Filmszene aus Meister Cheng, (c) The Yellow Affair

Herr Kaurismäki und die finnische Idylle
„Meister Cheng“

Susanne BirckVon

Es ist Sommer in Lappland. Mitten in der finnischen Provinz führt Sirkka ihr Diner. „Heute Würstchen-Tag“ steht auf dem Aufsteller vor dem Restaurant. Wie eigentlich an fast jedem Tag gibt es Kartoffelpüree und Würstchensoße. Sirkka hat ihre Stammkunden, aber das Geschäft könnte besser laufen.

Ein Bus fährt durch die finnische Landschaft, vor dem Diner steigen der Chinese Cheng und sein junger Sohn Nunjo aus. Cheng erkundigt sich bei allen Gästen im Restaurant nach „Fontrong“. Für alle Einheimischen ist es ein Rätsel, wen oder was der höfliche Chinese sucht. Sirkka bietet Cheng an, in ihrem Haus zu übernachten.

Am nächsten Tag hofft Cheng auf weitere Restaurantbesucher, die ihm bei der Suche nach Fontrong helfen können. Als plötzlich eine chinesische Reisegruppe das Diner betritt, bietet Cheng seine Hilfe in der Küche an. Fortan arbeitet er als Koch für das Restaurant. Besonders die Suppen kommen bei den Kunden gut an, es spricht sich herum, dass sie möglicherweise heilsame Kräfte haben.

Cheng hat keine Eile und kreiert nun regelmäßig wundervolles Essen in der Restaurantküche. Statt Würstchen-Tagen gibt es jetzt chinesische Wochen. Das Rätsel „Fontrong“ wird gelöst, eigentlich hat Cheng keinen Grund mehr zu bleiben. Aber da ist Sirkka, und damit fängt die Geschichte eigentlich erst an.

Mika Kaurismäki überraschte so manches Mal mit seinen Filmen, er experimentiert gern genreübergreifend, wie beispielsweise in „The Girl King“ (2015 bei den NFL). Mit „Meister Cheng“ überrascht er in anderer Hinsicht. Kaurismäki bewegt sich in sehr ruhigem Fahrwasser – fast schon zu ruhig. Es ist eine kleine Geschichte mit wenigen Überraschungen. „Ein Chinese in Nordfinnland“ ist im Grunde bereits der Clou an dieser Story. Fern jeglicher Hektik wird der Zuschauer mitgenommen in den überschaubaren Kosmos eines lappländischen Provinzstädtchens.

Filmszene aus Meister Cheng, (c) The Yellow AffairFilmszene aus Meister Cheng, (c) The Yellow Affair

Warmherzig und mit anrührenden Szenen serviert Kaurismäki seine Geschichte, dosiert mit einer Prise Humor. Seine Protagonisten sind sympathisch und ohne Falsch, inklusive der beiden kauzigen Alten, die alles ein wenig aufpeppen. Wer sich einlässt auf den ruhigen Duktus, erlebt einen unterhaltsamen Wohlfühl-Filmabend und nimmt am Ende den Wunsch mit, dass man doch gern einmal einen Ausflug aufs finnische Land machen möchte, ganz in den Norden, wo die Welt noch in Ordnung zu sein scheint.

Meister Cheng / Mestari Cheng / Master Cheng
Finnland/China/Großbritannien 2019, 114 Min.
Regie: Mika Kaurismäki
Drehbuch: Hannu Oravisto, Mika Kaurismäki, Sami Keski-Vähälä
Rollen: Chu Pak Hong (Cheng), Anna-Maija Tuokko (Sirkka), Lucas Hsuan (Nunjo), Kari Väänänen (Romppainen), Vesa-Matti Loiri (Vilppula)

Susanne Birck
Susanne Birck
Jahrgang 1969, nennt Lübeck seit 2003 ihre Wahlheimat. Die studierte Kulturwissenschaftlerin ist als Kulturjournalistin schreibend und fotografierend in der Stadt unterwegs. Schwerpunktthemen für Unser Lübeck: Filmkritiken, Interviews, Bildende Kunst.
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Kommentare  

# Meister ChengUlla Leis (01.11.2019, 20:26)
Sachlich, locker, mit Liebe zum Thema, das ist der Stil von Frau Birck. Schön, dass sie mal wieder zu Wort gekommen ist. Allerdings ist es fast schon langweilig, in einem Text keine Fehler zu finden! Das zielt nicht auf "Unser Lübeck" sondern die "Großen" unter den Medien. ;-)
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# Dieser Film tat einfach gutLutz Kiesewetter (03.11.2019, 17:38)
Wohlfühlkino als Abschluß einer tollen Filmtagewoche im bis zum letzten Platz (520!) besuchten Kolosseum. Die Hauptdarstellerin Anna-Maija Tuokko war im anschließenden Filmgespräch selbst noch einmal gerührt (Papiertaschentuch wurde gereicht). Die Zuschauer dankten mit tosendem Applaus. Hoffentlich kommt dieser Film bald auch ins deutsche Kino - und - so manche Szene, besonders der Gesang sollte unsynchronisiert und untertitelt bleiben ......
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