Lars Eidinger, Foto: Holger Kistenmacher

Musik- und Kongresshalle Lübeck
Lars Eidinger liest und singt Bertolt Brechts “Hauspostille“

Am Samstagabend präsentierte der Theater- und Filmschauspieler und Fotograf Lars Eidinger gemeinsam mit dem Musiker Hans Jörn Brandenburg sein Bertolt Brecht-Programm aus der Hauspostille in der Lübecker Musik- und Kongresshalle.

Diese Lyriksammlung schrieb Brecht 1927 parodistisch als „Andachtsbuch“ für kirchenferne, moderne Menschen. Brecht kritisiert dabei bürgerliche Moralvorstellungen und kirchlich-religiöse Erbauungslyrik, wobei im Zentrum die Gleichgültigkeit der Natur gegenüber menschlichen Schicksalen und die unaufhaltbare Verwesung stehen. Seine Partnerin Helene Weigel tat diese Gedichte und Lieder ab: „Quatsch keine Opern“. Aber Eidinger war schon als Oberschüler vom deutschen Vorzeige-Dichter und Theatermacher Bertolt Brecht schwer beeindruckt und bezeichnete den Dramatiker in vielen Interviews als großes Vorbild und identifizierte sich mit dem widersprüchlichen Werk des Autors.

Fast alle Texte, die Eidinger lesend oder singend vorträgt, sind durchzogen von dem Wissen um die Vergänglichkeit. In kompromisslosen und ungnädigen Worten skizziert er darin die existenzielle Müdigkeit, die Unbehaustheit der Menschen und die klamme Stimmung zwischen Leben und Tod. Die meist entwurzelten Lars Eidinger, Foto: Holger KistenmacherLars Eidinger, Foto: Holger KistenmacherProtagonisten sind oft Mörder und Ausgestoßene am Rande der Gesellschaft. Ganz lebensnah geht es viel ums Fressen, Rauchen, Trinken und körperliche Bedürfnisse: „man raucht und geht kacken“.

Der berühmt-berüchtigte Schauspieler Eidinger, den man sowohl als Berserker-Darsteller aus dem Theater, wie beim „Jedermann in Salzburg“ oder als „Richard III.“ an der Schaubühne Berlin kennt, aber auch als durchgeknallten Psychopath und Mörder aus diversen Krimis wie dem Tatort mit Borowsky, ist mittlerweile sogar in Hollywood aktiv. Zur Zeit dreht er gerade in den USA in Atlanta, wie er zwischendurch erzählte.

Als Vortrags-Künstler agiert er kühl und konzentriert. Durch seinen eindringlichen Vortrag zwischen laut, expressiv und flüsternd leiser Betonung der Worte und Lieder schafft er eine Stimmung zwischen andachtsvollem Lauschen und erleichtertem Gelächter, auch wenn die Texte noch so morbid und gruselig daher kommen. Er geht mit boshafter Ernsthaftigkeit und leiser Radikalität ans Eingemachte.

Dabei gestaltet sich das Bühnenbild und der gesamte Auftritt eher minimalistisch und funktional. Im Bühnenzentrum steht eine neonfarbene Greenscreen-Hintergrundwand, die normalerweise bei Filmen für Spezialeffekte verwendet wird. Eidinger steht steif und etwas ausdruckslos in einem etwas zu großem grauen Anzug am Mikrophon. Daneben hat sich der Musiker Hans Jörn Brandenburg - umringt von Harmonium, Keyboard, Spinett und Klavier - eingerichtet. Er begleitet die Lieder von Eidinger mal Zirkus-artig, dann leicht beschwingt oder seltsam skurril und dynamisch.

Hans Jörn Brandenburg, Foto: Holger KistenmacherHans Jörn Brandenburg, Foto: Holger Kistenmacher

Kernbestandteile des Brecht-Abends sind zentrale Balladen und Gedichte. Eidinger rezitiert teilweise in Punk-Gestus, dann wieder scheinbar teilnahmslos. Bei den Liedern wie dem „Choral vom Baal“ oder der „Ballade von den Abenteurern“ singt er leicht exzentrisch und weniger klassisch. Kleine Gesten, gesetzte Pausen und exakte Betonung jedes einzelnen Wortes gehören zu seiner Könnerschaft als Vortrags-Künstler.

Eidinger folgt allgemein der Kapitelstruktur der „Hauspostille“, wenn er die Texte aus den „Bittgängen“, „Chroniken“, Exerzitien“ und „Tagseiten der Abgestorbenen“ rezitiert. Aber er erweitert das Programm mit Liedern, die nicht in diesen Zyklus gehören. So singt er wunderbar auch das Lied der „Seeräuber-Jenny“ und die Ballade „Wovon lebt der Mensch?“ Von Kurt Weill vertont, beides aus der berühmten Dreigroschen-Oper von Brecht. Übrigens hatte Eidinger auch den Brecht gegeben in der Filmversion von Joachim Lang: Macki Messer - Brechts Dreigroschenfilm.

Lars Eidinger, Foto: Holger KistenmacherLars Eidinger, Foto: Holger Kistenmacher

Ganz am Anfang wunderte sich Eidinger, dass das Publikum applaudierte, als er das „Loblied auf den Kommunismus“ vortrug. Das sei ihm bisher nie passiert. Denn „erst kommt das Fressen und dann die Moral“. Das hat alles Ernsthaftigkeit, aber auch Humor bis zur Groteske. Am Ende bricht er die morbide Stimmung, als er als Zugabe Brechts versöhnliche Kinderhymne anstimmt. Nach sprichwörtlicher Dunkelheit, nur beleuchtet vom Handy-Licht, und vielen dunkeldüsteren Worten lässt Eidinger das Lied, das Brecht als Gegenentwurf in Demokratie und Friedfertigkeit zur deutschen Nationalhymne konzipiert hat, in einen Ausschnitt aus John Lennons „Imagine“ übergehen. „Stellen sie sich vor, die deutschen Fussballer würden diesen Text jetzt bei der WM in den USA singen, wäre das nicht großartig?“ fragt Eidinger noch und beendet den Abend unter frenetischem Beifall seiner Fans.

Ein nachdenklicher, großartiger Abend mit einem bestens aufgelegten Starschauspieler, der seine gefürchtete Exzentrik freundlicherweise zu Hause gelassen hatte und sich höflich beim Publikum für die erstaunliche Konzentration des Zuhören über eineinhalb Stunden bedankte - aber trotzdem nicht vergaß, seine Foto-Bücher anzupreisen, die er gleich mit seinem Namen versehen werde im Foyer: „Auch wenn das hier keine Kaffee-Fahrt ist“ grinste der Künstler und verließ die Bühne schelmig lächelnd.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Freischaffender Journalist seit gut 30 Jahren, studierter Realschullehrer, psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.

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