Krisen, Kriege, Katastrophen und Klimawandel - die Herausforderungen unserer Zeiten scheinen überbordend. Hoffnungslosigkeit macht sich auf allen Ebenen breit. Dagegen setzt das Internationale Sommerfestival in Hamburg ein starkes Gegenangebot: HOPE - indem man aktiv bleibt und zwar mit Lust und Freude. Festivalleiter Andras Siebold setzt dabei auf die Aufforderung des amerikanischen Philosophen Jonathan Lear, der mit seiner „Radikal Hope These“ zum beharrlichen Hinarbeiten auf eine positive Zukunft trotz Gegenwarts-Paranoia aufruft.
Dementsprechend war die Eröffnungsveranstaltung der argentinischen Choreografin Ayelen Parolin mit „Irresistible Revolution“ eine furiose Aufforderung, sich nicht unterkriegen zu lassen. Ihre 12 Tänzer*innen brachten das argentinische Spektakel des Straßen-Karnevals auf die Große Bühne der K6. In bunten, schrägen Klamotten aus Glitzerröcken für die Männer und bunten Turnhosen für die Frauen, aber alle mit Turnschuhen gekleidet, brannten die Tänzer*innen ein energetisches Feuerwerk aus wilden Bewegungen, eleganten Drehungen und absurden Konstellationen auf die Bühne.
Ayelen Parolin 'Irresistible Revolution', Foto: (c) Stanislav Dobak
Ausgehend von den für den argentinischen Karneval typischen „Murga-Tänzen“ mit Sprüngen, hochgereckten Armen und stampfenden Füßen wurde die Energie der Straße auf den ansonsten leeren Tanzboden übersetzt. Dabei waren auch immer wieder absurde Gesten, rollende Augen und unsicheres Gehabe präsent. Das Konzept „Widerstand durch Freude und Lust“ als Protest war der stetige Antrieb für seltsam komische Momente. Es wurde viel gelacht im Publikum, wenn der kleine chinesische Tänzer wie ein Flummi nur auf Händen oder fliegenden Füßen über die Bühne wieselte oder wenn ein anderer Tänzer klischeehaft „schwul“ rumtänzelte.
So entstand ein „Wimmelbild“ aus wirbelnden Menschen in Gruppen oder als einzelne Solistin. Oft wußte man kaum, wo man hinschauen sollte, um auch ja keine Sequenz zu verpassen. Es wird geliebt, gekämpft, gerangelt und geflirtet. Was am Anfang oft in Zeitlupe begann mit Bewegungen, bei der die Handbremse gezogen wurde, eskalierte am Ende in einer atemberaubenden Vollgas-Spannung bis zur förmlichen chaotischen Erschöpfung aller Teilnehmerinnen. Zwar fehlte dem Stück ein wirklich erkennbares Thema, überzeugte aber durch Dynamik, Energie, Humor und Lebensfreude, was zu Recht mit grenzenlosem Jubel der vollbesetzten Halle belohnt wurde.
Trapicana, Foto: (c) Holger Kistenmacher
Einen völlig anderen Ansatz sucht die internationale Kooperation von Johanna Tischkau (Choreografin, Göttingen), Jeremy Nedd (Choreograph, Brooklyn New York), Sophie Yukiko (Autorin, Performerin, Köln) und der Malpaso Dance Company (Kuba, Havanna) mit ihrer kritischen Revue-Show. Dabei war bis kurz vor dem Festival nicht einmal gesichert, ob die kubanische Tanz-Truppe überhaupt den Weg nach Hamburg schaffen würde. Stromausfälle und die immer stärkeren Auswirkungen der Isolation der karibischen Insel durch die USA haben nicht nur den internationalen Tourismus zum Erliegen gebracht, sondern sorgen auch durch Öl- und Benzin-Knappheit fast zum vollständigen Erliegen von Flugverkehr und allgemeinem Leben auf Kuba.
Obwohl sie oft in Dunkelheit in Havanna proben mussten, haben es die neun wunderbaren und hervorragend ausgebildeten Tänzer*innen geschafft, in Hamburg eine grandiose Show auf die Bühne zu zaubern. Es begann sehr symbolhaft im fast völligen Dunkel ,als ein schlauchartiges Gebilde über die Bühne gezogen wurde, das an ein typisches Flüchtlings-Schlauchboot erinnerte. Bei Licht entpuppte sich das aufgeblasene Gebilde als das Eingangstor zum berühmten „Tropicana-Showtheater“ in Havanna, wo noch bis vor dem allgemeinen Stromausfall den Touristen das Geld aus der Tasche gezogen wurde. Bei 100 Dollar Eintrittspreisen mit Wasserfällen auf der Bühne und riesiger Lightshow stand die Revue seit Jahren im absoluten Gegensatz zur allgemeinen Realität der Karibikinsel.
Trapicana, Foto: (c) Holger Kistenmacher
Genau darum geht es in der gezeigten Show. Aus dem Tropicana wurde das Trapicana, die Touristen-Falle. Die grell kostümierten Tänzer*innen mit ihren neonfarbenen Rüschenkostümen und knallgrünen Stiefeletten arbeiteten sich mit den Klischees des typischen Kubanischen Tanzes ab mit aufgesetztem Dauergrinsen, sexy Klamotten und viel Glitzer und nackter Haut. Wie zu Hemingways Zeiten wurde getanzt, diesmal aber nach Trap-Rhythmen aus tiefen Bässen und schnellen Hi Hats aus dem Süden der USA, ein HipHop-Subgenre.
Langsam schlägt die Stimmung unter der bunten Tänzer-Scharr um. Man verweigert die klassischen Hüftschwünge und lasziven Bewegungen und bewegt sich mehr nach den vorkolonialen afrikanischen Rhythmen, improvisiert und am Kanon der modernen Popkultur orientiert. Aus dem „Trapicana“ wird erst der Schriftzug in „Parias“ verändert, dann kommt Donald Trump zu Wort. In der eingespielten Tonaufnahme einer seiner dumm-dreisten Reden spricht er von der Schönheit der Insel, die er leicht einnehmen könnte. Dem entgegnen die Tänzer*innen mit einem Ausbruch an tänzerischer Extra-Vaganza und Lebensfreude. Am Ende wird sogar das Publikum mit auf die Bühne gezogen und gemeinsam getanzt. Ganz wunderbar und sehr politisch.
Lesung auf der Bühne im Avantgarden, Foto: (c) Holger Kistenmacher
Überhaupt beweist das Sommerfestival auch wieder seinen hohen Anspruch an künstlerischer Avantgarde und allgemeiner Teilhabe, politischer Einmischung und Solidarität. Gleich am Eingang von Kampnagel hängt die bunte Regenbogenfahne der LBGT-Szene mit einer Trauerbekundung wegen des Anschlages auf den CSD in Berlin. Auf der Waldbühne im Avantgarden gibt es Lesungen und Konzerte für alle Lebenslagen, zum Beispiel auch aus dem Iran. Und natürlich wird auch wieder geräuschlos nach der Kopfhörer-Musik von JaJaJa getanzt.
Und für die visuelle Kunst ist diesmal die berühmte amerikanische Fotografin Nan Goldin zuständig. Sie zeigt unter dem Titel „The Ballad of Sexual Dependance“ ihr fotografisches Tagebuch von 1992 - eine umfassende Dia-Show mit Musikuntermalung von Maria Callas über Nico bis zu Velvet Underground. Die 45-minütige Vorführung von Kleinbild-Dias von insgesamt 694 Porträtfotos läuft in der Vorhalle über den gesamten Zeitraum des Festivals. Fast schon obsessiv hat dabei die 1953 geborene Künstlerin Freunde, Bekannte, aber auch sich selbst in allen Lebenslagen fotografiert.
Nan Goldin: Nan and Brian in Bed, (c) Nan Goldin/ Hamburger Kunsthalle
Seit Ende der 70er Jahre zeichnet sie ein Bild der Gesellschaft ohne Filter und Beschönigungen. Es geht um Liebe und Gewalt, Sex, Drogen, AIDS, Schmerz und Lust. Sowohl ihre Schwester, der sie die Dia-Show gewidmet hat, wie auch ihr Freund Brian und viel enge Freunde aus ihrem Umfeld tauchen auf, aber auch berühmte Künstler wie Jim Jarmusch, Keith Harrington oder Andy Warhol. Sex, Drogen, Schwangerschaft und Tod stehen neben Partys, Beerdigungen oder verlotterte Betten auf dem Programm. Ein Bilderbogen, der die Realität am Ausgang des letzten Jahrhunderts vor Augen führt, berührt und schockiert. Absolut sehenswert.
Das Festival läuft noch bis zum 23. August und hat neben großen Tanz- und Theaterproduktionen auch noch jede Menge Konzerte, Diskussionen und Vorträge zu bieten. So wird zu Beispiel am Freitag, den 14. August die Witwe des ermordeten Alexej Navalny, die Menschenrechtlerin Julija Nawalnaja über Russland und die Ukraine sprechen, um den Sprachlosen eine Stimme zu geben.
Fotos: (c) Holger Kistenmacher

