Foto: Josep Caballé Domenech (Archivbild)

Musik- und Kongresshalle Lübeck
5. Saisonkonzert der Lübecker Philharmoniker: Terpsichore gewidmet

Terpsichore, die altgriechische Muse der Tanzkunst, verwöhnt das kunstinteressierte Lübeck selten, seitdem die Sparte „Ballett“ zugunsten der Restaurierung des Dülfer-Baus in den 90iger Jahren gestrichen wurde. Unterstützende Hilfe leisteten diesmal die Lübecker Philharmoniker mit ihrem 5. Saisonkonzert (8. und 9. Februar 2026), in dem alle drei Beiträge der Zeus-Tochter huldigten.

Ihr Instrument und Erkennungszeichen ist die Lyra, das Vorbild für die Harfe. Sie war an diesem Abend gleich in zwei der drei Beiträge doppelt besetzt, während im dritten ein Klavier ihre Aufgaben übernahm. Ein Zufall ist das nicht, denn sowohl das geheimnisvolle wie rauschende Spiel der Harfe, wie auch sie vertretend das des Klaviers, passt wunderbar zu dem Ausdruck des Körpers, wenn er seine Gefühle in Bewegung wandelt. Zu erleben war das in dieser ausgeklügelten Programmfolge, die gleichzeitig Unterschiedliches wie Gemeinsames miteinander verband.

Den Auftakt machte Carl Maria von Weber (1786-1826), gleich in doppeltem Sinne in einem Jubiläumsjahr, mit seiner „Aufforderung zum Tanz“. Es ist ein vielgliedriger Walzer, der eine hübsche kleine Geschichte erzählt. Eine Dame lässt sich zunächst nur widerstrebend zum Tanz auffordern. Rahmend wird rezitativisch beschrieben, wie das Paar sich trifft, sich dann immer mehr im Tanz berauscht und nach einem ekstatischen Höhepunkt wieder trennt. Weber hatte diese Szene in einem Klavierstück festgehalten, wobei der Flügel durchaus als eine weiterentwickelte Harfe gelten darf. Dem Komponisten selbst war der Tanz als Geselligkeit wegen eines angeborenen Hüftleidens versagt, umso ausdrucksvoller wirkt seine Komposition. Sie endet mit dem gleichen, dort eher elegisch klingenden Solo, wenn die Partner sich trennen.

Foto: Josep Caballé Domenech (Archivbild)Foto: Josep Caballé Domenech (Archivbild)

Es ist für einen Dirigenten immer ein prekärer Moment, wenn er mit dem rauschenden Tanzfinale das Publikum hinreißt und diese Stimmung nach einer sehr kurzen Pause in ihr Gegenteil wandeln muss. Das ist ein besonderer Effekt, den Hector Berlioz‘ (1803-1869) meisterhafte Instrumentierung verstärkt. Der Dirigent muss aber zuvor diesen durch Begeisterung hervorgerufenen Beifall unterbinden, um die Einheit zu bewahren. Solo-Cellist Hans-Christian Schwarz half schon mit noblem Celloklang und feiner Charakterisierung in die Walzerseligkeit einzuführen, ebenso glaubhaft bereitete er das Ende vor. 1819 hatte Weber sein Klavierstück komponiert, das 22 Jahre später zur Balletteinlage bei der Erstaufführung des „Freischütz“ in Paris genutzt wurde. Eine Oper ohne Einsatz eines Balletts wäre für das Publikum dort und zu der Zeit inakzeptabel gewesen. Inzwischen ist Berlioz häufig als Klangzauberer in Konzerten zu erleben, bei denen die Solocellisten des jeweiligen Orchesters ihren großen Auftritt bekommen.

Der katalanische Dirigent Josep Caballé i Domenech, 1973 in Cádiz geboren, leitete das Konzert als Gast. Er ließ sofort spüren, dass diesem Abend etwas Ungewöhnliches anhaftete. Er charakterisierte die verschiedenen Walzerpartien sehr akkurat, wobei er, einem Tänzer gleich, mit seinem ganzen Körper die Gefühle in erstaunlicher Lebendigkeit nachbildete. Das Publikum war spürbar gebannt, und selbst den routinierten Musikern stand die Freude an ihrem Tun im Gesicht. Noch dezidierter wurde das bei der zweiten Komposition, einer Ballettkomposition von Manuel de Falla (1876-1946). (Auch bei ihm lässt sich gleich auf zwei runde Lebensdaten verweisen.) „El Amor brujo“ („Der Liebeszauber“) entstand in den Jahren 1914 bis 1916 und verrät mit den ersten Klängen die Herkunft aus dem südlichen Spanien, aus Andalusien.

Wer einmal dort einen Abend mit der rasanten Flamencomusik erlebt hat, wird sich an die Faszination, die diese Musik ausübt, erinnern, zumal der Dirigent das Orchester all die mitreißenden Veränderungen in Lautstärke und Tempo, die dem Flamencostil eigen sind, sehr feinnervig nachgestalten ließ. So entstand eine Klangwelt, die die Herkunft des Sujets aus einer mythischen Sagenwelt verriet. Den Gesangspart hatte die in Litauen geborene Ieva Prudnikovaite übernommen, die mancher Besucher bereits im Großen Haus als „Carmen“ begeistert haben mochte. Sie besitzt einen dunkel gefärbten Mezzosopran, wie man ihn sich nicht passender für diese andalusische Sagenwelt vorstellen konnte und die damit die andere Seite der Terpsichore erfüllte, die sie Muse der Chorlyrik werden ließ.

Foto: Ieva Prudnikovaite, (c) V. AbromaityteFoto: Ieva Prudnikovaite, (c) V. Abromaityte

Nach der Pause folgte Sergei Prokofjews (1891-1953) im Jahre 1935 entstandene Ballettmusik „Romeo und Julia“. Natürlich hatte man auch hier nur einen Teil der Szenen zu einer Suite zusammengestellt. Vom Komponisten gibt es bereits drei, die ab und zu in Konzerten für sich zu hören sind. Sie gehorchen gewissen Auswahlkriterien, denen zu folgen nicht immer einfach ist. Das, was in diesen 16 Teilen vorgestellt wurde, bemühte sich dagegen, jeweils durch zeitweilige Handlungsblöcke einen Gesamtablauf zu bieten. Der Eindruck beim Hörer ist der, dass durch die Vielzahl der Ausschnitte die Dramatik von Shakespeares Drama weit besser eingefangen ist.

Durch seinen langen und intensiven Beifall dankte das Publikum für den imposanten Eindruck, den es durch diese Szenen aus einer der bedeutendsten Ballettmusiken bekommen hatte.


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