Besinnliches und Kantiges beim Saisonausklang der Elbphilharmoniker
8. NDR Sinfoniekonzert in der MuK

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Die Erwartung vor dem achten Konzert des Orchesters der Elbphilharmonie, das letzte in dieser Saison, war wieder groß (27. Mai 2016) und wurde nicht enttäuscht.

Denn eines der beliebtesten Klavierkonzerte, das von Edvard Grieg in a-Moll, stand auf dem Programm, ein Publikumsmagnet. Wie grausig schlecht hat man das Werk schon gehört, im Tastengewitter zerdroschene nordische Romantik. Nichts davon bei Nikolai Tokarev. Sein Grieg war wohltemperiert. Die sprudelnden Passagen und aufragenden Akkordtürmungen und das versonnene zweite Thema im ersten Satz, das nordisch romantische Flair im zweiten und die einladenden, rhythmisch mitreißenden Tanzpassagen im dritten, wurden durch das berstend breite Finale abgeschlossen. Alles brachte der hochgepriesene russische Pianist ungemein feinsinnig und kontrolliert. Wo andere sich schon mit dem Satzeingang im Fortissimo verausgaben, verstand er, den Klang zu differenzieren, wo andere davonpreschen, bewahrte er überlegene Ruhe, die besonders die Kadenz im ersten Satz auszeichnete.

Das Orchester stand unter der Leitung von Michal Nesterowicz, Landsmann des Solisten, der den Klangkörper ganz im Sinne der dezenten Auffassung des Solisten führte. Im ersten Satz war es das Pianissimo, mit dem der Solist nach seiner Kadenz abgelöst wurde, das herausstach. Wunderbar auch im zweiten der Klang der Streicher mit sehr feiner Dynamik und das Miteinander der Orchestersolisten mit dem Solisten, hervorstechend das Horn, weniger das der zwar vorbildlich geblasenen Flöte, deren spitzer Klang sich aber weniger einfügte. Der brausende Applaus brachte ein weiteres Grieg-Stück als Zugabe, das Notturno aus seinem op. 54.

 

Michal Nesterowicz, Foto: Roberto de Armas

Das romantisch Begeisternde wandelte sich nach der Pause zu einem soghaften Effekt der Musik. Einen Beweis dafür lieferte ein Zuhörer, der nach dem ersten Satz das mit einem lauten „Wow“ bestätigte, ausgelöst durch den breiten pathetischen Gestus. Sergej Prokofjews fünfte Sinfonie in B-Dur wurde gespielt. Witz und motorische Brillanz des zweiten Satzes, der tragische Ton des langsamen, an Tschaikowsky erinnernden dritten und der diesseitig fröhliche des Finalsatzes lassen den heutigen Zuhörer den historischen Kontext vergessen, unter dem das 1944 komponierte Werk entstand und 1945 erstmals aufgeführt wurde. Das grandios reagierende Orchester erreichte mit dem wieder umsichtig gestaltenden Dirigenten ein Höchstmaß an Wirkung. Brausender und sehr langer Beifall bestätigte den Nachhall dieses Werkes beim Publikum. 

Titelfoto: Nikolai Tokarev (c) Felix Broede

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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