Sona Jobarteh mit Kora

Werftsommer 2026
Kora-Pionierin, Aktivistin und charismatische Musikerin mit Mission, Sona Jobarteh spielt beim Herzschlag Afrika-Konzert im sommerlichen Wohnzimmer des SHMF

Die Vorhalle der Gollan Kulturwerft hatte sich hübsch gemacht. Bunte grelle Bilder aus Plastikmüll an den Wänden, lässige Sofas und gemütliche Sessel oder Liegestühle im Sand im Freigelände. Kein Wunder, dass die Pressesprecherin des SHMF, Laura Hamdorf, die rustikale Industriewerft zum sommerlichen Wohnzimmer des Schleswig-Holstein Musik Festivals erklärte, wo in den nächsten zwei Wochen Musik aus aller Welt beim Werftsommer präsentiert wird.

Den Anfang machte das sogenannte „Herzschlag-Afrika-Konzert“ von Sona Jobarteh und Band aus Westafrika. Die charismatische und wunderschöne Musikerin aus Gambia, geboren und ausgebildet in London, wo sie Komposition an der Purcell School studiert hat, ebenso wie Cello, Cembalo und Klavier. Ihre Familie in Gambia ist eine von nur fünf traditionellen Griot-Familien (Geschichtenerzählern) vom Volk der Mandinka, die dabei die Kora spielen. Das klassische westafrikanische Instrument der Langhalsharfe ist seit 700 Jahren das Musik-Instrument, welches die Tradition der musikalischen Kommunikation der Griots vom Senegal über Mali bis Gambia bestimmt.

Sona Jobarteh in der Kulturwerft GollanSona Jobarteh in der Kulturwerft Gollan

Dabei erzeugt die Kora, ein hoch komplexes Instrument, gebaut aus einer halben Kalebasse (Kürbis), die entweder mit einer Kuhhaut oder einem Antilopenfell als Resonanzkörper bespannt ist, an der ein langer Steg befestigt ist, an dem 21 Saiten entlang laufen, einen ganz eigenen Sound zwischen Harfe und Laute. Seit Jahrhunderten durfte das traditionelle Instrument nur von Männern gespielt werden. Aber ihr Großvater, einer der berühmtesten Kora-Spieler Westafrikas, hat diese Regel durchbrochen und seiner Enkelin das Spiel auf dem komplizierten Instrument beigebracht. Somit ist Sona Jobarteh die einzige Kora-Spielerin Afrikas und eine Pionierin an diesem Gerät, wie sie später erläuterte.

Das Konzert begann mit den wunderbaren, spielerischen Klängen einer akustischen Gitarre, die meisterhaft von Eric Appapoulay aus Mauritius gespielt wurde, und deren Klang entfernt an Flamenco erinnerte. Dann gesellten sich Anselmo Neto an den Percussions, Yuval Wetzler an den Drums und Andi McLean am Bass dazu, um einen sehr rhythmisch orientierten Weltmusik-Sound auf die Bühne zu bringen. Schlussendlich erscheint die sehr große, wunderschöne Sona Jobarteh, gekleidet in einem langen traditionellen afrikanischem Dress, blau bedruckt und mit viel Silber abgesetzt dazu und hängt sich die Kora an den Bauch.

Sona Jobarteh (Kora), Anselmo Neto (Percussion) und Eric Appapoulay (Gitarre)Sona Jobarteh (Kora), Anselmo Neto (Percussion) und Eric Appapoulay (Gitarre)

Als Geschichtenerzählerin erklärt sie sofort, dass die ersten beiden Stücke besonders an die Mädchen und Frauen im Saal gerichtet seien, sowie allen Frauen weltweit gewidmet, die für Gleichberechtigung, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung gekämpft haben und ihr damit den Weg geebnet haben, das zu tun, was sie jetzt tut. Mit klarer, sanfter Stimme singt sie, während ihre Hände beidhändig die Saiten drücken und zupfen, was wie eine spielerische Mischung aus Laute und Harfe klingt. Die gesamte Komposition nimmt langsam Fahrt auf und steigert sich in Rhythmus und Dynamik, während der Funken sofort auf das Publikum überspringt. Danach holt die stolze Mutter ihren 19-jährigen Sohn Sidiki auf die Bühne, der von da an das Balafon, das afrikanische Xylophon rasant und akkurat bedient.

Dann versucht sie etwas, was sie als schwierig hier in Deutschland kennengelernt hat, nämlich das gemeinsame Singen. „Es ist wie eine Kommunikation zwischen uns und euch, ein Wechselgesang. Aber keine Angst, was hier im Saal passiert, bleibt auch im Saal“, ermutigt sie das zunächst zaghafte, schüchterne Publikum. „Musall dua eh“ oder so ähnlich soll das Publikum singen. Zwar versteht keiner, was das bedeuten soll, aber es klappt und der Saal stimmt lauthals mit ein. Eine wunderbare Stimmung aus Freude, Solidarität und Zusammengehörigkeit breitet sich aus.

Sidiki und Sona JobartehSidiki und Sona Jobarteh

Dann darf ihr Sohn Sidiki einen selbst komponierten Song vorstellen, der von der Freiheit der jungen Menschen handelt, die Musik zu machen, die modern ist, ohne die alten Traditionen zu verleugnen. Rasant fliegen seine Trommelschläger über das Balafon, während seine berühmte Mutter stolz lächelt.

Nach der Erfrischungspause widmet Sona Jobarteh das nächste Stück, das sie gemeinsam mit dem wunderbaren Gitarristen Appapoulay anstimmt, ihrem Vater und Großvater, sowie dem berühmtesten Kora-Spieler aus Mali, die sie bis heute inspirieren, woraufhin die anderen Musiker langsam dazu stoßen und das Wechselspiel unter den Instrumenten mit aufnehmen. Danach folgt ein weiterer längerer Zwischentext der charismatischen Musikerin, die alle Musiker weltweit dazu aufruft, ihr musikalisches Können verantwortlich zu nutzen und sich ihrer Kraft bewußt zu sein, was sie mit ihrer Musik erreichen und verändern können.

Herzschlag Afrika - Sona Jobarteh und Band in der Kulturwerft GollanHerzschlag Afrika - Sona Jobarteh und Band in der Kulturwerft Gollan

Bestes Beispiel sei sie selbst, die in Gambia eine Academy gegründet hat, um jungen Menschen eine vernünftige Bildung zukommen zu lassen, damit sie nicht, wie so viele, ihre Heimat verlassen müssen, um nach Europa auszuwandern. Bestes Beispiel sei ihr Sohn, der auch die Gambia Academy besucht hat und jetzt hier mit ihr auf der Bühne steht, erklärte sie stolz. Dabei gab es weder nationale oder internationale Hilfe. Sie habe alles selbst finanziert, von der Ausbildung über die medizinische Versorgung, die Ernährung und die Unterkunft der Schüler*innen. „Und das auch nur, weil Menschen wie sie jetzt hier bei meinen Konzerten sind und ihre Tickets bezahlt haben“, bedankte sie sich beim begeisterten Publikum.

So angestachelt war es dann ein Leichtes, das mitgerissene Publikum erneut zum Singen und Klatschen zu bringen. Anlässlich der Feierlichkeiten zur 60-Jahr-Feier der Unabhängigkeit von Gambia sollten alle gemeinsam einen gesungenen Gruß in ihr Heimatland Gambia schicken, um Energie und Freundschaft zu dokumentieren und zu senden. Mittlerweile waren Scham und Unsicherheit völlig gewichen und fast das ganze Publikum tanzte, sang und klatschte so laut es ging, um die große Entfernung von Lübeck nach Gambia zu überbrücken. Begeistert und mit Standing Ovations ging diese mitreißende Show zu Ende und entließ fröhliche, lachende Menschen in die laue Sommernacht.


Fotos: (c) Holger Kistenmacher


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