Seit letzter Woche laufen in Lübeck die diesjährigen Thomas Mann-Tage mit Gesprächsrunden, Symposien und Fachtagungen. Als Höhepunkt der Woche wurde am Freitagabend der Thomas Mann-Preis 2026 an den israelischen Schriftsteller David Grossmann im Lübecker Theater feierlich übergeben. Und das absolut zu Recht.
Wie bereits sein Vorgänger in Lübeck 2024, (alternierend mit München wird der Preis alle zwei Jahre in Lübeck vergeben), Navid Kermani, gilt der Autor als Mahner, Versöhner und literarischer Hoffnungsträger in Zeiten von Gewalt, Krisen und Kriegen. Wie bereits Bürgermeister Jan Lindenau in seiner Begrüßung betonte, wird ein großartiger Meister der Sprache geehrt, der sich stets gegen Spaltung und mit Hilfe seiner Sprache für den Frieden eingesetzt hat. In Anlehnung an die erste Reise von Thomas Mann aus dem amerikanischen Exil zurück in die Heimat nach Deutschland: Er nahm dort zwei Preise (Frankfurt und Weimar - Westen und Osten) entgegen, erinnerte er an dessen „Goethe-Rede“ in der Frankfurter Paulskirche. „Ich kenne keine Zonen, ich bekenne mich zu ganz Deutschland“. Daran schließt das Werk von David Grossmann an. Frieden schaffen durch Sprache und Geschichten im Geiste Thomas Manns. Immer habe er auf die Kraft der Literatur gesetzt und nie habe er geschwiegen, betonte der Bürgermeister. „Krieg ist nichts als Drückebergerei vor den Anstrengungen des Friedens“.
Laudatorin Dr. Julia Encke (Leiterin Feuilleton Frankfurter Sonntagszeitung)
Große Worte und viel Weisheit, die in allen Bücher und vor allem auch in seinen politischen Essays zu finden sind, wie die Kultur-Redakteurin Dr. Julia Encke von der Frankfurter Sonntagszeitung in ihrer Laudatio erklärte. Sie zitierte dabei aus seinen Romanen wie „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ von 2009, in der eine Frau das Haus verlässt, weil sie die Nachricht über den Tod ihres Sohnes im Libanonkrieg fürchtet. Dabei erzählt die Protagonistin die Geschichte eines ganzen Landes, wie auch die des eigenen Sohnes von David Grossmann, denn auch sein Sohn Uri starb im Libanon. Trotzdem sind die meisten Romane des Autors nicht unbedingt autobiografisch, sondern wirken als literarische Verdichtungen der aktuellen Geschichte - oder gehen eindeutige humanistische Wege, wie der Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ von 2016, für den er 2017 den International Booker Prize/ Man Booker International Prize bekam. Ähnliches gilt für die späteren Werke, wie „Was Nina wusste“ (2020) und „Frieden ist die einzige Option“ aus dem Jahre 2024.
Natürlich hat Grossmann auch auf den grausamen Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 reagiert, in dem er ein Schlaflied aufgenommen hat. Er hat Lieder für die Geiseln geschaffen, „denn die Macht der Stimmen sind die, die wichtig sind“. Und er hat eine Trauerrede für die Überfallenen und die Getöteten gehalten. Trotzdem ist David Grossmann immer noch ein vehementer Vertreter der „Zwei-Staaten-Regelung“ und politischer Gegner von Regierungschef Benjamin Netanjahu, der sich trotz diverser Skandale, Gerichtsverfahren wegen Korruption und Bestechung und der Anklage vor dem Europäischen Gerichtshof in Den Haag wegen Genozid im Gaza-Streifen nur mit Hilfe seiner rechtsradikalen Koalitionspartner an der Macht halten kann. „Besatzung ist ein Verbrechen“ heißt es deshalb auch in seinem neuesten Roman, der 2027 unter dem Titel „Wörter, wo seid ihr“ erscheinen soll.
David Grossmann, Jan Lindenau (Lübecker Bürgermeister) und Salome Kammer (Vizepräsidentin der Bayerischen Akademie der Schönen Künste)
Nach der feierlichen Übergabe des Preises in Höhe von 25.000 Euro durch Bürgermeister Lindenau und Salome Kammer, der Vizepräsidentin der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, konnte sich David Grossmann dann noch in das Goldene Buch der Hansestadt Lübeck eintragen. Die gesamte Veranstaltung musste der 1954 geborene Schriftsteller im Sitzen verbringen. Er war beim Erklimmen der Bühne fast gestürzt, weil seine physische Gesundheit sichtlich angeschlagen war. Trotzdem ist er immer noch ein sehr wacher Geist und intellektuell voll auf der Höhe, wie er im Anschluss in einem langen Gespräch mit dem Moderator und Kulturjournalisten Jan Ehlert bewies.
Natürlich wurde er zu seiner Beziehung zu Thomas Mann befragt, den er immer als Autor der Freiheit geachtet habe. Mit einer Anekdote von zwei Häftlingen, die im Gefängnis „Der Tod in Venedig“ von Thomas Mann lesen, erklärte er die lebenserhaltende Kraft des Schreibens, wie auch die Kraft der Versöhnung. Auch den „Zauberberg“ habe er natürlich gelesen und geliebt, denn „Zuhause ist da, wo man Thomas Mann liest“. Es gebe sehr wenige Bücher, in denen er sich zuhause fühle, besonders in diesen schrecklichen Zeiten.David GrossmannDie ganze Zeit spricht der schmale, gebrechliche Autor in leiser, aber immer noch klarer, manchmal melancholischer Stimme. Er braucht auch gar nicht laut werden, muss nicht auftrumpfen, das machen schon die anderen. „Es gibt so viel Gewalt, Hässlichkeit und Gift in der heutigen Sprache und Literatur“. Bereits 2017 habe er sich gefragt, ob Israel überhaupt noch eine Demokratie sei, nach Jahren der Besatzung einer anderen Bevölkerung. Und über die heutige Gewalt der Siedler im Westjordanland sei er nur noch entsetzt. „Es gibt eine Art Lust an der Zerstörung“. Auf die Frage, ob er dann noch Hoffnung habe, antwortete er, dass seine Hoffnung auf Frieden geringer werde. „Wir verlieren uns, wir verlieren unsere Identität. Wir sind nicht mehr die, die wir mal waren. Wenn heute der Frieden käme …Es könnte sein, dass wir nicht mehr wissen, wie es ist, eine Demokratie zu sein“. Auch in Bezug auf die Wahlen, die demnächst in Israel stattfinden, ist er zwiegespalten. Vor einem eher unwahrscheinlichen Wahlsieg Netanjahus gruselt es ihn, aber falls er verliert, befürchtet Grossmann Unruhen und vielleicht sogar einen Bürgerkrieg.
David Grossmann und Salome Kammer (Vizepräsidentin der Bayerischen Akademie der Schönen Künste)
Nach diesen heftigen, aber vermutlich wahren Aussagen, war es dann doch besonders schön, dass es zwischendurch immer mal wieder eine musikalische Auflockerung gab. Zunächst hatten Nathan Bas am Klavier und der Sänger Steffen Kubach mit „Mut“ und „Frühlingstraum“ zwei Stücke aus Franz Schuberts Winterreise zu Gehör gebracht. Und am Ende spielte Bas am Klavier und sang auf Hebräisch das extra von Grossmann gewünschte Liebeslied Atur Mizrech Zahav Shahor von Arik Einstein, wobei der Autor leicht lächelnd ganz leise mitsang - schön. Der Aufruf von Jan Ehlert, unbedingt alle Bücher von David Grossmann zu lesen, dürfte nach diesem denkwürdigen Abend auf viele offene Ohren gestoßen sein.
Fotos: (c) Holger Kistenmacher

