Filmszene aus 'Eine total normale Familie', Foto: (c) Salzgeber

62. Nordische Filmtage Lübeck
"Eine total normale Familie" - Wenn plötzlich das Gefüge wankt

Susanne BirckVon

„Wir lassen uns scheiden, weil Papa eine Frau sein will.“ Mit diesem Satz ihrer Mutter gerät das Leben der Geschwister Emma und Caroline aus den gewohnten Bahnen. Von jetzt auf gleich ist alles anders. Thomas, der Vater der beiden, lässt sich in Thailand operieren und kommt als elegant gekleidete Agnete wieder.

Aus der Perspektive der 11-jährigen Emma wird in schlichten Szenen gezeigt, wie sich die Welt des Kindes so abrupt ändert. Neue Familienzusammensetzung, Hänseleien der Freunde, gemeinsamer Urlaub mit dem Vater, der selber noch mit der Identität kämpft: Es braucht Zeit, bis Emma sich ihrem Vater nach und nach wieder annähert. Sie lernt früh, wie Zugehörigkeit, Liebe und Geborgenheit auch jenseits der „normalen“ Familie möglich sind. Aber: Was ist schon „normal“?

Es ist ein feinfühliges Familienporträt, das die Filmemacherin Malou Reymann mit diesem Film zeichnet. Sie bringt hier ihre persönlichen Erlebnisse mit ein. Sie selber war auch 11 Jahre alt, als ihr Vater sich als transsexuell outete. Reyman weiß daher aus eigener Erfahrung, dass „normal“ und „Familie“ durchaus auch einen Widerspruch in sich bergen können.

Filmszene aus 'Eine total normale Familie', Foto: (c) SalzgeberFilmszene aus 'Eine total normale Familie', Foto: (c) Salzgeber

„Eine total normale Familie“ ist ein unaufgeregter und versöhnlicher Film, der in kleinen Szenen zum Nachdenken anregt. Eine Kritik hinsichtlich der Filmankündigung sei erlaubt: Weder „Tragikomödie“ noch „Humor“ kommen in diesem Film zum Tragen. Erwähnenswert ist auf jeden Fall die beeindruckende Leistung der jungen Darstellerin Kaya Toft Loholt in der Rolle der Emma. Sehenswert aber auch Mikkel Boe Følsgaard, einer der großen Stars in Dänemark. Følsgaard erhielt bereits mit seinem Spielfilmdebüt 2012 internationale Aufmerksamkeit: Für seine Rolle als geistesgestörter König Christian VII in „Die Königin und der Leibarzt“ erhielt er den Silbernen Bären.

"Eine total normale Familie " erhält bei den 62. Nordischen Filmtagen den Preis der Kirchlichen Jury Interfilm.

Susanne Birck
Susanne Birck
Jahrgang 1969, nennt Lübeck seit 2003 ihre Wahlheimat. Die studierte Kulturwissenschaftlerin ist als Kulturjournalistin schreibend und fotografierend in der Stadt unterwegs. Schwerpunktthemen für Unser Lübeck: Filmkritiken, Interviews, Bildende Kunst.
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