9. Triennale der Photographie Hamburg 2026
"Alliance, Infinite, Love - in the Face of the Other" - Die große Bilderflut in Hamburg

Schon allein das Zahlenwerk ist gigantisch: In den 11 zentralen Ausstellungen der teilnehmenden 9 Hamburger Kulturinstitutionen (von der Kunsthalle, der MARKK, den Deichtorhallen, dem PHOXXI-Haus der Photographie Temporär, der Sammlung Gundlach und der Sammlung Falckenberg, dem Bucerius Kunstforum, dem Kunsthaus Hamburg, dem Kunstverein Hamburg, dem Museum der Arbeit und dem Museum für Kunst und Gewerbe) sind Positionen der Fotografie von insgesamt 279 Künstler*innen zu sehen.

Die 9. Triennale der Photografie steht dabei unter der Künstlerischen Leitung von Mark Sealy, der das diesjährige Motto der Großveranstaltung unter dem Dreiklang „Alliance, Infinite, Love - in the Face of the Other“ gestellt hat. Es geht also um das kreative Potenzial von Verbundenheit, Unendlichkeit und Liebe. Die Triennale ruft gleichzeitig zur Verantwortung gegenüber der*m Anderen auf. Mit "Alliance" appelliert Sealy an unsere Solidarität. "Infinite" erweitert unseren Horizont, während "Love" uns aufruft, die und den anderen oder das Unbekannte anzunehmen und zu lieben.

Die Macher der Triennale in den Deichtorhallen: Dirk Luckow - Deichtorhallen-Chef, Carsten Brosda - Kultursenator, Annette Schäfer - Leiterin der PK, Mark Sealy - Künstlerischer Leiter der Triennale, Bettina Freimann und Cale Garrido - KuratorinnenDie Macher der Triennale in den Deichtorhallen: Dirk Luckow - Deichtorhallen-Chef, Carsten Brosda - Kultursenator, Annette Schäfer - Leiterin der PK, Mark Sealy - Künstlerischer Leiter der Triennale, Bettina Freimann und Cale Garrido - Kuratorinnen

So rief der international angesehene Kurator und Kunstdirektor wie auch seine Mit-Redner*innen bei der Eröffnung der Triennale zu gesellschaftlichem Engagement auf. Dabei kann die weltumspannende Fotografie sehr hilfreich sein, denn sie habe eine verbindende Kraft und eröffne die Möglichkeit, in Beziehung zu gehen und neue Perspektiven von anderen zu erkennen. Der Akt des Fotografierens sei auch immer ein Akt von Respekt und Menschlichkeit, auch wenn das Gezeigte manchmal völlig fremd für uns ist.

Dabei sei die Würde des Menschen allerdings nie fotografiert worden, hatte schon Bob Dylan in einem Lied erkannt. „Wie soll das auch möglich sein“, bestätigte Carsten Brosda in seiner Eröffnungsrede, in der es viel um Musik geht. Denn der Künstlerische Leiter der Triennale, Mark Sealy hat als Ausgangsmotive den Song „Nature Boy“ von dem afroamerikanischen Jazzmusiker Nat King Cole und eden ahbez, einem Proto-Hippie und Außenseiter-Poet gewählt. Ein Song der auch auf der Favoriten-Liste von Kultursenator Brosda steht, wie er bekundete, besonders auch die spätere Version von David Bowie.

Inuuteq Storch: Keepers of the OceanInuuteq Storch: Keepers of the Ocean

Dabei gibt es in der großen Deichtorhalle insgesamt drei Ausstellungen. Die von Mark Sealy kuratierte Schau zeigt insgesamt etwa 500 Werke von 30 künstlerischen Positionen aus aller Welt, die einerseits die kulturelle Vielfalt feiert, als auch einen vielstimmigen Raum für Begegnung eröffnet, der die allgegenwärtige Polarisierung in der heutigen Welt hinterfragen soll. So hat zum Beispiel der grönländische Künstler Inuuteq Storch ein ganzes Kaleidoskop der Menschen und Landschaften ihrer Insel unter dem Titel „Keepers of the Ocean“ präsentiert. In Zeiten von Trump, der die eigenständige Insel einfach kaufen will, ein kraftvolles Statement.

Daneben gibt es geheimnisvolle und stolze Bilder von schwarzen Menschen von Mario Cravo Neto, der in „Ode“ Schönheit, Kraft und Mystik sprechen lässt. Die mexikanische Fotografin Teresa Margolles zeigt mit ihrer Serie „Pistas de Baile“, wie Trans-Sexarbeiter in den Ruinen von abgerissenen Nachtclubs in Ciudad Juarez ihre Würde bewahren, während Monica Miranda aus Portugal die Wüste Namib in Angola besucht hat.

Mónica de Miranda: EarthworksMónica de Miranda: Earthworks

Insgesamt stammen die Foto-Künstler*innen aus aller Welt - von Südafrika bis in den Libanon, von Australien bis Jamaika und von Japan bis Brasilien. Das soll sowohl die Kraft der Verbundenheit wie auch die gleichzeitige Diversität verdeutlichen. Dabei kreisen die Themen um Fragen von Identität, Befreiung und Gemeinschaft, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, von Spiritualität und Schmerz, von Begehren und Intimität.

Ähnliche Ansätze sind auch in der zweiten Schau in den Deichtorhallen sehr präsent, wo die langjährige Kennerin und Kuratorin der Sammlung von F.C.Gundlach, Dr. Sabine Schnakenberg unter dem Titel „Cocktail Prolongè“ über 70 Fotograf*innen ausstellt, die der berühmte Hamburger Mode-Fotograf und Sammler Gundlach im Laufe seines Lebens angesammelt hatte. Darunter befinden sich so berühmte Namen wie Richard Avedon, Robert Mapplethorpe, Jenny Holzer, Irving Penn, Cindy Sherman oder Roger Waters. Es gibt viel nackte Haut, viel Queerness, aber auch puren Sex zu sehen. Für Kinder nicht unbedingt zu empfehlen.

Devine von Roger Waters am BrezelstandDevine von Roger Waters am BrezelstandDer selbst heimlich schwul lebende Sammler Gundlach war ein bunter Vogel, der die gesamte Welt bereist hat und eine private Leidenschaft für die provokanteren, ab- und tiefgründigeren Formen von Körperlichkeit, Extravaganz und Queerness hatte. Sehr intime Bilder treffen dort auf radikale Offenheit von Sexualität und Lust in all ihren verschiedenen Spielarten. Das ist vor allem interessant, weil die Schau einen völlig anderen Gundlach zeigt. Einerseits der distinguierte und gefeierte Modefotograf, aber andererseits einen Künstlersammler von radikaler Offenheit gegenüber Gegenbildern, Brüchen und wahrhaftigen Träumen - gegenüber all dem, was den Menschen und seinen Körper jenseits gesellschaftlicher Zuschreibungen ausmacht und begehrlich macht. Viele der gezeigten Werke waren bislang unter Verschluss, obwohl hochaktuell und avantgardistisch und entstammen aus der intimen und persönlichen Privat-Sammlung von F.C. Gundlach.

Im temporären Container, dem PHOXXI. Haus der Photographie neben der Deichtorhalle sind zwei sehr frische, junge Positionen der Fotografie ausgestellt: Abdulhamid Kircher - "Rotting from Within", sowie Akosua Viktoria Adu-Sanyah: Residual Sky under Contamination. Dabei handelt es sich um raumgreifende, experimentelle, analoge Fotografie. Der deutsch-türkische Künstler Kircher zeigt eine Installation aus dokumentarischen Bildern seiner Familie aus dem Familienarchiv, während die deutsch-ghanaische Künstlerin Adu-Sanyah großformatige Abzüge zeigt, die durch besondere Entwicklungstechniken manipuliert und teilweise nicht fixiert sind und den Prozess des Bildermachens in der Dunkelkammer dokumentieren.

Abdulhamid Kircher: Ohne TitelAbdulhamid Kircher: Ohne Titel

In der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg gibt es hingegen wieder unzählige Beispiele aus der sogenannten Counterculture. Skurriles trifft auf Surrealistisches, schräge Bilder erzählen viel über die abseitige Kultur der Underdogs und politisch Widerständigen. Es geht um zivilen Ungehorsam und kritische fotografische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Machtstrukturen. Im Zusammenspiel dreier bedeutsamer Sammlungen - denen des Frac des Pays de la Loire und des Musée d´Arts de Nantes sowie der Sammlung Falckenberg - entsteht ein facettenreiches Bild von Kunst als Praxis des Widerstands, als Möglichkeit, gesellschaftliche Realitäten zu hinterfragen und neue Perspektiven zu eröffnen.

Aber neben den Deichtorhallen sind bei der diesjährigen Triennale auch fast alle größeren Kunst-Institutionen der Stadt Hamburg mit eingebunden. So zeigt das Museum am Rothenbaum (MARKK) „Bilderechos aus Peru“, während das Museum der Arbeit in Barmbek dokumentarische Aufnahmen und Serien des britischen Fotografen Franki Raffles zeigt, der sich um die Sichtbarkeit von weiblicher Arbeit gekümmert hat. Gleichzeitig geht es auch um den Kampf gegen männliche Gewalt gegenüber Frauen und richtet ihre Aufmerksamkeit auf Menschen mit Behinderung und auf das Thema Flucht und Migration. Auch die Hamburger Kunsthalle nimmt mit einer großen Ausstellung teil an der Triennale. Unter dem Titel „Aber ich. Die Welt. Ich sehe. Dich“ werden Werke von 40 internationalen Künstlerinnen verschiedener Generationen präsentiert.

Die Riege der Kurator*innen der teilnehmenden KunstinstitutionenDie Riege der Kurator*innen der teilnehmenden Kunstinstitutionen

Ich könnte jetzt noch seitenlang weitere Programmpunkte aufzählen, die hier aber den Rahmen sprengen. Denn neben den amtlichen Ausstellungen in den Museen und Kulturhäusern beteiligen sich noch unzählige Galerien, Projekträume und öffentliche Kollektive an der Triennale Expanded. Dazu kommt die freie Szene und diverse Initiativen.

Das gesamte Programm kann man im Internet abrufen unter 2026.phototriennale.de/triennale-expanded.
Es gibt insgesamt 12 einzelne gedruckte Publikationen in einem Schuber zu kaufen für 45 Euro in den teilnehmenden Institutionen.
Diverse Kurse, Projekte, interdisziplinäre Programme zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der Tanztriennale, Talks, Workshops und so weiter finden sich unter 2026.phototriennale.de/kalender

Die Triennale 2026 läuft insgesamt vom 5. Juni bis zum 22. September 2026. Weitere Infos: https://2026.phototriennale.de


Fotos: Holger Kistenmacher


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