(La)Horde + Ballet National de Marseille: 'Après Moi, Le Déluge', Foto: (c) Gaël.le Astier-Perret

Internationales Sommerfestival auf Kampnagel Woche 2
Body-Horror und Erschöpfung als Strategie - Theater und Tanz am Rande des Abgrunds

Die großen Tanz- und Theater-Produktionen aus der zweiten Festival-Woche waren nichts für schwache Nerven. Zunächst bewies das postdramatische Theater „Susie Wang“ aus Norwegen mit ihrem aktuellen Stück „Burnt Toast“, das es mit seiner grotesk-skurrilen Theatersprache und einer Mischung aus Horror und Humor das Publikum sowohl zu überraschen wie zu schockieren vermag.

Es beginnt alles ganz harmlos in einem wunderbaren Bühnenbild, in einer in rot gehaltenen Hotellobby, in einem Empfangs-Tresen und in zwei goldenen Aufzügen. Jedes Geräusch wird künstlich verstärkt. So schlürft die Hotelmitarbeiterin gurgelnd an ihrem Getränk oder lässt einen Lutsch-Bonbon klackernd gegen die Zähne prallen. Dann erscheint im ersten Aufzug ein erster, seltsam dämonischer Gast mit Sonnenbrille, Cowboystiefeln und hautengen Jeans. Auf der anderen Bühnenseite stillt eine junge Mutter ihr Baby. Es wird geflirtet und geturtelt bis plötzlich das Baby spricht und „Papa“ sagt. Man kommt ins Gespräch und die junge Frau erhofft sich einen Vater für ihr vaterloses Kind. Während sie an ihrem Frei-Cocktail schlürft, verbindet der dämonische Gast seinen silbernen Aktenkoffer mit einem Schlauch und saugt etwas aus diesem Koffer.

Susie Wang: Burnt Toast, Foto: (c) Alette Schei RørvikSusie Wang: Burnt Toast, Foto: (c) Alette Schei Rørvik

Plötzlich verwandelt sich die seltsame Idylle in eine rabenschwarze Satire über Mutterschaft, Mutter-Söhnchen und das Böse im Menschen. Erst wird dem Mann die Hand und der Koffer im stecken gebliebenen Fahrstuhl abgetrennt, dann spritzt das Kunstblut. Das Baby selbst soll auf einmal schwanger sein und es folgt eine Matrjoschka-artige Geburtenfolge mittels Taschenmesser und vier immer kleiner werdenden Babys, die dem jeweils vorherigem aus dem Bauch geschnitten wird. Während sich die erschöpfte Mutter auf einem Sitzsack erholen will, versucht der dämonische Mann wieder in ihren Mutterleib zu kriechen, bis nur noch die Cowboystiefel zu sehen sind.

Völlig aus dem Ruder läuft das surreale und fantastische Geschehen, als der Koffer wieder auftaucht und eine blutige Hand alles in sich hineinzieht. Das Publikum schwankt zwischen lauthals lachen und entsetztem Erschrecken. Eine bissige Satire mit extrem blutigem Ende und voller Absurditäten und totalem Quatsch. Zwar wurde wild applaudiert aber auch äußerst kontrovers diskutiert über Sinn und Inhalt dieses sehr „speziellen Body-Horror-Theaterabends“.

Susie Wang: Burnt Toast, Foto: (c) Simen UlvestadSusie Wang: Burnt Toast, Foto: (c) Simen Ulvestad

Die zweite große Produktion im völlig ausverkauftem Saal der K6 stammte von der berühmten Tanz-Companie (La)Horde und dem Ballet National de Marseille. Der mitreißende Tanzabend war betitelt mit „Après Moi, Le Déluge“, zu deutsch: „Nach mir die Sintflut“. Das Tanzkollektiv ist seit Jahren Stammgast beim Sommerfestival und hat schon mit Popgrößen wie Madonna, Björk oder Rosalia zusammengearbeitet. Die aktuelle Arbeit beginnt scheinbar am Ende. Hinter einem Gaze-Vorhang sitzen und taumeln die 12 Tänzer*innen, als ob sie bereits fertig getanzt hätten und nehmen den Applaus aus dem Publikum entgegen, das als Riesen-Video auf der Bühne gezeigt wird. Alles wirkt wie ein rückwärts gedrehter Film. Die Aufführung behauptet, dass die Sintflut Gegenwart sei.

Dann verändert sich das wunderbare Bühnenbild. Techniker tragen Teile der Bühne ab, der gesamte Boden wird in die Höhe gezogen, Löcher tun sich auf und verschlucken zuckende Körper, während sich ein dampfender Teich auftut. Alles scheint in Gewalt zu versinken. Die Gesten werden aggressiver, ein Tänzer erhebt den Arm zum Hitlergruss und das Wasserbecken wird zur Folter, wie Waterboarding genutzt. Dann erobern menschliche Monster die Bühne. Grässliche Gummimasken zeigen, dass das Wasser kein Jungbrunnen, sondern ein Alters-Becken ist. Dann erscheinen wie zwei Engel oder Medusen zwei langhaarige Frauen auf der Bühne und retten eine scheinbar tote Frau und erwecken sie wieder zum Leben.

(La)Horde + Ballet National de Marseille: 'Après Moi, Le Déluge', Foto: (c) Gaël.le Astier-Perret(La)Horde + Ballet National de Marseille: 'Après Moi, Le Déluge', Foto: (c) Gaël.le Astier-Perret

Zurück auf der Oberfläche, die schräge Bühne hat sich wieder gesenkt, tanzt das gesamte Ensemble wie wild am Abgrund, voller Energie nach einem harten Rhythmus zwischen Heavy Metall, Elektronik und Techno. Das tänzerische Repertoire reicht von Kampfkunstgestik bis zu Moshpit mit wirbelten Metaller-Haaren und Pogo. Alles völlig verausgabend und hoch explosiv.

Dann ergibt sich ein weiterer Bruch im Geschehen. Nachdem das Ensemble sich förmlich körperlich total verausgabt hat, taucht erneut die Unterwelt wieder auf in Form von seltsamen Fabelwesen mit langem Wuschelschwanz oder Elefantenfuß. Dazu schwelgt die Musik in leisen Tönen, ein Ende gegen das ewige Gegenanrennen in einer monströser werdenden Welt scheint zu gelingen. Die große Erschöpfung ist also nicht nur deren Ergebnis sondern auch tänzerisch dramaturgisch die Strategie des überbordenden Tanz-Ereignisses.

(La)Horde + Ballet National de Marseille: 'Après Moi, Le Déluge', Foto: (c) Gaël.le Astier-Perret(La)Horde + Ballet National de Marseille: 'Après Moi, Le Déluge', Foto: (c) Gaël.le Astier-Perret

Dabei sind am Ende nicht nur die Tänzer*innen völlig ausgelaugt, auch das Publikum muss erstmal tief durchatmen nach dieser überwältigenden Inszenierung voller hinreißender Tanzkunst in einem grandiosem Bühnenbild und mit der brachialen Lautstärke des Soundtracks. Allerdings will der Applaus danach wiederum auch kein Ende finden.

Dann strömt alles raus in den immer noch gut besuchten Avantgarden zu hochsommerlichen abendlich lauschigen Temperaturen, wo ein kühles Getränk lockt. Oder wer immer noch nicht genug hat, lauscht dem Multikulti-Auftritt einer Band vor dem Migrantpolitan oder tanzt selbst noch ein paar Runden bei der leisen Kopfhörer-Party von JaJaJa.

MigrantPolitan im Avantgarden, Foto: (c) Holger KistenmacherMigrantPolitan im Avantgarden, Foto: (c) Holger Kistenmacher


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