„Wir spielen nur die 12 Töne, die wir haben. Und wir spielen sie immer wieder. Und wir haben so viel Spaß dabei!“, meinte der künstlerische Leiter Nils Landgren. Er machte sich zum Abschluss von JazzBaltica sein eigenes nachträgliches Geburtstagsgeschenk (er wurde im Februar 70) und erfüllte sich einen Traum: Mit 4 Wheel Drive, bestehend aus »vier Erste-Liga-Jazzern mit reiner Spielfreude und Lust an guter Popmusik« (ZDF), dem schwedischen Saxophonisten und Arrangeur Magnus Lindgren, der das Programm für 4WD und eine klassische Blechbläser-Sektion arrangiert hatte, sowie der kurzfristig für China Moses eingesprungenen Gastsolistin Ida Sand tauchte er (einmal mehr) Jahrzehnte zurück in seine Lieblingsmusik des Funk und Soul.
Vergangenen Sonntagabend ganz speziell in das Gefühl von Konzerten mit dem legendären Joe Sample, die in einer Aufnahme mit dem Gründungsmitglied, Pianist, Keyboarder und Komponist der legendären Funk-Jazz-Band The Crusaders und vielen Ausnahmemusiker*innen aus New Orleans mündeten: Nils Landgren & Joe Sample - Creole Love Call, bei ACT 2006 erschienen und von vielen Fans als eine der besten Produktionen von Landgren geschätzt.
Wollny, Danielsson, Haffner, Foto: (c) Nicolaus Fischer-Brüggemann
Die Lust und Spielfreude der Stars auf der Bühne waren vom ersten Stück an zu merken und sprangen trotz des schwülen und drückenden Sommernachtabends direkt auf das begeisterte Publikum über. Das durch viele gemeinsame Auftritte und Studioproduktionen erprobte und beinahe blinde Zusammenspiel von Posaunist und Sänger Nils Landgren, Pianist Michael Wollny, Bassist und Cellist Lars Danielsson sowie Schlagzeuger Wolfgang Haffner, alle – vorsichtshalber erwähnen wir es nochmals – Ausnahmekünstler wie Bandleader und jahrzehntelang auf allen Bühnen der Welt zu Hause, zeigte keinerlei Abnutzungserscheinungen, sondern im Gegenteil neue Höhenflüge.
Landgren, der immerhin schon fast das ganze Festival hinter sich hatte, bewies weder stimmlich noch an der Posaune Ermüdungserscheinungen. Er gab richtig Gas und tanzte wie ein junger Mann auf der Bühne des großen Konzertsaals im Maritim. Danielsson verpasste dem Ganzen wie stets ein solides Rückgrat und durfte ebenso wie Haffner, der sein Schlagzeug bisweilen Funken schlagen ließ, zwischendurch mit Soli brillieren. Präsent und konzentriert belegte Wollny von Neuem, wie vielseitig und virtuos er den Steinway beherrscht: Wenn er nicht gerade dem gesamten Set ein kräftiges Fundament gab, hob er in so noch nicht gehörte Soli ab (und wir haben ihn schon oft hören dürfen) und flocht unterschiedlichste Musiktraditionen zu Klangkaskaden zusammen.
4 Wheel Drive featuring Ida Sand & Magnus Lindgren, Foto: (c) Nicolaus Fischer-Brüggemann
Die kurzfristig eingeflogene Ida Sand, eine Landsfrau und musikalische Gefährtin von Landgren, verdeutlichte, dass sie keine Notlösung war. Beim genauen Zuhören waren zwar ab und an kleine Abstimmungsschwierigkeiten zu bemerken – kein Wunder, sie hatten nicht zusammen proben können -, entscheidend waren doch die große stimmliche Kraft, Freude und Energie, die die 50-Jährige auf die Bühne brachte. Der dank der Unbilden des Flugverkehrs auf Umwegen in letzter Minute nach Timmendorfer Strand gekommene Magnus Lindgren hatte für das gesamte Set ein großartiges ausgewogenes Arrangement geschrieben und eine bestens eingespielte Blechbläser-Sektion mitgebracht. Wenn der Dirigent dann selbst zwischendurch zum Saxophon oder der Querflöte griff, war das die Kirsche auf der Torte.
So ist ein Titel schöner als der andere, die Band swingt, groovt und ist im Flow, es gibt keinen Moment, der langatmig wird oder zum Abschalten einlädt. Das begeisterte Publikum erfreut sich vieler Klassiker wie „Street Life“, alle komponiert von Joe Sample, und mag sich am Ende gar nicht mehr hinsetzen - tanzt und feiert im Stehen mit und lässt die Musiker*innen erst nach einer ausgiebigen Zugabe ziehen. Es hätte noch gut eine Stunde so weitergehen können...
Brass Section der 4 Wheel Drive, Foto: (c) Nicolaus Fischer-Brüggemann
JazzBaltica ging bei heißen Temperaturen und mit einem Rekordergebnis zu Ende: Rund 21.000 Besucherinnen und Besucher waren vom 25. bis 28. Juni 2026 in Timmendorfer Strand dabei. Die Vorhersagen unserer letzten Rezension von JazzBaltica 2025 waren eingetroffen: Auch dieses Jahr sorgten insgesamt 36 Konzerte für Begeisterung. Alle MainStage-Konzerte waren ausverkauft (so schnell wie vielleicht nie zuvor). Zusätzlich zog das kostenfreie Open-Air-Programm mit 22 Konzerten tausende Passantinnen und Passanten aufs Festivalgelände und zur Bühne direkt am Strand. Die hartgesottenen Jazz-Fans zeigten, dass ihnen auch sommerliche, teils außergewöhnlich heiße Temperaturen bis 38 Grad Celsius, nichts anhaben konnten. Die Stimmung bei JazzBaltica blieb durchweg entspannt und positiv.
Nils Landgren wusste jetzt, was das Wort „hitzefrei“, das er vor Jahrzehnten im Deutschunterricht gelernt aber nicht verstanden hatte, bedeutet und erlebte vielleicht seine laueste Sommernacht im nördlichen Deutschland: »Mein persönliches Highlight war unser Mitternachtskonzert direkt am Strand – vor großem Publikum, in warmer Nacht und mit einem Gefühl wie am Mittelmeer.« Es war eine Fortsetzung eines Konzertes, dass die Musiker vor langer Zeit in den frühen Morgenstunden auf einem Steg im Teich von Gut Salzau, dem Geburtsort von JazzBaltica, aufgenommen hatten. Neben großen Gesamtkunstwerken wie dem oben beschriebenen Auftritt der All Stars sind es diese „kleinen“ Momente, die das Festival so besonders machen und schon jetzt Vorfreude auf die nächste Ausgabe keimen lassen.
Ben Prechtl Quartett mit Nils Landgren - Open Air, Foto: (c) Nicolaus Fischer-Brüggemann
P.S.: Das ZDF hat 14 Konzerte auf der MainStage im Maritim Seehotel Timmendorfer Strand im Livestream übertragen, die unter jazzbaltica.zdf.de abrufbar sind – und feierte in dieser Festivalausgabe mit der 100. Übertragung eines JazzBaltica-Konzerts ein besonderes Jubiläum. Ab September erscheinen die aufwendig gedrehten Videos auch in der JazzBaltica Mediathek und auf der JazzBaltica YouTube-Seite.

