Truls Mørk und die NDR Radiophilharmoniker, Foto: Hildegard Przybyla

Musik- und Kongresshalle Lübeck
NDR Radiophilharmonie - Ein Abend mit nobler Romantik

Robert Schumann (1810-1856) ist einer der ganz großen Romantiker, dessen Einfluss auf die Entwicklung der Musik nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Er hatte zudem für das Schreiben über die Musik eine enthusiastische Begeisterung, wie sie z. B. auch E.T.A. Hoffmann hatte, der andere Romantiker, der sich mit vielem im Kunstleben auseinandersetzte. Der ist, man sieht es im Lübecker Stadtbild, zurzeit der große „Opernheld“, vor allem im Theater an der Beckergrube. So hatte Stanislav Kochanovsky mit seinen NDR Radiophilharmonikern aus Hannover wohl unbewusst einen großen Bogen im Kulturleben geschlagen. Es war ein ungewöhnliches Abendprogramm, das in unserer nüchternen Zeit gerne eher einen Bogen um diese Epoche macht.

Robert Schumann vor allem ist der bedeutend gewordene Beweis dafür, wie weit Sprache und Musik sich verbinden können. Großes suchte er, so hatte er sich Goethes „Faust“ in einer Komposition genähert. Nur wenig später war es „Manfred“, Lord Byrons 1816 entstandenes ‚dramatisches Gedicht‘. Es wurde weit über England hinaus das wirkungsvollste romantische Werk, das Schumann schon mit 18 Jahren begeisterte. Doch erst 1848, 20 Jahre später, nahm sein Interesse am „Manfred“ Gestalt an, und das Werk bekam die eigenartige, nur in dieser Epoche denkbare Form zwischen Drama und Oratorium.

Die Ouvertüre daraus hatte den Abend in der MuK (14. Februar 2026) eröffnet. Ihre Faszination war wieder groß, dennoch ist sie nur der Beginn eines mehrteiligen Werkes, das kaum einmal ganz präsentiert wird. Aber schon hier muss der Hörer sich auf die erregend verdichtete, immer wieder weitertreibende Stimmung einlassen, die den Helden teils mythisch, teils leidenschaftlich umtreibt. Sie beginnt aufrüttelnd, ist eine Art Seelengemälde, in dem der Hörer ein charakterlich unbeständiges Schwanken erlebt, das dennoch ein in sich geschlossenes Klangbild ergibt.

Stanislav Kochanovsky und die NDR Radiophilharmoniker, Foto: Hildegard PrzybylaStanislav Kochanovsky und die NDR Radiophilharmoniker, Foto: Hildegard Przybyla

Als eine zweite Komposition Robert Schumanns folgte das rein instrumental gedachte Cello-Konzert in a-Moll. Nur zwei Jahre später war es entstanden, hat zwar einen leicht melancholischen Anklang, hat aber einen sehr edlen Grundcharakter, den der Solist durch seine Art noch unterstrich. Nichts Äußerliches schien hier Platz zu haben. Jeder Ton, jede Wendung der sehr bedacht gestalteten Partitur wurde von Truls Mørk, dem norwegischen, international angesehenen Solisten, mit gleicher Noblesse behandelt und geformt. Besonders schön wurde das Ergebnis dabei im langsamen Mittelsatz, wenn ein zweites Cello wie selbstverständlich das edle Klangvolumen des Instruments erweitert. So entwickelte jeder, der Solist wie das Orchester, seinen Part im gemeinsamen Zusammenklang wie einen selbstverständlich aus der Musik herausgeborenen Teil.

Solch ein Auftritt verlangte eine besondere Antwort. Truls Mørk gab sie mit seiner Zugabe, eine Komposition des katalanischen Cellisten Pablo oder Pau Casals (1876–1973). Grundlage dafür war das aus seiner Heimat stammende Volkslied „Cant dels Ocells“ (Gesang der Vögel), das er 1971 im Auftrag der Vereinten Nationen schuf, die danach zu einer „Hymne an den Frieden“ wurde. Auch wenn sich wohl nicht viele der Konzertbesucher der Bedeutung bewusst waren, sollte solch ein Abschluss angesichts der Miseren in aller Welt als ein Appell zum Nachdenken führen. Es lohnt sich zudem, sich mit Casals Eintritt gegen jeden Faschismus zu beschäftigen, auch einen aufkeimenden wie in Deutschland.

Im zweiten Teil des Konzerts ging es wieder um Lord Byron, diesmal aus der Sicht zweier russischer Musiker. Der eine, Milij Balakirew (1836-1910), Komponist, Pianist und Dirigent, hatte bereits ein ausführliches Programm für eine Sinfonie erarbeitet. Vorbild war ihm ein Werk von Berlioz. Seinen Entwurf bot er seinem Kollegen Peter Tschaikowsky (1840-1893) an, der sich nur sehr zögerlich an die Komposition machte, sie dennoch in wenigen Monaten bewältigte. Wer sie heute hört, kann den Kraftakt 1885 sich vorstellen, den die vier „Bilder“ auszuführen bedeuteten.

Truls Mørk und die NDR Radiophilharmoniker, Foto: Hildegard PrzybylaTruls Mørk und die NDR Radiophilharmoniker, Foto: Hildegard Przybyla

Im ersten Teil stellt er gleich zu Beginn sein wuchtiges, über eineinhalb Oktaven abstürzendes „Manfred“-Thema im unisono vor. Immer wieder tritt es in der gesamten Dauer von einer Stunde wieder auf. Die Titelfigur Manfred wird, wie Schumann es anstrebte, nicht nur in seiner Charaktervielfalt in Klang umgesetzt, es werden auch Leben bestimmende Situationen wie der Bezug zu seiner Geliebten Astarte und ihren Verlust zu erfassen versucht.

Im 2. Teil, einem „Vivace con spirito“, hört man wirbelndes Wasser, während im Trio zu klangvollem Spiel von zwei Harfen eine der mythischen Figuren, die Alpenkönigin im Regenbogen auftritt. Der dritte Satz im „Andante con moto“ verströmt einen pastoralen oder dörflichen Charakter, während der vierte mit der Tempoangabe „Allegro con fuoco“ mit einem rasanten Tanz und einem großen Fugato sich sehr dramatisch gegen eine Befreiung entschließt, geben eine Absolution, die ihm mit brausendem Orgelklang im Glauben offenbart wird, die er aber auch in der Todesstunde ablehnt.

Stanislav Kochanovsky führte seine Musiker hier durch eine fantastische Welt, die Schumann und Tschaikowsky in ihren Kompositionen eingefangen hatten. Das Publikum zeigte sich sehr beeindruckt und applaudierte lange. Die Romantik imponierte!


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