustav Mahler war es ein Liederzyklus von nachgedichteter altchinesischer Lyrik, bei Zemlinsky stammten die Worte von Rabindranath Tagore, dem bengalischen Dichter, Dramatiker, Schriftsteller, Maler, Essayist, Musiker, Sozialreformer, der 1913 den Nobel-Preis erhielt. Es waren frei geformte Texte von sehr malerischer Sprache. Der Bariton beginnt und der Sopran antwortet im zweiten Gesang. So geht es weiter, wodurch ein innerer Dialog entsteht, der in der Mitte kulminiert. Es ist eine Art Begegnung eines Mannes mit einer jungen Frau, die mit eigenwilligen Metaphern umschrieben wird. Zemlinsky gliedert sie nicht allein durch die Gesangsteile, es gibt lange Nachspiele, überleitende rein musikalische Abschnitte, in denen des Komponisten differenzierte Musiksprache zu bewundern ist. Sie steigert sich instrumental im ersten Gesang so machtvoll, dass sie den kraftvollen und versierten Bariton Bo Skovhus an seine stimmlichen Grenzen bringt, wenn die sich aufbäumenden Klangmassen des riesigen Orchesters seine Stimme fast überdecken. Denn in dieser ‚Sinfonie‘ hat der Bariton als ‚orchestraler‘ Anteil eine ungewöhnliche Aufgabe, die Bo Skovhus wunderbar bewältigte, wie das auch der äußerst sensibel gestaltenden Adrienn Miksch in ihren Partien gelang. Ihre Gesänge sind von Zemlinsky deutlich weicher, auch eingängiger gearbeitet worden, so dass die drei Sopranteile teils impressionistisch klingen, sich von den vier umrankenden männlichen auch in der musikalischen Faktur unterscheiden.

All das lässt an die beiden Operneinakter „Der Zwerg“ und „Eine florentinische Tragödie“ erinnern, die vor zwölf Jahren im Theater bereits für Zemlinskys Musiksprache einnahmen. Mit der wuchtigen „Lyrischen Sinfonie“ wiederholten Steffen Vladar und die vielen Musiker, die die ungewohnten Klangräume öffneten, einen grandiosen Erfolg.


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