Der NDR-Filmpreis für den lettischen Spielfilm 'Die Grube' von Dace Puce, Foto: (c) Olaf Malzahn

62. Nordische Filmtage Lübeck
Mein persönliches Fazit

Holger KistenmacherVon

Die guten Nachrichten zuerst: Aufgrund des großen Zuspruchs und der hohen Nachfrage deutschlandweit hat die Festivalleitung in Abstimmung mit den Partnern der eingereichten Filme beschlossen, das Streaming-Angebot der 62. Nordischen Filmtage Lübeck bis zum 11. November zu verlängern.

Der wichtigste Preis des Festivals, der NDR-Filmpreis für den besten Spielfilm geht dieses Jahr erstmals nach Lettland. Der Debütfilm der lettischen Regisseurin Dace Pure: "Die Grube" erzählt auf dramatische Art und Weise die Geschichte des kleinen Jungen Markuss, der an der Verlogenheit, der Gewalt und den Geheimnissen der Erwachsenenwelt fast zerbricht.

Konsequent wird der gesamte Film aus der Perspektive des Jungen gezeigt. Dieser lebt bei seiner Großmutter, weil seine Mutter ihn nicht wollte und sein Vater als Künstler und angeblicher Junkie für ihn nicht sorgen konnte. Tragischerweise wird Markuss durch unglückliche Umstände dafür verantwortlich gemacht, dass ein kleines Nachbarsmädchen fast in einer Grube stirbt. Das ganze Dorf wendet sich gegen ihn und versucht ihn, aufgrund seiner Leidenschaft, der Malerei, die ziemlich düster daher kommt, als psychisch krank zu brandmarken. Er wird ausgegrenzt, hat keine Freunde, sondern wird noch von anderen Jungen gejagt und verprügelt.

Filmszene aus 'Die Grube', Foto: (c) Marana ProductionsFilmszene aus 'Die Grube', Foto: (c) Marana Productions

Schutz und Freundschaft findet er nur bei dem sogenannten „Seemann“, der isoliert im Wald lebt. Bei ihm lernt Markuss, seine Freude an der Kunst auszuleben und hilft ihm dabei, ein von seinem Vater entworfenes buntes Glasfenster fertig zu stellen. Gleichzeitig kommt er durch die Freundschaft zum Seemann vielen Geheimnissen und unterdrückten Wahrheiten aus der eigenen Familiengeschichte auf die Spur. Der tragische Film überzeugt mit Empathie und Bloßstellung der Brutalität und Verlogenheit, die sich im gesamten Dorf verbirgt. Keine leichte Kost, aber ein Film mit Tiefe und Einfühlungsvermögen.

Gleich zwei Preise (Baltischer Filmpreis, Preis des Freundeskreis für das beste Spielfilmdebüt) gehen an den finnischen Streifen: "Gesellschaftsspiele" von Jenni Toivoniemi. Dieser spielt in dem bekannten Setting und auf Basis zahlreicher Filme: Alte Jugendfreunde treffen sich aus Anlass eines Geburtstages nach Jahren für ein gemeinsames Wochenende. Dieses findet auf einer kleinen Schereninsel ohne Handy-Empfang und frei von Ablenkung durch die digitalen Medien statt. Die Jubilarin Mitzi und ihre acht FreundInnen haben jede Menge gutes Essen und reichlich alkoholische Getränke vorrätig, was für eine ausgelassene Feier sorgen soll. Da aber im Wein (Alkohol) sprichwörtlich die Wahrheit liegt, brechen dionysische Tage an, denn jeder und jede hat ein ordentliches Päckchen an Problemen mit auf die Insel gebracht.

Filmszene aus 'Gesellschaftsspiele, Foto: (c) Tuffi FilmsFilmszene aus 'Gesellschaftsspiele, Foto: (c) Tuffi Films

Kleine Lügen und große Enttäuschungen, versteckte Liebe und Eifersucht, der Wunsch nach eigenen Kindern oder eine große Karriere bergen viel Potential für ausufernde Diskussionen und tränenreichen Streit. Es entspannt sich ein Liebesreigen, der an Arthur Schnitzler erinnert, wo wechselnde Partner miteinander heimlichen Sex haben. Insgesamt ein humorvoller Film in sommerlichen Farben, Dialog-lastig und mitunter etwas vorhersehbar, aber voller Wendungen und erneuter Liebesschwüre.

Die Filme, die den Dokumentarfilmpreis (Der Kampf um Grönland) und den Kirchlichen Filmpreis (Eine total normale Familie) bekommen haben, wurden von mir, beziehungsweise von Susanne hier schon vorgestellt.

Jetzt aber einmal zu den negativen, beziehungsweise traurigen Momenten der diesjährigen Filmtage. Linde Fröhlich, die künstlerische Leiterin der NFL, die insgesamt 40 Jahre lang ein prägendes Mitglied der Filmtage-Gemeinde war, muss ausgerechnet in ihrem Abschiedsjahr Corona-bedingt ohne große Feier und verdienten Applaus aus dem Amt scheiden. Dazu konnte die bekannte Cineastin das Festival erstmals insgesamt nur digital stattfinden lassen. Ein teilweise trauriger, aber auch wehmütiger Abschied, auch wenn das Streaming-Angebot überraschend gut aufgenommen wurde.

Die künstlerische Leiterin der Nordischen Filmtage Lübeck: Linde FröhlichDie künstlerische Leiterin der Nordischen Filmtage Lübeck: Linde Fröhlich

Mir persönlich fehlte eindeutig das Gemeinschaftsgefühl im voll besetzten Kinosaal, vor großer Leinwand, die Magie und die Sinnlichkeit des Kinos zu erleben. Auch die Diskurse mit Freunden und Bekannten, Kolleginnen und anderen zufällig getroffenen Cineasten über die gesehenen Filme, ob nun kontrovers oder übereinstimmend, konnten nicht stattfinden. Kein Austausch, keine Feier, keine glänzende Gala mit lecker Häppchen und lockeren Gesprächen mit Filmschaffenden aus aller Herren Länder - alles wegen dem Scheiß-Virus ausgefallen.

Das Begleit-Bierchen gab es dafür auf dem roten Sofa, auch die Essens-Versorgung war dieses Jahr besser, denn man musste nicht ständig zwischen Film-Gucken, Einkauf und Kochen hin und her rennen. Willkommen Corona-Billy. Auch hat man sich zur späten Stunde nicht mehr mit Freundinnen verabredet, um die Tage ausklingen zu lassen, ersparte sich aber auch den Weg, bei kühlen Temperaturen in dunkler Nacht nach Hause zu marschieren.

Sicherlich hat die Digitalisierung unseres Lebens dafür gesorgt, dass das Festival trotz Corona viele sehenswerte Filme anbieten konnte. Das besondere Feeling eines Festivals der Filmkunst konnte sie aber nicht ersetzen. Wollen wir einmal gemeinsam hoffen, dass das Virus im nächsten Jahr mit Impfung und allgemeiner Vernunft endlich besiegt werden kann und wir uns alle wiedersehen bei den 63. Nordischen Filmtagen in Lübeck. Mit der Abwahl des Grusel-Clown Trump in den USA hat es ja auch nach unerträglicher Spannung, Spaltung, Hass und Hetze glücklicherweise geklappt.

Positiv denken ist angesagt und bis hoffentlich bald wieder im Kinosaal, im Theater, im Club oder in einer Ausstellung wünscht Holger Kistenmacher.

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Fotos: (c) Olaf Malzahn

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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