Filmszene aus 'Goldregen', Foto: (c) Lilja Jonsdottir

62. Nordische Filmtage Lübeck
Spielfilme - skurril, grotesk, tragisch, komisch, derbe!

Holger KistenmacherVon

Jetzt also zu den ersten Spielfilmen per Stream aufs Sofa.

Was alles passieren kann, wenn sechs ältere Herren auf einen Angelausflug zum Lachsfischen fahren, präsentiert der isländische Wettbewerbsfilm von Örn Marino Arnarson und Thorkell Hardarson: Der letzte Angelausflug. Schon beim Start läuft einiges falsch. Während der reiche Schnösel, der den gesamten Trip der Kumpane finanziert und sich demnächst zum Minister wählen lassen will, sein neues Protzauto präsentiert, liegt ein anderer noch strunz besoffen im Bett. Ein anderer sagt ab, wird aber schnell ersetzt durch einen dicken Hühnen, der schon einmal Banker, dann Käfigkämpfer in Kasachstan und danach Schachboxer war.

Natürlich nehmen sich alle vor, diesmal ohne Alkohol und ganz gesittet Fische fangen zu gehen. Wie erwartet wird daraus natürlich nichts. Bereits im Auto wird gesoffen, selbst wenn das Geld zu Hause vergessen wurde und der Braten für die abendliche Verköstigung demnach im Supermarkt geklaut werden muss. So reihen sich Slapstick an Unsinn und typischer skandinavischer Humor an groteske Wendungen. Natürlich wird auch der eine oder andere Lachs per kunstvoll gebastelter Fliege an Land gezogen, meist aber eher zufällig. Denn im Kästchen für die Angelhaken findet sich auch schon mal ein alter Joint bester Qualität, der dafür sorgt, dass zwei Angler total stoned darniederliegen, während zwei andere Kumpels so besoffen sind, dass sie im Fluss landen.

Filmszene aus 'Der letzte Angelausflug', Foto: (c) Nyjar Hendur ehfFilmszene aus 'Der letzte Angelausflug', Foto: (c) Nyjar Hendur ehf

Also wird nackt gebadet, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, denn die abendliche Besäufnis-Party muss ja auch noch durchstanden werden. Die läuft aber dermaßen aus dem Ruder und endet in erotischen Eskapaden, die auch der Hangover am nächsten Morgen nicht überdecken kann. Der reiche Schnösel hat Knutschflecken am ganzen Körper und Kratzspuren auf dem Rücken, während zwei dicke Männer nackt und eng umschlungen scheinbar ihre homosexuelle Seite kennen gelernt haben. Zwischendurch wird auch noch eine Leiche im Whirlpool zwischengelagert und die Geliebte der letzten Nacht taucht auf.

Natürlich hat der angehende Politiker sich mit dem falschen Namen bei ihr eingeschleimt und von seiner schwangeren Frau nichts erwähnt. Dafür gibt es dann von der resoluten Dame einen ordentlichen Tritt in die Kronjuwelen. Man sieht den Schauspielern förmlich an, wieviel Spaß sie beim Drehen dieses derben Films voller Unsinn und Sauferei hatten. Alles natürlich wieder in schönster isländischer Landschaft und mit einem Humor, den man von Filmen aus Island kennt und liebt.

Filmszene aus 'Der letzte Angelausflug', Foto: (c) Nyjar Hendur ehfFilmszene aus 'Der letzte Angelausflug', Foto: (c) Nyjar Hendur ehf

Auch der zweite Wettbewerbsfilm aus Island hat diese typische nordische Note, kommt aber tragischer und grotesker daher. In Goldregen von Ragnar Bragason geht es um eine Isländerin namens Indiana, die besonders stolz ist auf ihren grünen Daumen. Ein herrlicher Goldregenbaum steht in ihrem akuraten Vorgarten in der tristen Hochhaussiedlung und wird umhegt und gepflegt. Dann taucht allerdings ein Mann vom Amt auf und erklärt ihr, dass sie drei Wochen Zeit hat, das Bäumchen zu entfernen, weil es nicht aus der isländischen Natur stammt.

Da ist er aber bei der streitbaren Dame an der falschen Adresse. Sie kennt sich nämlich aus mit Ämtern. So erschleicht sie sich schon seit Jahren Gelder von der Wohlfahrtsbehörde, weil sie krank sei und einen behinderten Sohn versorgen müsse. Weder ist der Sohn geistig oder körperlich behindert, sondern rettet als Notfall-Held sogar gestrandete Touristen vom Gletscher, noch muss sie im Rollstuhl sitzen. Dafür lässt sie kaum ein Klischee aus. Sie hyperventiliert, vergiesst Tränen des Kummers um den angeblich kranken Sohn oder schimpft auf Ausländer als Nachbarn oder Schmarotzer des Sozialsystems.

Filmszene aus 'Goldregen', Foto: (c) Lilja JonsdottirFilmszene aus 'Goldregen', Foto: (c) Lilja Jonsdottir

Natürlich geht auch in diesem Film reichlich viel Geschirr (Gartenzwerge) kaputt, erst Recht, als der Sohn eine Freundin aus Polen kennenlernt und die auch noch schwanger wird. Die ganze Geschichte eskaliert am Weihnachtsfest, wo beinhart an alten Traditionen festgehalten wird, auch wenn sich die ganzen Lügen des Lebens schon längst erledigt haben. Die Schauspielerin Sigrun Edda Björnsdottir brilliert in ihrer Paraderolle als Mutter-Drachen-Sozialschmarotzerin, während der Sohn (Hallgrimur Olafsson) sich versucht, mit 39 Jahren endlich abzunabeln. Dass diese Familien-Farce schlussendlich in einer Katastrophe enden muss, kann ich noch erzählen, aber mehr wird nicht verraten über diesen bitterbösen und trotzdem amüsanten Film.

In eine ähnliche Kategorie Film gehört der dritte Film, in dem der bekannte Schauspieler Bjarne Mädel (Tatortreiniger, Mord mit Aussicht) nicht nur Hauptdarsteller ist, sondern erstmals auch Regie geführt hat: Sörensen hat Angst. Mädel spielt den Kommissar Sörensen, der an einer Angststörung leidet und sich deshalb von Hamburg auf das platte Land versetzen lässt. Dort will er endlich zur Ruhe kommen und seine psychischen Probleme besiegen. Kaum angekommen im friesischen Katenbüll, soll er sofort den Mord am Bürgermeister aufklären, der erschossen im Pferdestall sitzt.

Filmszene aus 'Soerensen hat Angst', Foto: (c) Michael IhleFilmszene aus 'Soerensen hat Angst', Foto: (c) Michael Ihle 

Aus dem beschaulicheren Alltag wird also erstmal nichts. Dazu kommt, dass es in Katenbüll unfreundlich kalt ist und die ganze Zeit ausgiebig regnet. Die triste Kleinstadtkulisse entpuppt sich als ein Hort von grummeligen Bewohnern und schmierigem Fleischfabrik-Besitzer, der scheinbar ordentlich Dreck am Stecken hat. Hilfe bekommt der Kommissar von der hilfreichen Kollegin Jennifer (Katrin Wichmann) und dem fleißigen Polizeianwärter Malte (Leo Meier). Herrlich versoffen und derangiert agiert auch Matthias Brandt als Alkoholiker, dem man erst Kinderpornobilder untergeschoben hat, um ihn dann zu entlassen.

Was aber noch viel schlimmer ist als der Dauerregen und die suspekten Einwohner von Katenbüll, ist der Sumpf aus Kindesmissbrauch und Mord, der richtig Angst macht. Sörensen stößt ziemlich an seine Grenzen, bekommt auch schon mal eine per Ast übergezogen und wird mehrfach per Pistole bedroht. Als Zuschauer dieser als Serie angelegten Krimi-Satire weiß man oft nicht so genau, ob man lachen oder sich gruseln soll. Der Roman- und Drehbuchautor Sven Stricker hat Bjarne Mädel die Rolle des ängstlichen Kommissars förmlich auf den Leib geschrieben. Ein bischen Tarantino gemixt mit viel trockenem norddeutschen Humor. Man darf gespannt sein auf die Serie, die wohl zukünftig im Fernsehen zu sehen sein wird.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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