Konzert am Neujahrstag in der Lübecker MuK, Foto: (c) Antonia Voß

Musik- und Kongresshalle Lübeck
Neujahrskonzert der Lübecker Philharmoniker - Ein musikalischer Wettstreit unter Brüdern

Die Neujahrskonzerte der Lübecker Philharmoniker haben eine jahrzehntelange Tradition, sind wohl zugleich die bestbesuchten Veranstaltungen, die das Orchester bietet, sind auch deshalb in mancherlei Hinsicht unverzichtbar.

So hat der jährliche Wechsel im Programm, der von Beethovens Neunter Sinfonie zur kunstvollen Wien-Seligkeit im (über)wiegenden ¾-Takt dem Jahreswechsel eine feste Struktur gegeben. Selten nur wurde die gebrochen. Gewichtige Gründe wären nötig. Das könnte etwa ein Wechsel in der Orchesterleitung sein. Seit Stefan Vladar aber 2019 erst Generalmusikdirektor, dann im Folgejahr Operndirektor wurde, lag nichts mehr an. Es muss also ein anderer Grund für die Kette von Programmen mit Walzer und Polka, Galopp und Marsch bestehen, dem beliebten Neujahrsgemisch. Nach der Corona-Pause war 2023 nur einmal die Neunte zu hören, dann folgten drei Jahre mit bunt-farbigen Programmen, wobei das schöne Blau der Donau unersetzbar war.

Und was ist aus dem Werk mit der Europa-Hymne geworden? Hat etwa Schillers „Ode an die Freude“ ausgedient, weil der emphatisch bejubelte Optimismus, dass „alle Menschen … Brüder“ werden, seit Putins oder Trumps Inthronisation noch weniger einleuchtend und singbar ist? Da sind die Werke der Gebrüder Strauß weit unverfänglicher, mit denen das Jahr 2026 begann. Deren Vornamen sind, chronologisch geordnet, Johann, Josef und Eduard. Sehr unterschiedlich allerdings fiel die Zahl der sie präsentierenden Werke aus, was etwas von der Wertschätzung jedes Einzelnen verraten könnte. Von Johann, dem Erstgeborenen, waren immerhin sechs Werke zu hören: der aufwändig und differenziert komponierte Walzer „Wein, Weib und Gesang“ und die atemraubende Polka „Leichtes Blut“ zu Beginn, der nur wenig fremd klingende „Ägyptische“ Marsch etwas später und der lebhafte „Schatzwalzer“ zum Schluss im ersten Teil. Eduard, der zehn Jahre Jüngere aus der elitären Komponistenfamilie, wurde dagegen eher stiefbrüderlich behandelt. Er hatte es nur mit seiner rasanten Polka „Ohne Bremse“ ins Programm geschafft. Wie zur Entschädigung hatte das Orchester ihm viel Glanz gegeben.

Man sieht: aus dem ansehnlichen wie abwechslungsreichen Œuvre der Brüder lassen und ließen sich unzählige Konzertprogramme zusammenstellen, auch wenn es nahezu immer ums Walzen ging, auch darum, im Polka-Schritt den Ballsaal zu umrunden oder auf flinken Sohlen zu galoppieren oder im Takt zu marschieren. Jeder der im Saal Lauschenden oder auf vom Podium Agierenden wird einen eigenen „Schatzwalzer“ haben. Vielleicht ist es ja gerade Johanns so benanntes op. 418, das sie oder er besonders toll fand, hat es doch motivisch mit dem rassigen „Zigeunerbaron“ zu tun.

Der Favorit des Stab-Schwingers ist, wie er selbst verriet, „An der schönen blauen Donau“ (kurz „Donauwalzer“). Dieser konterfeit in ohrschmeichelnden melodischen Linien Wien, seinen Geburtsort, auch wenn man das Werk nicht im Programm fand. Aber es gab ja die Zugaben, die sorgfältig vorbereitete Verlängerungen der Events, besonders effektvoll darunter die tonmalerische Anspielung auf das blaue Wasser. Er hatte seine Begeisterung „seinen“ Musikanten vermitteln können! Aber er liebte auch wie Johann „Ägyptisch“ zu marschieren oder im Polkaschritt „Unter Donner und Blitz“ zu entfliehen. Das geschah, nachdem bekannt wurde, dass auch eine „Libelle“ im Polka- Schritt zu schwirren vermag, entdeckt von Josef, dem zweitältesten. Auch das versetzte viele Anwesende in Begeisterung.

Nur kleine Klangakzente können das Programm eines Neujahrkonzertes von seinen Vorgängern unterscheiden. Die herzustellen bemühten sich die Lübecker Philharmoniker zu jedem Jahresbeginn. In diesem Jahr war es Aram Chatschaturjan, dessen „Maskerade Walzer“ inmitten des ersten Programmteils erklang. Er verdunkelte nur wenig die übersprudelnde Neujahrsstimmung, während im zweiten Teil Igor Strawinskys raffinierte Verwandlung eines Marsches von Franz Schubert überraschte. Es ist eine frappierende musikalische Groteske, die unter dem Titel „Circus Polka: Für einen jungen Elefanten“ jedes Ohr gewinnt.

Im zweiten Teil waren noch zwei weitere Eingebungen des Walzerkönigs zu hören, zu Beginn die Ouvertüre zur „Fledermaus“, just 2022 in Lübeck inszeniert, und zum Abschluss des offiziellen Teiles die beliebte und krachende Polka „Unter Donner und Blitz“ (s. o.). Johann ist nun einmal der Star unter den Brüdern, denn auch vom dritten, dem nur zwei Jahre jüngeren Josef, wurden erst nach der Pause, da aber immerhin drei Werke zu Gehör gebracht. Seinem mystisch daherkommenden Walzer „Dynamiden. Geheime Anziehungskräfte.“, aber für einen Medizinerball geschaffen, folgte recht gegensätzlich die derb komisch präsentierte Polka „Plappermäulchen“. Eine der Violinistinnen leistete sich ein paar Frotzeleien, wurde derenthalben von ihrem Orchesterchef mit einer gelben Karte verwarnt. Quelle dieser Art der Zurechtweisung ist der VfB, wie der Orchesterchor einwarf.

Die Abschlusszeremonie mit den „Zugaben“ muss sein. Sie wird erwartet wie das sprudelnde Glas Sekt in der Rotunde. Dabei war die „Tritsch-Tratsch-Polka“ Vorreiter. Sie reißt in ihrer kecken Art immer wieder hin, wenn nicht im Programm, dann eben beim Nachspiel. In diesem Jahr war zudem der Tratsch zu kurz gekommen, da das ermüdende Anstehen beim Abgeben und Abholen der Garderobe sich unangenehm längte. Erinnert sei daran, dass der Name der Polka auf eine Posse von Johann Nestroy zurückweist, den Meister des Alt-Wiener Volkstheaters. Etwas von dessen Unterhaltungskunst brachte Vladar mit ins Konzerthaus an der Trave. Vergessen sei jedoch, dass gerade diese Polka zu den Werken gehört, die mit St. Petersburg zusammenhängen. Dort hatte Johann drei Sommer lang die zaristischen Konzerte geleitet. Dass man dort so ausgelassen und fröhlich sein konnte, möchte man sich gern für das Heute vorstellen.

Nach dem „Donauwalzer“ beschloss, sehnsüchtig vom Publikum erwartet, der Feldmarschall Josef Wenzel Graf Radetzky von Radetz pflichtgemäß mit seinem Marsch den Abend, komponiert von dem Senior. Dass er ebenfalls den Namen Johann trägt, verpflichtet dazu, mit „Senior“ oder „Vater“ seine Stellung in der Dynastie zu verdeutlichen. Raffiniert erhält so zugleich der Erzeuger das letzte Wort. Dem Publikum diente er, weil das Klatschen in anderer Bedeutung schon beim „Tritsch-Tratsch“ thematisiert wurde, jetzt zur Lockerungsübung vor dem nicht enden wollenden Schlussapplaus sich anbot. Dieses Ritual bestätigt zugleich, dass der Dirigent nicht nur seine Musiker, auch das Publikum voll im Griff hatte.


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