Bald ist es wieder so weit. Filmfans des Nordischen Films schlendern durch die Stadt und drängeln sich an den Eingängen zu den Kinos und erwarten hoffnungsvoll spannende neue Bilder und Geschichten aus Skandinavien, dem Baltikum, sowie mit Bezug aus Norddeutschland. Diesmal geht es sogar schon am 3. November 2026 los, weil es einen zusätzlichen Tag im Infinity Dome auf dem Klingenberg gibt. Dank einer Spende der Possehl-Stiftung gibt es am Dienstag den ganzen Tag bei freiem Eintritt 360 Grad-Filme beim „Ocean Day“, die den Schutz der Ozeane unter wissenschaftlicher und künstlerischer Perspektive zeigen.
Offizieller Start der Filmtage ist dann am üblichen Mittwoch, den 4. November, wenn vor geladenen Gästen der diesjährige Eröffnungsfilm „Ulya“ des lettischen Regisseurs Viesturs Kairišs, der auch anwesend sein wird, gezeigt wird. Der Schwarz-Weiß-Film, der als lettische Einreichung für die 99. Oscar-Verleihung in Hollywood vorgesehen ist für den besten internationalen Spielfilm, erzählt die Lebensgeschichte der legendären lettischen Basketballspielerin Uljana Semjonowa, die einige Monate vor Veröffentlichung des Filmes im Januar 2026 starb. Dieser Film ist wie seine 12 anderen Konkurrenten Teil des großen Spielfilm-Wettbewerbs der Filmtage um den NDR-Preis.
Filmszene aus 'Ulya', (c) B-Rated International
Daneben gibt ist zum Beispiel den in Cannes dieses Jahr ausgezeichneten Film „Fjord“ von Christian Mungiu, eine rumänisch-norwegische Produktion, die die Goldene Palme gewann. Dieser wie auch sieben weitere Filme erleben in Lübeck ihre Deutschland-Premiere. Es geht um den aufgeladenen Konflikt zwischen einer norwegisch-rumänischen Familie und den norwegischen Behörden, die den Eltern Kindesmisshandlung vorwerfen.
Überhaupt steht die Familie sowie Veränderung und Wandel in der Gesellschaft im Mittelpunkt vieler Produktionen, wie die neue künstlerische Leiterin der Filmtage Hanna Reifgerst im Vorfeld in einem Podcast erklärte: „Die Welt verändert sich im schwindelerregenden Tempo. Kultur, Kino und Filmfestivals können uns helfen, diese Welt im Wandel zu verstehen. Sie geben uns im besten Fall sogar Impulse, um sie zum Guten zu verändern. Zugleich lebt das Festival den Wandel, war immer Bühne für neue Talente, für filmische Innovationen und sektionsübergreifende Formen“.
Filmszene aus 'Fjord', (c) Tudor Panduru/ Goodfellas/ Alamode Film
So zum Beispiel im Debütfilm, dem ersten Spielfilm von Regisseur Mads Mengel aus Dänemark: „The Guest“. In diesem Familiendrama spielt der dänische Filmstar Trine Dyrholm, bereits Ehrenpreis-Trägerin der Filmtage, die Hauptrolle. Zwei weitere Wettbewerbsfilme werden sogar erstmalig in Europa gezeigt: Das norwegische Sozialdrama „Agnes Against the World“ erzählt die Geschichte einer Drogenabhängigen, die im Wald bei Oslo lebt und darum kämpft, ihre Tochter wieder zu sehen. Und aus Finnland kommt mal wieder etwas sehr surreales, eine Dystopie aus der Zukunft, in der alle Haustiere durch Roboter ersetzt sind: „Das Eichhörnchen“. Eine skurrile Dystopie mit einem Nagetier als Therapeut. Ein klaustrophobischer Western ohne Helden kommt aus Norwegen/Schweden mit „The Prayer for the Dying“ unter der Regie von Dara Van Dusen. Er spielt in einer Siedlung von skandinavischen Einwanderern im Jahre 1870 in Wisconsin, wo ein vom Bürgerkrieg traumatisierter Sheriff seine Leute vor Chaos und Seuchen schützen möchte.
Familiäres steht auch im Mittelpunkt der Hommage, die dieses Jahr die Ehrenpreisträgerin Anne Lajla Utsi zusammengestellt hat. Die Leiterin des International Sami Film Institute, die selbst aus der Sami-Kultur stammt, steht exemplarisch für den Festivalschwerpunkt Sápmi und hat einen wichtigen Anteil daran, die Filmkultur des einzigen völkerrechtlich anerkannten indigenen Volkes in der EU und Skandinavien weltweit sichtbar zu machen. Nils Gaup, Regisseur des legendären Films „Pathfinder“ von 1987, der als bedeutender Durchbruch des Sami Kinos gilt und Teil der Hommage sein wird, wird die Laudatio halten. Zur Hommage gehört auch eine vierteilige Serie von Kurzfilmen, die das Leben der Sápmi aus einer radikalen, weiblichen Perspektive interpretieren.
Filmszene aus 'Buddenbrooks', (c) Deutsche Kinemathek
Die Retrospektive steht wie überhaupt Lübeck insgesamt dieses Jahr im Zeichen des 125jährigen Jubiläums von Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“. Kurator Jörg Schöning hat elf Klassiker zum Thema „Firmen und Familien, Geld und Generationen“ zusammengetragen. Darunter die erste Stummfilm-Verfilmung der Buddenbrooks von 1923, die mit Live-Musik-Untermalung von Studierenden der Musikhochschule Lübeck unter der Leitung von Prof. Franz Danksagmüller gezeigt wird. Dazu gibt es den legendären Ingmar-Bergmann-Film „Fanny und Alexander“ von 1982 und „Das Erbe“ von Per Fly, der der Hauptpreis der Nordischen Filmtage 2005 gewann. Eine werkgetreue Verfilmung des Dramas von Henrik Ibsens „Die Wildente“, den Thomas Mann als seinen Meister bezeichnete, wird ebenfalls gezeigt. Das Schwarz-Weiß-Drama von 1963 stammt vom Regisseur Tancred Ibsen aus Norwegen. Zum Thema passt natürlich auch die Ausstellung im St. Annen-Museum „Family Affairs“ des Buddenbrookhauses, die unter der Schirmherrschaft des Kulturstaatssekretär der Bundesrepublik Deutschland, Wolfram Weimer am 29.10.2026 eröffnet wird.
Darüber hinaus gibt es natürlich wie üblich wieder ein weit gefächertes Angebot an Dokumentarfilmen wie zum Beispiel „Glück allein macht auch nicht wahnsinnig weise“, ein Film über ein kleines Dorf in Nordwestmecklenburg, Klein Undorf, wo etwa 30 Menschen als eng geknüpfte Gemeinschaft zusammenleben. Dieser wie auch viele andere Streifen laufen im Rahmen des Filmforums, die entweder in Norddeutschland spielen oder mit norddeutscher Beteiligung entstanden sind. So kommt zum Beispiel auch der nepalesische Spielfilm „Elefanten im Nebel“ ins Programm, der sogar für die Oscars nominiert ist. Der Film aus dem Himalaya-Gebirge wurde nämlich hauptsächlich vom Lübecker Filmproduzenten Martin Rehbock initiiert, der ohne seine Hilfe wohl nicht zustandekommen wäre. Es geht um eine Gemeinschaft von Kinnar, Menschen eines dritten Geschlechts.
Filmszene aus 'Glück allein macht auch nicht wahnsinnig weise', (c) Michael Chauvistré
Weitere sehenswerte Streifen im Filmforum sind u.a. die Fortsetzung von „Prange - Man ist ja Nachbar“: „Prange 2 - Man ist ja jetzt Paar“. Gedreht hat auch diesen Film der bekannte Regisseur Lars Jessen mit Bjarne Mädel in der Hauptrolle. Ebenfalls aus Schleswig-Holstein kommt der Streifen „Superbuhei“, der nach einer Romanvorlage vom in Neustadt lebenden Autor Sven Amtsberg gedreht wurde. Die schräge Komödie über einen ziemlich kaputten Kneipenwirt in einer ziemlich kaputten Provinzwelt hat mit Oliver Korittke ebenfalls einen sehr bekannten und beliebten Hauptdarsteller. Regie führte Josef Brandl
Überhaupt bekannte Gesichter: Mit Jürgen Vogel wird ein sehr beliebter Darsteller in Lübeck zu Gast sein. Er spielte 1986 seine erste Filmrolle in dem Streifen „Novemberkatzen“ von Sigrun Koeppe, der frisch restauriert als Wiederentdeckung gezeigt wird. Als weitere Gäste werden u.a. Donata Wenders, Monika Treut, Klaus Härö, Nils Gaup oder Innunguaq Petrussen, CEO des grönländischen Filminstituts auf dem roten Teppich der Filmtage erwartet.
Und natürlich gibt es auch wieder unzählige Kurzfilme in verschieden Sektionen, Filme für große und kleine Filmfans und Spezialangebote aus der bunten Welt der bewegten Bilder. Ich persönlich werde mir zum Beispiel bestimmt „Amazomania“ anschauen, der die Geschichte eines schwedischen Journalisten erzählt, der nach fast 30 Jahren an die Orte einer Amazonas-Expedition von 1996 zurückkehrt und dabei keinesfalls mehr mit offenen Armen von der indigenen Bevölkerung empfangen wird.
Filmszene aus 'Amazomania', (c) Autlook Filmsales/ B-Reel Films
Aus Lübecker Sicht dürfte auch der neue Film vom Lübecker Dokumentarfilmer C. Cay Wesnigk interessant sein, der unter dem Titel „Sommer, Sonne, Zonengrenze: Travemünde 1926 - 2026“ - eine Zeitreise an der ehemaligen Zonengrenze gefilmt hat. Insgesamt werden 186 Filme in rund 250 Aufführungen zu sehen sein. Dazu gehören wie üblich Schulvorführungen, wie auch die beliebten 360 Grad-Filme in der Rundkuppel auf dem Klingenberg.
Ab dem 24. Oktober gibt es die Tickets bereits online. Das gesamte Programm lässt sich bereits jetzt im Netz finden unter www.nordische-filmtage.de
Eine schlechte Nachricht muss ich aber auch mitteilen: Die Tickets werden teurer und gibt sie nur noch online. Der Verkauf und das traditionelle Schlangestehen vor dem Kino fällt also aus. Während des Festivals gibt es aber eine Tageskasse im Cinestar Stadthalle. Der Preis der Einzelkarte erhöht sich um 10 Prozent. Das Ticket für die Vorführungen zwischen 18 und 21.30 Uhr kosten 15 Euro, ermäßigt 7,50 Euro alle anderen 11 Euro, ermäßigt 5,50 Euro.

