Alle zwei Jahre gibt es für mich als Freund der modernen Gegenwartskunst einen Pflichttermin, der sich wunderbar mit einer Kurzreise in die schönste Stadt der Welt verbinden lässt: Venedig.
Zwar leidet die Stadt der vielen Inseln an der Adria unter dem immensen Touristenandrang von 30 Millionen Besuchern pro Jahr bei einer Bevölkerung von nur 70.000 Einwohnern, trotzdem ist es jedes Mal wieder wunderbar, durch die Gassen und Kanäle der Stadt zu stromern, wenn man sich abseits der üblichen Touristen-Hotspots wie Markusplatz und Seufzerbrücke bewegt.
Meine Unterkunft beziehe ich seit Jahren auf Giudecca, wo überwiegend Einheimische leben und man abends beim Aperol-Spritz und köstlicher Venezianischer Küche das Dolce Vita direkt am Wasser genießen kann. Leider war es dieses Jahr eine wahre Kunst-Tortur zwischen 38 Grad im Schatten, heftigen Gewittern und Luftfeuchtigkeit bei 80 %. Jeder einzelne Schatten und gekühlte Räume in Palazzi, Kirchen und Ausstellungsräumen wurde zum Abkühlen benutzt. Trotzdem bestand die gesamte Reise aus durchgeschwitzten Klamotten und unfassbar viel Kunst sämtlicher Gattungen.
Der Origami-Hirsch aus der Ukraine von Zhanna Kadyrova ist im Gardini angekommen
Dabei begann die Biennale anfänglich mit viel Skandal, Protestaktionen und dramatischen Todesfällen. Leider verstarb kurz vor der Eröffnung die Chef-Kuratorin, die kamerunisch-schweizerische Koyo Kouoh wie auch die deutsche Künstlerin Henrike Naumann, die zusammen mit zwei weiteren ostdeutschen Künstlerinnen für den Deutschen Pavillon zuständig war. Der Russische Pavillon wurde durch eine Revolte aus Pussy Riot, das Kreml-kritische Performerinnenkollektiv und viele teilnehmende Künstlerinnen boykottiert, trotz Freigetränken und liebsamen Künstlern aus Russland. Der Pavillon blieb geschlossen, wie auch der Israelische wegen der "Gräueltaten" in Gaza.
Aber nun zurück zur Kunst. Gleich am Eingang der Giardinis, wo die meisten Länder-Pavillons und der Hauptpavillon der Biennale sind, hing ein Beton-schwerer Origami-Hirsch aus der Ukraine, der auf der Flucht vor dem russischen Angriffskrieg aus der Donezk-Region quer durch Europa in den Freien Westen nach Venedig flüchten musste, geschaffen von Zhanna Kadyrova, die den Hirschen zunächst auf einer Plattform eines russischen Kriegerdenkmals in Prokowsk installiert hatte.
Postkarten-Sammlung von Oriol Vilanova im Spanischen Pavillon
Weiter ging es in den Spanischen Pavillon, wo gut 50.000 Postkarten von Oriol Vilanova nach Themen wie Katzenbilder, Päpste oder Schneelandschaften installiert waren. Übrigens der Lieblings-Pavillon von Noura Dirani, der Chefin der Kunsthalle Lübeck, wie sie dem art-Magazin erzählte.
Es folgte der offizielle Biennale Pavillon, dessen kuratorischer Ansatz “The Minor Key“ aus leisen Tönen, Zartem und Unscheinbarem nur ansatzweise erfüllt wurde. Statt dessen herrschte ein weitestgehendes Durcheinander von wilder Kunst und Kitsch, wobei man aber auch ganz hervorragende Werke entdecken konnte. Otobong Nkanga hatte zum Beispiel die Säulen am Eingang zur zentralen Ausstellung mit Ziegeln und Pflanzen verkleidet. Dann folgten quietschbunte Federskulpturen von Big Chief Demond Melancon und eine ziemlich kitschige misslungene Hommage an Kolo Kouoh und Toni Morrison von Maria Magdalena Campos-Pons. Wohingegen der Rat der Tiere aus Keramik von Celia Vasquez Yui fast schon einschüchternd wirkte - wunderbar dynamisch und schön.
Der Rat der Keramik-Tiere von Celia Vasquez Yui
Fast überall war der heimliche Star der Biennale der amerikanische Künstler Nick Cave mit seinen Raben-schwarzen floral-menschlichen Skulpturen zu finden. Sowohl hier in der Ausstellung und am Hafenbecken des Arsenal, als auch im Mystik-Garden am hintersten Ende im Park des Arsenals waren seine geheimnisvollen Männer unter Metallblumen zu besichtigen. Ein Highlight für mich war der Multimedia-Raum von Laurie Anderson aus Schrift, Kreide-Malerei, Klang und philosophischen Gedanken mit Amerika-kritischen Texten und Porträts wie Lou Reed, William Burrough und vielen anderen schlauen Köpfen aus den USA. Herrlich auch die aufwendige Installation von Ebony G. Patterson, die einen Perlen-besetzten Pfau mit Blattgold-Füßen zeigte, unter denen blutige Hände zum Vorschein kamen.
Multimedia Raum von Laurie Anderson
Überhaupt gab es viel Kunsthandwerkliches aus Ton, Stein und Bronze, wie 2.500 Tonfiguren von Sawangwonse Yawnghwe, die die Vertreibung der Rohingyas aus Myanmar symbolisierten. Aus Fundstücken hat der Puerto-Ricanische Künstler Daniel Lind-Ramos seinen einäugigen Green Guardian gebastelt. Dazu gesellte sich die filigran gestickte Arbeit von Thania Petersen, die sich auf Sufi-Musik bezog. Und überall duftete es nach Pflanzen, Aromen und anderen schönen Düften, wenn diese nicht durch Schweiß oder überdeutliches Parfum überdeckt wurden.
Der Weckruf des Matriachats - Performance von der Florentina Holzinger TruppeNun zu den Länderpavillons. Für den größten Auftrieb und stundenlanges Schlange-Stehen sorgte die gefeierte wie skandalöse Brachial-Performerin Florentina Holzinger und ihre nackte feministische Truppe nur aus Frauen im Österreich-Pavillon. Wer wie ich bereits viele der überbordenden radikal-feministischen Stücke von ihr gesehen hatte, dürfte eher enttäuscht gewesen sein. Natürlich gab es wieder Spektakel und Diskussionen ohne Ende. Angefangen von der Bronzeglocke, in der zu jeder vollen Stunde, anfänglich sogar von Holzinger selbst, dann von einer ihrer Performerinnen geleistet, der Weckruf des Matriarchats ausgeläutet wurde und zwar mit dem eigenen Körper, der Kopfüber in der Glocke aufgehängt war. „O tempora o mores“ stand außen an der Glocke - „Welche Zeiten, welche Sitten“.
Drinnen düste eine nackte Frau auf einem Jet-Ski durch ein Becken und machte ordentlich Wellen, während eine andere nackte einen Pfahl erklomm, wo oben drauf eine Bronze-Skulptur einen Pfeil mit den Füßen abschoss. Dazu gab es zwei Dixi-Klos, wo die Besucherinnen ihren Urin spenden konnten, der dann biologisch gereinigt wurde, damit daraus ein weiteres Bassin gefüllt werden konnte, in der eine Taucherin mit Atemgerät vor sich hin aalte. Das Ganze stand unter dem Spektakel als Kampf gegen Wasserknappheit, Klimawandel und feministischer Selbstbehauptung - nun ja, soweit wie immer.
Blick in den Deutschen Pavillon - Henrike Naumann verstarb kurz vor der Eröffnung mit 41 Jahren
Im Deutschen Pavillon wurde sich wie immer zunächst am alten Nazi-Bau abgearbeitet. Die vietnamesisch-deutsche Künstlerin Sung Tieu hatte die Außenwand mit kleinen Mosaiksteinen wie einen Plattenbau verwandelt - als Kind einer allein-erziehenden Vertragsarbeiterin aus Vietnam in der ehemaligen DDR erinnerte das an Lichtenhagen und seine Nazi-Anschläge. Drinnen hatte Henrike Naumann den großen Saal in Giftgrün streichen lassen, wie sie früher in Sowjetischen Kasernen rund um Berlin zu finden waren, dazu gab es Vorhänge aus Kettenhemden und halbe Stühle und Tische an den Wänden, alles sehr subtil und ohne Erklärungen schwer verständlich für das internationale Publikum.
Der Pavillon aus Griechenland macht Spaß
Während Serbien zur Geschichtsstunde aus historischen Fotos und Dokumenten einlud, bespielte Griechenland seinen Pavillon mit Popkultur aus Videoarbeiten, Spiegelwänden, Lümmelwürsten und HIV-Propaganda, untermalt mit Musik von Franky goes to Hollywood. Ein toller Raum zum Relaxen, Abhängen, Tanzen und Philosophieren mit "Platon-Pop". Im Japan-Pavillon konnte man sich eine sehr echte Baby-Puppe ausleihen, Bekuscheln, Wickeln und durch die Gegend tragen. Irgendwie ziemlich infantil und lächerlich, aber viel genutzt von Menschen, die wohl selbst keine echten Babys haben. Seltsam!
Filigrane Stickkunst aus Indien: Hausruine aus Spitze von Sumakshi Singh
Einer meiner weiteren Länder-Favoriten war Indien, wo vier unterschiedliche Künstler*innen einen Riesenraum mit filigraner Spitzen-Textilkunst über zwei Stockwerke ausgestattet hatten. Sie hatten das ehemalige, heute abgerissene Haus der Künstlerin als Ruine nachgeklöppelt und eine große Bambuskonstruktion bis in die Deckenbalken mit Blumen-Installationen versehen. Auch ganz toll der Marokko-Pavillon, wo unterschiedlichste Teppich- und Knüpfkunst auf ausladende Bett-Installationen trafen, auf denen man sich gerne ausgebreitet und erholt hätte. Die Türkei lies bunte Blumen sprechen, die aber insgeheim leise Kritik äußerten, indem zum Beispiel zwei Basketbälle die Brüste einer großen Frauen-Skulptur darstellten.
Was vom Aralsee übrig blieb - Pavillon von Usbekistan
Usbekistan erinnerte in einer vielfältigen Schau aus Sand, Salz und Wasserbassins an das allmähliche Verschwinden des Aral-Sees, ehemals der viertgrößte See der Welt, der durch intensive Bewässerung von Baumwollfeldern auf ein Zehntel geschrumpft ist und eine öde Wüste hinterlassen hat, der die einheimischen Fischer und Bauern ruiniert hat. Zuckersüß und bitterböse Kunst aus der Ukraine gab es im Ukraine-Pavillon vom Oligarchen Pintchuk, der sowohl fürchterliche Kriegsvideos zeigte, aber auch liebliche Deckenlüster aus Süßigkeiten und Marshmallows.
Georg Baselitz fulminantes Alterswerk in der Fondazione Cini
Ich könnte jetzt noch stundenlang weiter erzählen, aber ich muss noch unbedingt einige herausragende Collateral-Events erwähnen, die offiziell neben den eigentlichen Ausstellungen mitten in der Stadt in Palästen, Kirchen oder Museen gezeigt wurden. Besonders hervorheben möchte ich die letzte große Ausstellung mit den berühmten Überkopf-Bildern von Georg Baselitz, dessen Alterswerk aus goldenen Selbstporträts von ihm selbst und seiner Frau Elke besteht. Teilweise hat er die riesigen Bilder mit bunter Farbe übermalt oder mit seinem Rollstuhl überfahren, wie er in seinem letzten Video vor seinem Tod erklärte. Ein grandioses Alterswerk voller Ironie, Weisheit und Wagemut als Malen gegen die Zeit. Diese großartige Ausstellung wird in der Fondazione Cini auf der Insel San Giorgio Maggiore gezeigt, wo um die Ecke in einem Park auch noch wunderbare Glaskunst aus Murano aus den 50er Jahren zu besichtigen ist.
Installation im ehemaligen Schwimmbad auf San Giorgio Maggiore
Noch weiter tief im Park versteckt liegt das ehemalige Schwimmbad der Insel, wo die slowakischen Künstler Barbora Slapetova und Lukas Rittstein eine sehr seltsame wie wunderbare Gesamt-Installation aus Videos, Fotos, Skulpturen und Zeichnungen installiert haben. Unter dem Titel „How to reach the Sky“ sind Astronauten, Penis-Gurt-tragende Indigene aus Iran Yaya/Indonesien im Film und goldene und weiße Riesenskulpturen zu sehen sind, die man kaum wieder verlassen möchte. Ein ruhiger, kaum besuchter Ort voller Abgeschiedenheit und großer Kunst.
Szenen von Krieg, flucht und Gewalt von Michael Armitage im Palazzo Grassi
Das absolute Highlight für mich auf der diesjährigen Biennale sind die Bilder der Ausstellung von Michael Armitage aus Kenia und England. Gezeigt werden sie im schönen klassischen Palazzo Grassi, der Privat-Sammlung vom superreichen Bernard Pinault aus Frankreich. Unter dem Titel: „The Promise of Change“ hat der schwarze Künstler unzählige Bilder auf speziell geschälter und bearbeiteter Baumrinde gemalt, die geklopft und verbrannt werden, dann gewalzt und zusammen genäht werden, wie man in einem Video und Interviews mit Armitage sehen konnte. Seine Themen sind Gewalt, Vertreibung, Flucht und afrikanische Selbstbestimmung in den verschiedensten Formen von Kolonialisierung, Despoten und Unrechts-Regimen in Ostafrika und auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Beeindruckende Bilder höchster Qualität aus Malkunst und Inhalten. Absolut zu empfehlen.
Nach soviel Kunst und fast unerträglicher Hitze half danach nur ein köstliches Eis vom besten Eismacher Venedigs, dem Gelati Nico und später am Abend der übliche Spritz mit Leckereien aus Venedig. Und wieder einmal war man einerseits erledigt, aber auch wunderbar erfüllt von Kunst aus aller Welt, die manchmal sämtliche Aufnahmefähigkeit an ihre Grenzen führte. Aber wir werden uns in zwei Jahren wiedersehen, versprochen!!
Fotos: (c) Holger Kistenmacher

































































