Etienne Mbappè, Alex Tseh, Thomas Dobler

Atlantic Grand Hotel Travemünde
Adieu Ghana - Gefeiertes Abschlusskonzert beim Classical Beat Festival 2025

Draußen herrschte typisch norddeutsches Schmuddelwetter mit Nieselregen und 5 Grad Temperatur in Travemünde. Aber im festlichen Konzertsaal unter dem Kronenleuchter im Atlantic Grand Hotel war ein wahrlich international besetztes Welt-Orchester versammelt, um das Publikum auf afrikanische Temperaturen zu bringen.

Zum Abschluss des diesjährigen Classical Beat Festivals - die Konzertreihe, die Klassik, Jazz, Pop und afrikanische Klangwelten in den musikalischen Dialog zu bringen versucht - begeisterte ein neun-köpfiges Ensemble aus aller Welt mit einem bunten Mix aus afrikanischer, arabischer und karibischer Rhythmik mit einer ordentliche Prise Jazz und klassischer Streicher-Untermalung.

Daniel Schnyder spielte auch QuerflöteDaniel Schnyder spielte auch Querflöte

Unter der Leitung von Daniel Schnyder (Komponist und Saxophonist) und Thomas Dobler (Vibraphon), beide aus der Schweiz, aber mittlerweile hauptsächlich in den USA lebend, hatte sich eine illustre Band von Musiker*innen versammelt, um den Anspruch des Festivals auf „Grenzen sprengen und Kulturen vereinen“, gerecht zu werden. Das Jahresmotto „Ghana meets Travemünde“ hatte im Laufe des Jahres verschiedenste Konzerte auf mehreren Bühnen in Travemünde, aber auch überall in Schleswig-Holstein zu bieten. Jetzt feierte das Festival in Travemünde mit einem hinreißenden Konzert seinen umjubelten Abschluss.

Für die Rhythmus-Abteilung des Abends waren Enzo Zirilli an den Drums und Percussion, Alex Tseh am Balaphon, Tschembe-Trommel und Bambusflöte, sowie Etienne Mbappè am Bass zuständig. Für die klassischen Elemente des Konzertes sorgte ein vier-köpfiges Streich-Quartett aus zwei Violinen, einer Bratsche und einem Cello. Letzteres wurde von Gagik Makichian (Berlin) gespielt, während Miclen LaiPang (Paris/USA) die erste Geige bediente, unterstützt von Sarah Hubrich (Köln/London) an der zweite Geige, sowie Gregor DuBuclet (Berlin/USA) an der Bratsche.

Miclen LaiPang an der ersten GeigeMiclen LaiPang an der ersten Geige

Musikalisch standen zunächst Kompositionen des südafrikanischen Pianisten Abdullah Ibrahim im Vordergrund. Der legendäre Weltstar in Sachen Jazz hat gerade seinen 91. Geburtstag gefeiert und mit seiner aktuellen Arbeit „African Symphony“ ein vielschichtiges Werk geschaffen, das Brücken schlägt zwischen afrikanischer Tradition, spirituellem Jazz und klassischer Formensprache. Gemeinsam mit dem Komponisten Schnyder hatte der befreundete Musiker, der ursprünglich in Kapstadt geboren wurde, jetzt aber in Süddeutschland lebt, neue Arrangements erarbeitet.

So fand sich der Konzertbesucher gleich beim ersten Stück „African Market Place“ musikalisch gesehen gleich mitten auf einem Marktplatz wieder, wo dynamische Rhythmen aus Balaphon, Drums und Bass auf vielschichtige Stimmen der anderen Instrumente trafen. Schloss man die Augen, wurde man sofort von den musikalischen Farben, Gerüchen und Stimmengewirr eines bunten Treibens mitten nach Afrika versetzt.

Etienne Mbappè am BassEtienne Mbappè am Bass

Es folgten zwei Nummern von einer weiteren Größe des Internationalem Jazz: John Coltrane: „African Blue und My favorite Thing“. Der legendäre Trompeter hatte Daniel Schnyder dazu inspiriert, die beiden Stücke neu zu arrangieren und lebendig zu interpretieren. Immer wieder gelingt es dem Star-Komponisten, seine eigenen Werke zwischen Jazz, Klassik und Weltmusik mit den musikalischen Künstlern diverser Genres zusammenzuführen. Mal ruhig und elegisch, dann wieder voller Energie und satter Grooves. Aber auch die klassische Komponente kam nicht zu kurz. Gerade das elegante und vielschichtige Geigenspiel von Miclen LaiPang begeisterte das Publikum immer wieder aufs Neue.

Mal darf Thomas Dobler ein wunderbares Vibraphon-Solo spielen, um dann wieder von tropischen Flötentönen aus der Bambusflöte von Alex Tseh förmlich in den Regenwald versetzt zu werden, wo ein Paradiesvogel scheinbar schillernd und triumphierend durch die Bäume zu segeln scheint. Aber auch die Improvisations-Kunst ist in der bunt gemischten Truppe ein beliebtes Stilmittel. So erscheint das bekannte Stück „Summertime“ von Gershwin in einer völlig neuen Interpretation zwischen afrikanischem Groove und lieblicher Melodik.

Enzo Zirilli - Drums und PercussionEnzo Zirilli - Drums und Percussion

Nach der Pause erzählte Daniel Schnyder zunächst aus seiner Zeit in Westafrika, wo er mit vielen verschiedenen Musikstilen konfrontiert wurde. Aus den Erzählungen von heimischen Griot-Sängern, Geschichten-Erzählern, die auf Marktplätzen alte Legenden am Leben erhalten, die nicht schriftlich festgehalten sind, erfuhr er von einem Helden-Epos aus dem 14. bis 15. Jahrhundert. Durch Transkription aus dem Gesprochenem hat er daraus Kompositionen entwickelt.

Im Königreich Mali gab es einst einen König Keita, der als Krüppel geboren wurde, aber durch die Blätter eines heiligen Baums gesund wurde und später das größte Königreich Afrikas gründete. Also eine Art Weihnachtsgeschichte, die an Moses erinnert. Die Komposition der Geschichte beginnt sehr meditativ und ruhig, um sich im zweiten Teil, wo es um einen Krieger mit übermenschlichen Kräften geht, als dynamisch spritzige Version afrikanischer Ursprünge zu entpuppen, wo alle beteiligten Musiker*innen sichtlich ihren Spaß haben und richtig aufdrehen zur Begeisterung des Saals.

Klassik trifft auf Jazz und afrikanische RhythmenKlassik trifft auf Jazz und afrikanische Rhythmen

Überhaupt steigerte sich die Begeisterung des Publikums, je weiter der Abend sich entwickelte. Als dann auch noch karibische Rhythmen zum afrikanischen Groove dazu kamen, konnte es einige Besucher kaum noch auf den Stühlen halten. Wie gerne hätte jetzt der eine oder die andere das Tanzbein geschwungen, aber gesittet wie man halt ist, musste ein kräftiges Mitswingen und rhythmisches Wippen auf den bequemen Stühlen an diesem Abend reichen. Man ist halt auch keine Zwanzig mehr.

Es folgten noch einige weitere klassische Stücke, wie zum Beispiel angelehnt an „Romeo und Julia“ (das Ballett des russischen Komponisten Prokofjew), eine Nummer aus Streicher-Musik gepaart mit afrikanischen Rhythmen. Eine wilde, komplexe Interpretation des klassischen Stücks, aber voller Eleganz und Groove.

Das Streich-Quartett: Miclen LaiPang, Sara Hubrich, Gregor DuBuclet, Gagik MakichianDas Streich-Quartett: Miclen LaiPang, Sara Hubrich, Gregor DuBuclet, Gagik Makichian

Mit „Ghanas Flying Elephant“, ein Stück, das der Band „Osibisa“, die in den 70er und 80er Jahren Ghana auf die internationale Musik-Landkarte setzte, gewidmet war, begann der rasante Zugabenteil des bemerkenswerten Abends. Noch einmal durften alle Musiker*innen ihr Können beweisen und den Saal in Begeisterung versetzen. Der verdiente Lohn dieser wunderbaren Weltmusik war ein kaum enden wollender Applaus eines absolut zufriedenen Publikums. Schon jetzt darf man gespannt sein, was sich im nächsten Jahr so tut, wenn das innovative Festival die musikalischen Grenzen zwischen Deutschland und Frankreich einreißen will, um Musik als universelle Sprache über Ländergrenzen, Musikstile und Generationen hinweg für sich sprechen zu lassen.


Fotos: Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.

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