Das Schleswig-Holstein Musik Festival ist bekannt für ungewöhnliche Austragungsorte und gewagte Kooperationen verschiedenster Musikstile und Musiker*innen. Dementsprechend war das Festival erstmals in der riesigen Schiffshalle der Böbs Werft in Travemünde zu Gast. Normalerweise liegen dort Hunderte Boote in ihrem Winterlager.
Der Leiter des Festivals, Christian Kuhnt begrüßte dementsprechend euphorisch die gut 1.500 Besucher in der ausverkauften „Travemünde-Philharmonie“. Er sei von der Familie Bös angefragt worden, ob das Festival nicht im Sommer, wenn die Halle leer sei, diese als Veranstaltungsort nutzen wolle, erklärte Kuhnt in der Begrüßung und testete gleich das Klang- und Beifalls-Niveau des neuen Konzert-Saales. Ein riesiger Beifalls-Sturm tobte durch die gigantische Halle.
Dies wiederholte sich, als das junge Havana Lyceum Orchestra mit ihrem Dirigenten Josè Antonio Mèndez Padròn und die Solo-Künstlerin des Abends, Sarah Willis die Bühne eroberten. Versprochen war ein ganz besonders Programm unter dem Namen „Mozart y Mambo“. Und viele hatten sich im Vorfeld wohl gefragt: „Was hat denn Mozart mit der berühmten Insel in der Karibik zu tun?“
Sarah Willis (Horn)
Laut Aussage von Gast-Star Sarah Willis (Horn) sogar sehr viel, denn es gibt sogar eine Büste des berühmten Musik-Genies aus Salzburg in Havanna, wie sie bei ihrem Besuch 2017 feststellen konnte. Eigentlich war sie ja nur zum Salsa-Tanzen nach Kuba gereist, wo sie auf den Dirigenten, den sie wegen seines langen und komplizierten Namens nur lässig „Pepe“ nenne, traf, erzählt die charismatische Musikerin, die seit Jahren erste Blechbläserin bei den Berliner Philharmonikern ist.
Statt in ein kubanisches Konzert hatte sie Pepe gleich in ein Mozart-Konzert in Havanna eingeladen. „Mozart wäre ein guter Kubaner gewesen“, erläuterte sie daraufhin. So kam die Zusammenarbeit mit dem jungen klassischen Orchester von Havanna zu Stande, welches sie mittlerweile zu Auftritten in aller Welt geführt habe. Eine wunderbare Vereinigung von klassischer Orchestermusik mit kubanisch-brasilianischen Rhythmen und karibischer Lebensfreude.
Und so genau ging das Konzert los: Als Ouvertüre stand eine beschwingte Version Richard Egues „El Bodeguero“ auf dem Programm. Sich leicht hin und her bewegend spielte das gesamte Lyceum Orchestra eine schwungvolle Version in der Fassung von Jorge Aragòn. Weiter ging es mit Wolfgang Amadeus Mozart und seiner Serenade in D-Dur KV 239. Dabei überzeugte das gesamte Orchester mit klassischem Können unter der einfühlsamen Arbeit des Dirigenten, Josè Antonio Mendèz Padròn, der seine eigene Ausbildung als Dirigent am Mozarteum in Salzburg, wie auch in den USA erlebte. Darüber hinaus leitet er bereits seit 15 Jahren das Mozart-Havanna-Festival, das jährlich in der kubanischen Hauptstadt stattfindet.
2 junge Solisten des Orchesters
Gefolgt wurde das Programm wieder unter Beteiligung der humorvollen Hornistin Willis von dem Hornkonzert Nr. 3 Es-Dur KV 447. Eines der wenigen Stücke, die Mozart direkt für das selten gespielte Blech-Instrument komponiert hatte. Dabei bewies die in den USA geborene Britin ihr außergewöhnliches Können am Horn, ein Instrument, das eher von Männern gespielt wird.
Aber die humorvolle Musikerin holte mit ihrer enthusiastischen Art für kubanische Rhythmen und mit ihren amüsanten Zwischen-Texten das Publikum direkt ab und sorgte neben der musikalischen Klasse auch für gute Unterhaltung. Zwischendurch ließ Willis ihr Horn beim „Rondo alla Mambo“ nach Mozarts Hornkonzert richtig swingen und mit tänzerischen Einlagen abschweifen, so dass der Dirigent „Pepe“ mit Verweis auf die Noten von Mozart sie wieder einfangen musste. Dann legten Willis und der Dirigent sogar ein kleines Samba-Tänzchen unter dem Jubel des Publikums auf die Bühne.
Haben sichtlich Spaß an der Rebellion
Nach einer Pause direkt am Fischerei-Hafen wird der zweite Teil des Konzertes tatsächlich etwas weniger klassisch, dafür treten rhythmische Klänge und zum Tanz einladende Stücke aus der Karibik zwischen Mambo, Son und Salsa mehr in den Vordergrund. Genau dafür war wohl auch die Mehrzahl des Publikums nach Travemünde gepilgert. Willis erklärte dann auch: "Wir machen jetzt Musik, wie sie Mozart beim Zigarre-Rauchen und Mojito-Trinken geliebt hätte." Zwar gab sich Dirigent „Pepe“ die Mühe, seine jungen Musiker bei der Stange zu halten, während der 1. Satz aus dem Brandenburgischen Konzert von Johann Sebastian Bach intoniert wurde, allerdings kündigte sich eine kleine musikalische Rebellion an der linken Bühnenseite an.
Dort hatte sich die Percussions-Abteilung rund um Sarah Willis versammelt, um immer wieder mit Samba-Rhythmen dazwischen zu funken. Dann wurde auch noch der Trompeter vorbei am Dirigenten in das „Rebellen-Lager“ gelockt, um das Tanzbein in Wallung zu bringen. Mittlerweile swingte das gesamte Orchester im Rhythmus, wo jeder mit musste. Witzigerweise hatten sich dazu auch noch einige Möwen im Hafen versammelt, die ihre klagenden Schreie unter die Musik mischten. Wie passend zu der wunderbaren neuen Location am Hafen von Travemünde!
Solistin und Dirigent tanzen Samba
Weiter ging es nun im musikalischen Konzept, wo die kubanisch-brasilianischen Rhythmen immer mehr die Oberhand gegenüber den klassischen Elementen erhielten. Ernesto Oliva steuerte seine „Dos Danzas“ zum Programm bei, die beschwingt und locker mit einzelnen Soli der jungen Musiker*innen kombiniert wurden. Willis erzählte dabei die Geschichte, dass Händler ihre Ware in Alt-Havanna singend und schreiend anpreisen, sodass die Menschen in den Häusern aus den oberen Stockwerken ein Körbchen mit Geld herunter lassen, um dann die gekaufte Ware nach oben zu ziehen. So werden zum Beispiel Erdnüsse üblicherweise in Havanna verkauft, erklärte sie zum offiziell letzten Stück des Abends, „El Manisero“ von Moises Simons, wo schon längst keiner im Publikum mehr auf den eher unbequemen Stühlen saß.
Überall wurden die Hüften bewegt oder zumindest leichte Salsa-Schritte angedeutet. Mit stehenden Ovationen und lautem Jubel wurde das Orchester dann doch noch für eine weitere tanzbare Nummer zurück auf die Bühne gelockt.
Hornistin Sarah willis und Dirigent 'Pepe' Josè Antonio Mèndez Padròn
So ging ein gelungenes Experiment mit einer wunderbaren neuen Location - wobei die hintersten Ränge ziemlich weit entfernt von der Bühne liegen, die Akustik laut Aussage einzelner Besucher aber in Ordnung war - zu Ende. Gleichzeitig erwies sich die Kombination aus original Mozart-Musik mit kubanischen Tänzen, wie Mambo, Bolero und Son als sehr bereichernd und gut tanzbar. Ein dankbares Publikum strömte nach dem Konzert zufrieden hinaus in die abendliche frische Luft an der Ostsee und begab sich auf die Heimreise.
Fotos: Holger Kistenmacher















