Momentan dreht sich im Kulturleben der Hansestadt Lübeck alles um ihren berühmten Sohn: den Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann. Gerade sind die Thomas Mann-Tage gelaufen - mit dem Höhepunkt der Verleihung des Thomas Mann-Preises. Aber das war erst der Anfang...
Anfang November stehen für die Filmfreude wieder die 68. Nordischen Filmtag auf dem Programm. Anlässlich des 125jährigen Jubiläums der Veröffentlichung von Thomas Manns Debütroman, steht Buddenbrooks im Mittelpunkt einer Retrospektive aus elf Filmen aus mehreren Jahrzehnten. Sie erzählen von Familien, Erbschaften, sozialem Aufstieg und Niedergang. Begleitet wird die Retrospektive durch die Ausstellung „Family Affairs“ des Buddenbrookhauses, die am 30. Oktober 2026 im St. Annen-Museum eröffnet wird.
Hanns Zischler (Thomas Mann), Foto: (c) Agata Grzybowska
Bevor die Filmtage am 4. November beginnen, möchte ich hier aber noch eine weitere Perle der Filmkunst mit Thomas Mann-Bezug vorstellen, die seit Anfang September bereits in den deutschen Kinos läuft, wie momentan auch noch immer im Filmhaus. Es geht um den neuen Film von Pawel Pawlikowski Vaterland, der auf dem Festival in Cannes Premiere feierte und dort mit dem Filmpreis für die beste Regie ausgezeichnet wurde.
Es ist der letzte Film einer geplanten Trilogie über die Zeit nach dem 2. Weltkrieg, der mit „Ida“ von 2013 begann, über die 60er Jahre in Polen, gefolgt von „Cold War“ aus dem Jahre 2018, der die Zeit des Kalten Krieges in den 50er Jahren in mehreren europäischen Ländern zum Thema hatte. Jetzt also Vaterland, ein Roadmovie über Thomas Mann, der nach 16 Jahren im Exil 1949 in das zerstörte Deutschland zurückkehrt, um anlässlich des 200. Geburtstag des deutschen Großschriftstellers Johann Wolfgang von Goethe zwei Goethe-Preise entgegenzunehmen: Einen im westdeutschen Frankfurt, den anderen im ostdeutschen Weimar. Dabei sagte er in seiner Dankesrede in der Friedenskirche den berühmten Ausspruch: „Für mich gibt es keine zwei Zonen, ich bekenne mich zu einem Gesamtdeutschland“.
Sandra Hüller (Erika Mann), Hanns Zischler (Thomas Mann), Foto: (c) Agata Grzybowska
Pawel Pawlikowski, der heute sowohl in Paris wie in London lebt, hat aber kein Bionic über den berühmten Lübecker Sohn geschrieben, sondern den filmischen Blick bewußt verengt auf wenige Tage im Jahr 1949. Auf dieser ersten Reise zurück in die zerstörte Heimat wird Thomas Mann in gewisser Weise zum Brennglas, unter dem der Regisseur die komplizierte Situation in Deutschland beleuchtet. Zurück im Land seiner Muttersprache, in einem Land, das von den Verfehlungen des Nationalsozialismus gezeichnet ist, geteilt in Ost und West, in zwei konkurrierende Systeme: Kommunismus und Kapitalismus.
Dabei geht Pawlikowski, der mit seinem Co-Autor Hendrik Handloegen das Drehbuch geschrieben hat, mit den realen historischen Details recht freizügig um, denn bekannte biografische Daten hat er zwecks dramaturgischer Klarheit und innerer Wahrheit verändert. So reiste Thomas Mann nicht mit seiner Tochter Erika als Assistentin, sondern mit seiner Frau und einem Chauffeur. Somit war es auch nicht sie, die Thomas Mann in Frankfurt anrief, um ihm mitzuteilen, dass sich der Sohn Klaus das Leben genommen hatte. In Wahrheit hatte Thomas Mann diese Nachricht vom Selbstmord durch ein Telegramm in Stockholm erhalten.
Sandra Hüller (Erika Mann), Foto: (c) Agata Grzybowska
Am Anfang des Films, der wie gewohnt in künstlerischem Schwarz-Weiß gedreht wurde, weil dies reiner und ehrlicher sei und weil alle Bilder dieser Zeit in der kollektiven Erinnerung schwarz-weiß abgespeichert sind, steht in gewisser Weise ein Prolog, ein langes Telefonat zwischen den Geschwistern Klaus und Erika Mann. Er ist in Cannes, sie mit ihrem Vater in Frankfurt am Main.
Die Innigkeit und Nähe der beiden ist ebenso zu spüren wie die Ernüchterung von Klaus Mann, der für seinen „Mephisto“ keinen Verlag findet und der mit sich, seinem Vater, Deutschland und der Welt hadert: „Ich habe mir geschworen: nie wieder Deutschland. Es ist ein schreckliches Land mit schrecklichen Menschen, mit einer Sprache, die eigentlich geschaffen wurde zum Lügen. Und Vater ist jetzt Meister darin. Sag mal, warum hat er dieser Reise eigentlich zugestimmt? Was soll das bringen? Die haben alles kurz und klein geschlagen und jetzt soll er ihnen helfen, ihr Gewissen zu erleichtern? Er macht sich doch zum Affen!“, ereifert er sich.
August Diehl (Klaus Mann), Foto: (c) Agata Grzybowska
„Na er steht drüber, glaubt er“, erklärt Erika, die sich erhofft, dass sich Klaus ihrer Reise anschließt. „Ich überleg`s mir. Aber nur deinetwegen“, antwortet Klaus und begeht kurze Zeit später Selbstmord. Womit die grundsätzlichen Themen des Films gesetzt sind: Wie gehen die Deutschen mit ihrer Geschichte um? Was werfen die, die das Land verlassen haben, denen vor, die geblieben sind, und umgekehrt? Wie könnte ein Weg für alle in der Zukunft aussehen?
Der wunderbare August Diehl spielt den verzweifelten Klaus Mann in all seinem Fatalismus und seiner Wut. Obwohl er eigentlich nur in dieser Szene im Film wirklich präsent ist, abgesehen von Fantasie-Bildern in der Trauer von Erika, bleibt seine intensive Darstellungsweise im ganzen Film hängen. Am Ende des Telefonats ist man dann auf der Seite von Erika Mann, die in dieser fiktiven Erzählung ihren Vater in einem Jeep durch das geschundene Land chauffiert und ihm als Übersetzerin und Assistentin dient. Gespielt wird Erika von der unglaublichen Sandra Hüller, deren Aufstieg in den weltweiten Filmhimmel schier unausweichlich erscheint.
Sandra Hüller (Erika Mann), Foto: (c) Agata Grzybowska
Schon in ihren Anfängen brillierte sie in „Requiem“ und „Toni Erdmann“, aber seit 2023 hat sie einen unglaublichen Lauf. Mit Preisen überschüttet ist sie längst in Hollywood angekommen. Und es scheint eine Frage der Zeit, wann sie endlich den verdienten Oscar für ihr so wunderbares wie abwechslungsreiches Darstellungsspektrum erhält. Egal ob Komödie, Drama oder Krimi. In ihrer beherrschten Zurückhaltung lässt sie Gefühle subtil durchscheinen und Geheimnisse entstehen. Als Erika Mann wirkt sie zunächst reserviert und beherrscht im Umgang mit der Trauer um den geliebten Bruder, der kurz nach dem Telefonat Selbstmord begeht, wie auch in der Sehnsucht nach der Liebe des Vaters, all den Zumutungen und Anfeindungen zum Trotz, denen Emigranten im Nachkriegsdeutschland ausgesetzt sind.
Ihr Vater, der kongenial von Hanns Zischler gespielt wird, ist die ideale Besetzung durch seine persönliche literarische Autorität. Er gibt den Thomas Mann so glaubwürdig mit einer inneren Würde, mit Unnahbarkeit, Steifheit und Härte auf der einen Seite, aber auch mit emotionalen Momenten eines Mannes, der um seinen Sohn und sein Land trauert. Gerade auf dieser Reise wird Thomas Mann immer wieder mit Ungeheuerlichkeiten aller Art konfrontiert und bleibt äußerlich ruhig und gefestigt. Er wird als Verräter beschimpft und als integrer Fürsprecher umworben - etwa von Richard Wagners Enkeln Wolfgang und Wieland, die seine Unterstützung für ihre Pläne zur Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele erhoffen. Doch Mann weist dies sowohl ruhig wie energisch zurück.
Sandra Hüller (Erika Mann), Hanns Zischler (Thomas Mann), Foto: (c) Agata Grzybowska
Die fehlende impulsive, emotionale Tiefe beherrscht eher Erika (Sandra Hüller), wenn sie zum Beispiel ihren Vater konsterniert fragt, wie er einfach so weitermachen könne nach dem Tod des Bruders. Auch ihre rigorose Antwort auf den Anbiederungsversuch ihres Ex-Mannes, den Schauspieler Gustaf Gründgens, dem sie vor versammelten Publikum eine saftige Ohrfeige verpasst, nachdem er sich aus seiner Verantwortung herausreden will: Nicht er habe sich mit Göring angefreundet, dieser sei als Bewunderer auf ihn zugegangen. „Du bist der schlimmste Karrierist, dem ich je begegnet bin“, herrscht sie ihn an und kontert seinen Einwand, dass er als Schauspieler ohne seine Muttersprache nicht existieren könne. „Es gibt genug andere Dinge, die man tun kann, ohne seine Seele zu verkaufen“.
Der Schwarz-Weiß-Film betört durch seine Schönheit und Klarheit in seinen Bildern, die teilweise dokumentarisch aussehen. Trotzdem ist Pawel Pawlikowski ein Meister der Verdichtung, der es nicht nötig hat, wie neuerdings immer häufiger in 3-Stunden-Schinken zu sehen ist, seinen Film aufzublähen. Seine Filme sind im Schnitt nie länger als 90 Minuten, aber trotzdem in sich stimmig und auserzählt. Dabei ist Vaterland ein anrührender, nachdenklicher Film. Dieser aufwühlende Streifen ist ein wirkliches Filmjuwel, der mit Recht für den Oscar als bester internationaler Film nominiert wurde.

