Pünktlich zu seinem 80. Geburtstag zeigt der weit über seine Heimatstadt Lübeck bekannte Fotograf Thomas Radbruch eine groß angelegte Schau über sein fotografisches Schaffen aus rund 60 Jahren. Die Vernissage seiner Ausstellung im Pop-up-Store in der Königstraße/Ecke Dr. Julius-Leber-Straße fand am Donnerstagabend an seinem Geburtstag statt. Ich habe den bescheidenen Foto-Künstler beim Aufbau seiner Schau dort besucht.
Den meisten Lübeckern dürfte Thomas Radbruch als „fotografierender Chronist mit dem besonderen Blick für das Außergewöhnliche“ seiner Geburtsstadt Lübeck bekannt sein. Seit über 30 Jahren produziert er alljährlich seinen Lübeck-Kalender und ist überall dort, wo es noch Postkarten gibt, mit seinen speziellen Lübeck-Bildern präsent. Aber Radbruch ist auch ein Weltenbummler und Weitgereister. Er selbst sieht sich aber gar nicht als „Fotograf, sondern als fotografierender Mensch“, wie er im Gespräch betont.
Aktaufnahmen seines Großvaters
Irgendwie ist das in meiner Familie verankert, betont er, denn erst hat sein Großvater mit der Fotografie begonnen rund um 1920, als das Medium noch in den Kinderschuhen steckte. Eigentlich wollte Opa Ferdinand Sänger werden, was dessen Vater aber verbot, also wurde er aus Trotz Fotograf. In seiner eigenen Ausstellung sind deshalb auch Akt-Aufnahmen vom Großvater zu sehen. Radbruch selber wollte ja eigentlich auch Musiker werden, damals in der wilden Hippie-Zeit, wie er berichtete. Dann hat er sich aber 1963 bewußt für die Fotografie entschieden, hat ein Studium an der Kunsthochschule für Fotografie in Hamburg gemacht, um dann in Frankfurt, Berlin und München zu leben.
Mit seinen Lübeck-Postkarten wurde er bekannt
Schon damals wollte er hauptsächlich frei und selbständig arbeiten. Er sei viel gereist, zum Beispiel zwischen 1970 und 1985 bestimmt 20-Mal nach Australien, wo Verwandte von ihm in der Gegend von Melbourne eine Farm betrieben. Dabei entstand auch seine Serie von Schrottautos, die in der weiten Landschaft des Outbacks liegen geblieben waren und dann von der Natur zurück erobert wurden. Daraus entstand zum Beispiel sein bekannter Bildband „Last Exit“. Ich persönlich habe einmal, eher zufällig eine Ausstellung dieser großformatigen Bilder auf Leinwand von den bunt schillernden Schrottautos bei der Istanbul Biennale am Bosporus hängen gesehen, als ich in der türkischen Metropole war. Die wunderbaren Aufnahmen hingen Open-Air an einer Wand des Festival-Museums mit Blick auf den Bosporus - großes Kino!
Das berühmte Konzert nach dem Mauerfall von Berlin
Aber auch in den USA war er viel unterwegs, um in Arizona Bilder der unendlichen Prärie zu schießen. Aufträge kamen und gingen. Großartig reich und berühmt wurde er nie. Obwohl seine Bilder teilweise von Millionen von Menschen gesehen wurden. So lebte und arbeitete Thomas Radbruch 3 Jahre vor bis 2 Jahre nach dem Mauerfall in Berlin. „Zunächst ahnte keiner etwas von dem geschichtsträchtigen Ereignis“, erzählt er im Gespräch. Noch drei Monate vor dem Mauerfall hatte er Panorama-Aufnahmen der Mauer mit ihren bunten Graffittis gemacht. Als es dann am 21. Juli 1990 zu dem berühmten Konzert „The Wall“ von Roger Waters von Pink Floyd auf dem Potsdamer Platz vor 300.000 Leuten kam, und wo Musiker-Größen wie Joni Mitchell und Van Morrison auftraten, war auch Radbruch beteiligt. Seine Bilder wurden auf eine 30 x 150 Meter lange Schaumstoff-Nachbildung der Berliner Mauer projiziert und von Hunderten von Millionen Menschen weltweit gesehen.
Aber das ist lange her und ein Ausruhen auf alten Erfolgen ist nicht sein Ding. Zwischendurch hat er überall fotografiert, ob nun in Schleswig-Holstein an den Meeren und Inseln oder in der Bretagne, wo er einmal einen Auftrag eines kleinen Fischerortes bekam. Relativ aktuell ist seine Serie „20 Ways to leave your Cellphone“, wofür er „alte Handys vergewaltigt“ und geschrottet hat, um sie dann künstlerisch zu bearbeiten und durch das Weltall schwirren zu lassen. „Natürlich sind Handys oft nützlich und praktisch, sie rauben aber auch viel Zeit und machen langfristig blöd im Kopf“, findet der Künstler.
Perfekter doppelter Regenbogen über Travemünde
Jetzt aber mit 80 Jahren hat ihn der Drang in die Ferne etwas verlassen. Neue Fotoprojekte stehen aktuell nicht mehr an. Aber er will unbedingt noch drei Buch-Projekte realisieren. Zum einen geht es um Stühle und andere Sitzgelegenheiten. Nicht im Sinne von Design oder Innenausstattung, sondern eher darüber, wie der Mensch sitzt. Einen zweiten Bildband will er mit einem Redakteur der Süddeutschen Zeitung, einer Legende aus der „Chefredaktion mit Edel-Feder“ realisieren. Dabei geht es um ein Lieblingsthema von ihm, das Auto. Und dann will er auch noch ein sehr familiäres Thema bearbeiten: 3 Generationen: Großvater, Vater und Sohn, drei Fotografen. Das könnte ein sehr schöner Ausklang seiner fotografischen Karriere werden.
Aber erstmal kommt jetzt seine große Lebensschau zur Ausführung. Natürlich kann der Besucher, die Betrachterin alles Mögliche an wunderschönen Fotos nicht nur besichtigen, sondern auch kaufen. So ist zum Beispiel sein neuer Lübeck-Kalender für 29 Euro in der Ausstellung zu erstehen. Gerade jetzt vor Weihnachten sollte man sich ja langsam Gedanken um die Weihnachtsgeschenke machen. Die Schau in der Königstraße (gegenüber der Löwen-Apotheke) ist bis Weihnachten geöffnet und Thomas Radbruch ist täglich vor Ort und erzählt gerne aus seinem illustrem Leben und von seiner Arbeit als Fotograf in aller Welt.
Fotos. (c) Holger Kistenmacher













