Anne (Trine Dyrholm), Gustav (Gustav Lindh), Foto: (c) Rolf Konow

„Herzdame“ mit Trine Dyrholm
Die Königin sticht

Susanne BirckVon

Eine Frau, die alles hat, setzt ihre Karriere und Familie aufs Spiel, als sie ihren 17-jährigen Stiefsohn verführt. Sie trifft eine Entscheidung mit fatalen Konsequenzen.

Die erfolgreiche Familienanwältin Anne führt mit ihrem Mann Peter und zwei Töchtern ein harmonisches, wohlhabendes Leben in einem wunderschönen Haus mit Blick in die Natur. Anne ist Ende vierzig, sie ist attraktiv, ihre Ehe ist intakt, alles läuft in der richtigen Spur. Ihr Leben könnte perfekter nicht sein. Doch ihre latente Furcht ist, dass alles verschwinden wird.

Als Peters fast erwachsener Sohn aus erster Ehe, Gustav, zu ihnen zieht, wird das Familienidyll auf die Probe gestellt. Der Teenager fügt sich nur teilweise ein. Eines Abends verführt Anne Gustav, sie beginnen eine heimliche Affäre. Und damit riskiert die erfolgsverwöhnte Anne alles. Als die Wahrheit ans Licht kommt, entscheidet sich Anne fatalerweise dafür, die Wirksamkeit ihrer Macht auf die Probe zu stellen.

Was zunächst wie ein befreiender Schritt für die Hauptfigur wirkt, entspinnt sich bald in eine verstörende Geschichte, in welcher Dominanz, Verrat und Schuld das Schicksal heraufbeschwören. Die Protagonistin Anne trifft unkluge Entscheidungen und muss mit den Folgen irgendwie umgehen. Für den Zuschauer entwickelt sich im Laufe der Handlung ein Wechselbad der Gefühle. Die Hauptfigur funktioniert zu Beginn als Sympathieträgerin: Anne ist klug und attraktiv, sie setzt sich beruflich für das Recht von Kindern und Jugendlichen ein und führt auch privat ein beneidenswertes Leben. Ab einem gewissen Punkt kippt das Bild und man ist fasziniert und abgestoßen gleichermaßen, folgt einer menschlichen Selbstzerstörung, die man doch am liebsten aufhalten möchte. Narzissmus zieht das Ego und alle Menschen drumherum ins Verderben. Eine Tragödie. Shakespeare hätte seinen Spaß daran gehabt!

Peter (Magnus Krepper), Anne (Trine Dyrholm), Foto: (c) Rolf Konow Peter (Magnus Krepper), Anne (Trine Dyrholm), Foto: (c) Rolf Konow

Trine Dyrholm als Anne liefert in diesem Drama eine schauspielerische Meisterleistung, das kann man nicht anders sagen. Diese „Königin“ (so der Originaltitel) nimmt sich, was sie haben will, manipuliert bis zum Äußersten, und das alles mit einer bildhübschen Kälte, die einen erschauern lässt. Doch: Das ist vom bequemen Kinosessel aus leicht zu verurteilen. Irgendetwas ist in Anne, was man verstehen möchte, was uns auch ein Stück weit Empathie für die Hauptfigur abringt. Diese Ambivalenz überzeugend auf die Leinwand zu bringen – darin brilliert Dyrholm. Mit dieser Darstellung konsolidiert sie ihre Position als internationale Top-Schauspielerin.

Man darf gespannt sein: Herzdame ist für den „Oscar für den besten internationalen Film“, dem sogenannten Auslands-Oscar, nominiert. Interessanter Weise ist dieser Film nicht unter den Preisträgern der diesjährigen Nordischen Filmtage.

Herzdame/Dronningen/Queen of Hearts
Dänemark/Schweden 2019, 125 Min.
Regi:e May el-Toukhy
Drehbuch: Maren Louise Käehne, May el-Toukhy
Rollen: Trine Dyrholm (Anne), Magnus Krepper (Peter), Gustav Lindh (Gustav), Liv Esmår Dannemann (Frida), Silja Esmår Dannemann (Fanny), Stine Gyldenkerne (Lina)

Susanne Birck
Susanne Birck
Jahrgang 1969, nennt Lübeck seit 2003 ihre Wahlheimat. Die studierte Kulturwissenschaftlerin ist als Kulturjournalistin schreibend und fotografierend in der Stadt unterwegs. Schwerpunktthemen für Unser Lübeck: Filmkritiken, Interviews, Bildende Kunst.
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