Matt Mullican am Holstentor, Foto: (c) Felix König

Der zweite Preisträger des Possehl-Kunstpreises für Internationale Kunst
Matt Mullican

Holger KistenmacherVon

Nach der kolumbianischen Künstlerin Doris Salcedo im Jahre 2019 wurde der amerikanische Konzeptkünstler Matt Mullican von einer hochrangig besetzten Kunst-Jury als zweiter international tätiger Künstler für den renommierten Lübecker Kunstpreis für das Jahr 2022 ausgerufen.

Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert und beinhaltet darüber hinaus eine Einzelausstellung in der Stadt, die im Oktober des Jahres an verschiedenen Standorten stattfinden soll. Dafür war der 70-jährige Künstler die Tage schon einmal in Lübeck zu Besuch und hat sich von Oliver Zybok die Stadt und potentielle Ausstellungsorte (Kunsthalle, St.-Petri-Kirche) zeigen lassen.

Der Amerikaner (geb. 1951 in Santa Monica), dessen Lebenswerk gewürdigt werden soll, zeigte sich begeistert und plant gleich mehrere parallel stattfindende Ausstellungen, sowie Installationen und Performances im öffentlichen Stadtraum. So könne er sich ein Pflanzprojekt vorstellen, sagte der Künstler bei seinem ersten Lübeck-Besuch. Auch der große Kirchenraum der St. Petri-Kirche inspiriere ihn, weil er gerne mit Räumen spiele und seine künstlerischen Arbeiten meist mit räumlichen Begebenheiten interagieren.

Matt Mullican, Foto: (c) Max EhrengruberMatt Mullican, Foto: (c) Max EhrengruberAber wer ist dieser Künstler und was ist das speziell Preiswürdige an seiner Kunst? Der in Kalifornien geborene Künstler hat in Los Angeles bei John Baldessari am California Institute of the Arts studiert und erreichte dort seinen BFA 1974. 2009 wurde er zum Professor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg berufen, wo er bis 2019 zeitbezogene Medien in der Kunst lehrte. Er lebt in New York und Berlin.

Die Jury würdigte Mullican Lebenswerk, „das bis heute maßgeblichen Einfluss auf jüngere Künstlergenerationen ausübt“. Er wird insbesondere als einer der wegweisenden Vertreter der so genannten „Picture Generation“ geehrt, die Mitte der 1970er Jahre den Einfluss massenmedialer Bilder in der alltäglichen Wahrnehmung untersuchten und sie als festen Bestandteil künstlerischer Auseinandersetzung deklarieren. Unter diesem Titel nahm er 2009 an einer vielbeachteten Ausstellung im MoMa in New York teil. Außerdem war er mehrfach bei der Documenta in Kassel eingeladen (1982,1992,1997).

Matt Mullican in der Perikirche, Foto: (c) Felix KönigMatt Mullican in der Perikirche, Foto: (c) Felix König

Mullican arbeitet seit Jahrzehnten an einer künstlerischen Systematisierung seiner Weltsicht, die er in medial vielfältigen und raumgreifenden Installationen zu erfassen versucht. Sein Werk ist vielschichtig angelegt, es reicht von Malerei über verschiedene druckgrafische Techniken, wie zum Beispiel der Frottage, bis hin zu bildhauerischen Arbeiten und Performances. Vor allem versucht er, die Unterscheidung zwischen High & Low in den Künsten ad absurdum zu führen, da sie seiner Ansicht nach die Kreativität einschränken.

Als bahnbrechenden Ansatz seines komplexen künstlerischen Universums werden seine Experimente mit Hypnose bewertet, die er seit den frühen 70er Jahren einsetzt. Daraus hat er eine besondere Bildsprache entwickelt, die die Welt in fünf Ebenen einteilt. Dieses Modell, welches er seine Theorie der fünf Welten nennt, schafft ein Ordnungssystem, dessen Vokabular Farbe als Ordnungsprinzip verwendet. So bedeutet Rot subjektiv, Schwarz steht für Sprache oder Zeichen, Gelb symbolisiert die gerahmte Welt (die Kunst) im Gegensatz zu Blau, das die Welt ohne Rahmen (unbewußt) meint und schließlich Grün, welches die Elemente symbolisiert.

Matt Mullican mit Oliver Zybok, Foto: (c) Felix KönigMatt Mullican mit Oliver Zybok, Foto: (c) Felix König

Dieses Modell setzt er in einer Vielzahl von Medien ein, darunter Fahnen, Zeichnungen, Videos und Drucken. Das ganze bezeichnet er auch als Gesamt-Kosmologie und stellt dabei die ganz großen Fragen, die in der Kunstwelt eigentlich als Tabu gelten: „Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was wird geschehen? Was ist gut? Was ist böse?“. So erklärte er es Oliver Zybok in einem Interview für die Kulturzeitschrift Kunstforum aus dem Jahre 2016.

Er denkt nicht in Wörtern oder Bildern, sondern in Gedanken. „Mir geht es darum, verschiedene Qualitäten einer Umgebung wiederzugeben, mit Zeichnungen und Schilderungen, Symbolen und so weiter. Ich fertige Schilder zur Darstellung von Inhalten an, anstatt von Wörtern, denn die Zeichnung ist nicht phonetisch, ein Zeichen ist piktographisch, und mich interessiert dieses reduzierte Bild.“

Die Kunstfreund/innen aus Lübeck dürfen also gespannt sein, was sich Matt Mullican für Lübeck 2022 einfallen lässt.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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