Gekommen waren hauptsächlich Fans der südamerikanischen Musik, die das Tanzbein schwingen wollten und die die Halle 9 der Kulturwerft Gollan luftig füllten. Also genug Platz für alle Bewegungs-affinen Besucher*innen bei schweißtreibenden hochsommerlichen Temperaturen.
Bevor es losging mit der Tanzparty, begutachteten viele Besucher erstmal die bunte Recycling-Kunst des Plastik- und Müll-Künstlers Andreas Dorkow, der sich bei seiner Arbeit an einem neuen gelben Bild über die Schulter schauen ließ. Im Vorfeld waren alle Konzertbesucher*innen aufgefordert, bunte, kleine Plastikteile mitzubringen, aus der Dorkow seine schillernden Werke schafft.
Der Künstler Andreas Darkow fertigt aus mitgebrachtem Müll seine Kunstwerke, Foto: Holger Kistenmacher
Andere ließen sich erstmal einen bunten Cocktail munden oder begutachteten das weitläufige Gelände mit Strand-Feeling, Liegestühlen oder Sitzsäcken, die zum Relaxen mit Füßen im Sand einluden. Dann aber kam die 5-köpfige Band, die sich als „musikalische Seefahrer“ verstehen, um Musik aus der afrikanischen Diaspora mit der reichen Tanztradition brasilianischer, angolanischer und kapverdischer Herkunft zu vermengen.
Barfuß und in einem roten Glitzerkleid stürmte die brasilianische Sängerin Jabu Morales die Bühne und schlug zunächst eher ruhigere Töne an. Sie sang von Migration, Kolonialismus und Freiheit, aber auch von Liebe und Aufbruch. Voller Gefühl und Sinnlichkeit schwelgte ihre charismatische Stimme in der warmen Klangwelt der portugiesischen Sprache.
Alberto Becucci und Jabu Morales, Foto: Holger Kistenmacher
In der afrobrasilianischen Musik verwurzelt, gleichzeitig weltoffen, virtuos, witzig und warmherzig, so präsentierte sich das Quintett aus Gesang und Congas (Jabu Morales), Akkordeon und Keyboards (Alberto Becucci - Italien), Percussion (Timoteo Grignadi - Griechenland), Gitarre (Ricardo Quinteira - Angola) und Bass (Francesco Valente - Portugal). „Musik ist, was alle zusammenführt - grenzüberschreitend und universell“, erklärte Morales und gab den Rhythmus an den Congas vor.
Dazu tänzelte sie über die Bühne und ließ ihr rotes Kleid fliegen. Dann erklärte sie dem Publikum die Bedeutung des Band-Namens: Ayom sei der „Herr der Musik“ und steckt zum Beispiel in diesen Trommeln, die die Menschen das Musizieren und Singen beigebracht haben. Alles stamme aus dem „Candomble“ , der afro-brasilianischen Musiktradition, "die auch wir versuchen zu vermitteln".
Jabu Morales und Timoteo Grignadi, Foto: Holger Kistenmacher
Dabei zelebrierten sie sowohl Saudade, die Melancholie Portugals und der Kapverden, wie sie im Fado oder der Musik Cesaria Evoras präsentiert werden, wie aber auch die schwarzen und rhythmischen Sprachen der lusophonen Kulturen rund um das Mittelmeer und Brasilien und Angola. "Uns trennt kein Ozean, sondern vereint uns in Liebe, Poesie und Spiritualität", so Morales.
Dazu drehte die spielfreudige Band so langsam an der Klangdichte und Geschwindigkeit. Im Publikum begannen die Damen die Hüften zu schwingen und zu tanzen, während die meisten Herren der Gattung eher schüchtern die Füße bewegten oder hüftsteif den Bierbecher festhielten. Es wurde ausgiebig gelacht und gefeiert, während der Rhythmus nicht nur den Musikern den Schweiß auf die Stirn trieb. Immer rasanter wurde der tanzbare Mix aus Forro-Sinnlichkeit, Polka, sonnigen Bossa-Nova-Vibes und treibendem Samba.
Chillen im Liegestuhl, Foto: Holger Kistenmacher
Während in der Halle viele der Tanz-Party fröhnten, hatten es sich überraschend viel Leute mit einem kühlen Getränk oder Eis in den Liegestühlen bequem gemacht und lauschten der Musik nur noch im Hintergrund. Aber auch so konnte man diesen herrlichen Sommerabend im momentan schönsten Wohnzimmer Lübecks genießen, auch wenn das Konzert leider schon nach eineinhalb Stunden etwas frühzeitig zu Ende ging. Wer wollte, konnte sich ja noch beim DJ-Set von „textme“ bei der After-show-Party weiter austoben.
Fotos: (c) Holger Kistenmacher

