Matt Mullican spricht auf der Preisverleihung in der Kunsthalle St. Annen

Der 2. Possehl-Preis für Internationale Kunst 2022 an Matt Mullican
Es schließt sich der Kreis

Opulent, symbolhaft, überbordend, vielschichtig, rätselhaft sind nur einige Attribute, die einem bei der Besichtigung der Übersichtsschau „Mapping the World“ von Matt Mullican in der Kunsthalle St. Annen durch den Kopf gehen.

Diese Ausstellung, des durch eine fünfköpfige Jury aus Mitgliedern international bekannter Kunstinstitutionen ausgezeichneten amerikanischen Konzeptkünstlers für sein Lebenswerk, stellt aber nur einen Teil seines Schaffens in Lübeck da. Zuvor hatte er bereits auf der Domwiese ein mehrfarbiges, kreisrundes Pflanzbeet vor dem Lübecker Dom, sowie eine Kreide-Boden-Zeichnung auf der Dachterrasse des Europäischen Hansemuseums installiert. Dann folgte die große Ausstellung mit riesigen Frottagen in der Petrikirche und seine Performance unter Hypnose am gleichen Ort.

Jetzt also ein umfassender Einblick in das Gesamtwerk des seit 50 Jahren kreativ tätigen Ausnahmekünstlers. Und der Betrachter ist zunächst schier überwältigt. Seit Jahrzehnten arbeitet sich Matt Mullican an einer künstlerischen Systematisierung seiner Weltsicht ab, die er in medial vielfältigen und raumgreifenden Installationen zu erfassen versucht. Zu sehen sind groß- und kleinformatige Zeichnungen, Malereien, Fotos, Videos, Druckgrafiken, Leuchtkästen, Glas-, Stein- und Metall-Skulpturen, 449 Magnesiumplatten und unzählige Fundstücke, die er sammelt und archiviert, um seine Systematisierung von Wissen der Zeit zu erarbeiten. 

Blick in die AusstellungBlick in die Ausstellung

Und dann taucht immer wieder sein Strich-Männchen namens Glen auf, der ein Eigenleben führt. Mal schläft er, von Mullican an die weiße Wand des Museum per Bleistift gezeichnet oder taucht mit Körper in seinen Installationen auf. Symbolhaft als „Schlafendes Kind“ liegt er als Kissen mit draufgelegtem Holzbrett auf dem Boden. Und dann gibt es die typischen Farben und Zeichen, mit denen Mullican seit fünf Jahrzehnten arbeitet , um seinen Kosmos zu schaffen. Als Vertreter der sogenannten „Picture Generation“, die rund um eine Ausstellung in New York im Jahre 1977 ausgerufen wurde, um auf die Bilderflut und die Medienkultur der Zeit zu reagieren, zeigt der Künstler immer wieder wie dicht seine Werke an der Realität dran sind. Seine vielfachen Piktogramme sind heute auf Verkehrsschildern und jedem Handy die Norm. Ob auf Papier gedruckt, als Frottage oder auf Fahnen genäht, seine Symbole und typischen Farben Rot, Schwarz, Gelb, Blau und Grün sind die Grundlage seines faszinierenden Universum.

Kurator Oliver Zybok, der Direktor der Oberbeck-Gesellschaft kennt den Künstler zwar schon lange, aber besonders erfreulich war es, als er die erste Possehl-Preisträgerin Doris Salcedo in ihrer kolumbianischen Heimat besuchte, dass dort Mullican ebenfalls gerade eine Ausstellung hatte, wie er bei der Pressekonferenz erzählte. So schließt sich der Kreis, als er bei Mullican zuhause in New York auf dem Sofa sitzt und gemeinsam mit der Familie erstmal eine Netflix-Folge von „Stranger Thing“ schauen darf. Aber auch für Prof. Hans Wißkirchen schließt sich der Kreis, denn mit dieser wunderbaren Ausstellung der Gegenwartskunst verabschiedet sich der Leiter der Lübecker Museen in den Ruhestand, während die neue Leiterin der Kunsthalle, Noura Dirani, die ihr neues Amt am 1. Oktober angetreten ist, gleich voller Freude diese Schau, „die wunderbar in ihr Konzept für moderne Gegenwartskunst passt“, verantworten darf.

Prof. Hans Wißkirchen und Noura DiraniProf. Hans Wißkirchen und Noura Dirani

Aber besonders für Matt Mullican ist es eine große Freude in Lübeck zu sein, wie er freundlich betont. Er sei jetzt bereits dreimal in dieser wunderbaren, historischen Stadt gewesen und ist begeistert von den vielen Kirchen mit ihren kaum einsehbaren Höhen. Besonders der Dom bei Nacht bei einem Spaziergang mit Oliver Zybok hat ihn verzaubert, aber auch die wunderbaren Gänge der Altstadt oder diese uralte „Bar“, gemeint war das „Buthmann“ aus dem Jahre 1684 waren „wonderful“. Er lebe zwar in New York, wo die Gebäude ebenfalls riesig seien, aber nicht so an den Menschen angepasst, sondern an die Autos. 

Aber besonders erfreut ist der amerikanische Künstler, weil er bisher noch nie einen Preis bekommen hat, obwohl er bereits über 300 Ausstellungen weltweit bestückt hat. Also hat er sich über die vier Etagen in der Kunsthalle besonders viel einfallen lassen. Im dunklen, fensterlosen Keller-Geschoss sind seine Videos zu sehen, die bei den unter Hypnose stattgefundenen Performances entstanden sind. „Er mag diese Filme nicht anschauen, denn das sei eine andere Person“, erklärt er beim Rundgang. Kürzlich hatte er in St.-Petri aber gerade so eine Performance gezeigt.

Im Erdgeschoss präsentiert Mullican überwiegend Arbeiten aus den 1970er Jahren, Farb-Symbole, einen gefundenen Film aus New York aus den 30er Jahren, private Fotos mit Symbolen, Zeichen und Piktogrammen. Licht-Installationen und Leuchtkästen folgen auf der nächsten Etage und dazu 64 Bettlaken mit großen und kleinen Zeichnungen und Fotos, die den Raum in lange Schluchten unterteilen. Auf der zweiten Ebene gibt es eine äußerst beeindruckende Installation aus Glas-Objekten und insgesamt 449 Magnesium-Platten, die Ausschnitte aus der umfassenden Encyclopédie des französischen Gelehrten Denis Diderot präsentieren - absolut überwältigend.

Damit die Besucher der Ausstellung den Ideen und Gedankengängen des Konzeptkünstlers rund um seine Universen und seine Kosmologie folgen können, gibt es in jeder Etage Erklär-Karten, die mitgenommen werden dürfen. Darüber hinaus sollte man ausgiebig Zeit mitbringen, um sich einen Überblick zu verschaffen, es lohnt sich!  Außerdem ist diese absolut sehenswerte Ausstellung bis zum 23. Januar 2023 zu besichtigen. Es gibt zudem ein breit gefächertes Begleitprogramm von Führungen, Lecture-Performances und Workshops für Jugendliche im Rahmen einer Schreib-Werkstatt.

Matt Mullican und Max SchönMatt Mullican und Max Schön

Am Samstagabend erhielt Matt Mullican dann aus den Händen des Vorsitzenden der Possehl-Stiftung, Max Schön den mit 25.000 Euro dotierten Preis. Es waren Grußworte von Bürgermeister Jan Lindenau und der Kulturministerin von Schleswig-Holstein, Karin Prien zu hören, während Oliver Zybok eine Einführung durch die Schau leitete.

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Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.

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