Es sind schon großartige Erlebnisse, an denen die Lübecker in ihrer Konzerthalle teilhaben können, die sie liebevoll zu „MuK“ verstümmelten. Im Abstand von nur etwas mehr als einer Woche lösten zwei sinfonische Raritäten große Begeisterung aus. Beides waren monumentale, nahezu 100 Musiker erfordernde Schöpfungen, die zudem in ihrer ungewöhnlichen Klangvielfalt mitreißend präsentiert wurden.
Die eine mit einer Spieldauer von einer knappen Stunde war eine unseres Wissens in der Hansestadt noch nie zu hörende Komposition, die andere, selten gespielte, fesselte auch jetzt wieder über eine Stunde lang. Sie ist wegen ihrer Komplexität sehr schwer zu spielen, fordert aber auch die Aufmerksamkeit jeden Zuhörers. Beide sind fünfsätzig, sind fast gleichzeitig entstanden und nutzen die gestalterischen Erfahrungen der Klassik und Romantik. Die Elbphilharmoniker hatten die 1902 uraufgeführte erste Sinfonie in d-Moll von Ernst von Dohnányi (1877-1960) gewählt, die Lübecker Philharmoniker Gustav Mahlers fünfte in cis-Moll. Sie wurde 1904, also nur zwei Jahre später uraufgeführt.
Den Auftakt bildete jedoch bei dem vierten Saisonkonzert der Lübecker (14. und 15. Dezember) eine weitere Rarität. Es war ein Konzert für Glasharmonika und Orchester, das Jörg Widmann (*1973) komponiert hatte. Dieses Instrument ist zwar bereits seit der Klassik bekannt, ist allerdings sehr selten zu hören, weder solistisch noch in Kompositionen genutzt. Ein Gegenbeispiel ist die Oper „Lucia di Lammermoor“, bei der Gaetano Donizetti 1835 den ungewöhnlichen Klang des Instruments nutzte, die Wahnsinns-Arie im dritten Akt zu begleiten. Selten wird Donizetti der Klangwunsch erfüllt, doch im Mai dieses Jahres, als das exotische Instrument wirkungsvoll in Lübecks stark beachteter Inszenierung eingesetzt war, konnten die Besucher erleben, wie stark das Instrument die Szenenaussage stützt, wie stark der ätherische Ton, der mit feuchten Fingern den rotierenden Glasglocken entlockt wird, den Eindruck des irrealen Zustands der Opernfigur stärkt.
Den Anlass dazu, dass sich der auch in Lübeck gut bekannte zeitgenössische Klarinettist und Komponist Jörg Widmann (*1973) mit der Klangfarbe der Glasharmonika auseinandersetzte, hatte Christa Schönfeldinger, die Solistin in diesem Konzert, gegeben. Sie hatte 2006 das Interesse für den besonderen Klang bei Widmann durch Mozarts „Adagio“ KV 617a geweckt, das er in seinem letzten Lebensjahr komponiert hatte. Den schwebenden, gleichsam geheimnisvollen und sich physisch gegenüber anderen doch durchsetzenden Klang verband Widmann nun in seiner Komposition „Armonica“ mit dem Klang anderer Instrumente, vor allem mit denen, die in einem modernen Orchester gespielt werden. Ein paar seltener auftretende wie Klavier, Harfe und Celesta, auch Glockenspiel und Crotales, die antiken Zimbeln, sind dabei, vor allem jedoch das Akkordeon. Schon allein sein Luftziehen wie auch das eigenartige Kolorit, das durchschlagende Zungen mithilfe eines Blasebalgs erzeugen, haben kein Äquivalent im Tonbereich des „normalen“ Orchesters. Beides erweiterte die vielseitigen, immer neu zusammengesetzten Färbungen, die sich durch neue Mixturen oder dynamische Varianten ergaben.
Christa Schönfeldinger, Foto: Glasharmonika DuoStefan Vladar, Lübecks GMD, dirigierte an diesem Abend und erreichte mit seinen Instrumentalisten eine vom Publikum aufmerksam verfolgte Wiedergabe. Statt einer Zugabe hatte Christa Schönfeldinger bereits vorweg Mozarts „Adagio“ solistisch gespielt, an das sich Widmanns 15-minütiges Konzertstück direkt anschloss – ein zweckmäßiges Verfahren, dem Publikum die Klangwelt des wohl vielen Besuchern unbekannten Instruments vor Ohren zu führen.
2019 bereits hatte Vladar die zweite Sinfonie Mahlers und 2023 die erste in einem Programm vorgestellt, beides Werke, die zusammen mit der dritten und vierten Sinfonie wesentlich leichter von einem breiten Publikum zu erfassen sind. Mit dieser neuen Kompositionsweise, die sich in der Fünften nicht mehr hauptsächlich an einfacheren melodischen Themen orientiert, wird das Publikum, aber auch das Orchester spieltechnisch wie in den Satzstrukturen stark gefordert. Die ganze Entwicklung erstreckt sich von dem strengen und wuchtigen Trauermarsch über einen „stürmisch bewegten“ hin zu dem langen Mittelteil, einem kunstvoll gearbeiteten Scherzosatz mit zeitweise lockeren Tanzthemen, zu den in der dritten Abteilung zusammengefassten zwei Schlussätzen. Der vorletzte ist ein durch klangliche Konzentration auf Harfe und die Streichergruppe sehr romantisch klingendes „Adagietto“, während der letzte, ein „Rondo-Finale“ mit großer Klangkraft und in starken fugierten Entwicklungen das bezwingende Ende erreicht.
Die ganze Sinfonie reißt den Zuhörer durch eine Klangwelt, die durch die Trauerstimmung des ersten Satzes bestimmt ist. Biografisch lässt er sich mit Mahlers Todeserfahrung nach einer ernsten Erkrankung verbinden, wie auch die romantische Szenerie des vierten Satzes eine Art Liebesgruß an eine geliebte Frau ist, an Alma, die später seine Frau wurde. In den anderen Sätzen kann man die stufenweise Rückkehr in ein erfülltes Leben erkennen. Mahlers Musik zeigt sich einmal wieder spürbar eng mit seiner Biografie verbunden, wirkte wohl deshalb auf ein Publikum so direkt.
Stefan Vladar fand für die großen Entwicklungen den Weg, sie ruhig und bestimmend, vor allem schlüssig zu entfalten. Seine Musiker ließen sich führen und fesselten selbst in kleinsten Momenten. Zusammen begeisterten sie das Publikum, das mit Standing Ovations dankte.

