Fazıl Say, Foto: (c) Marco Borggreve

SHMF 2022
Fazıl Say und das BBC Philharmonic Orchester unter Omer Meir Wellber

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Immer schon hatte das SHMF nicht nur weltbekannte Solisten im Programm, nahezu legendär sind auch die Gast-Orchester.

Zwei Beispiele: 2010, als die Zeiten noch besser waren, gastierte das Mariinsky Theatre Symphony Orchestra unter Waleri Gergiew, 2013 waren es die Wiener Philharmoniker unter Lorin Maazel. In diesem Jahr nun berauschten die BBC Philharmoniker, deren Chef seit zwei Jahren Omer Meir Wellber ist. Der umtriebige und viel beschäftigte Wellber ist beim SHMF zudem Porträtkünstler, damit wurde es einmal ein Dirigent nach Solisten wie Sabine Meyer, Janine Jansen, Xavier de Maistre oder Hélène Grimaud.

Für den 23. Juli war ein gewichtiges Programm angesagt. Auf Beethovens 3. Klavierkonzert sollte Leonard Bernsteins 1. Sinfonie „Jeremiah“ folgen, ein Werk aus dem Jahre 1942, und der, nicht ganz ohne Pikanterie, Wagners Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“. Michal Doron, wie Wellber in Israel geboren, zurzeit Altistin in der Semperoper, wäre wohl eine großartige Anwältin für Bernsteins Werk geworden, dessen Lamento-Charakter zu der politischen Situation in der Ukraine dieses Programm geadelt hätte, wohl auch das SHMF. Dass beide, die Sängerin und der Dirigent, zudem Wagner als Gegensatz bringen wollten, hätte die Spannung noch erhöht.

Viele Besucher waren über die Änderung nicht informiert. Erst durch das Programmheft des Abends war zu erfahren, dass nach der Pause Peter Tschaikowskys „Pathétique“ gespielt werden würde. Der Festival-Intendant Dr. Christian Kuhnt trat, wie oft bei gewichtigen Veranstaltungen, kurz selbst vor das Publikum, gab allerdings keinerlei Erklärungen, begrüßte stattdessen das Orchester und lenkte das Publikum ab, indem er es zu einem zweiten Empfangsapplaus aufforderte. Er wusste damit geschickt die Änderung zu kaschieren. Braucht das SHMF den äußeren Erfolg, mit dem es bei Tschaikowsky sicher rechnen konnte?

Solist in Beethovens Konzert war Fazıl Say, der türkische Pianist und Komponist, zudem in seinem Heimatland als Bürgerrechtsaktivist bekannt. Lange schon und immer wieder ist er beim SHMF ein Magnet, auch als er z.B. 2013 mit dem Festival Orchester, damals ebenfalls unter Krzysztof Urbański, Mozarts KV 467 aufführte. Say sah sich wieder nicht im Dienst einer historischen Funktion. Er liebt den spontanen Effekt und unterwarf seine Deutung erneut subjektivem Befinden. Alles wirkt ungemein spontan und authentisch bei ihm, wenn er - vor allem mit der linken Hand - die musikalischen Bögen und Anschlüsse zum Orchesterpart moduliert und wenn er wie aus dem Stegreif seine fein ausgeklügelte eigene Kadenz im ersten Satz formuliert. Möglicherweise war er mit allem der Persönlichkeit Beethovens näher als andere Interpreten. In seiner Zugabe, einer eigenen Komposition, setzte er raffinierte Klangverfärbungen des Klaviers ein. Sie erinnerten an orientalische Tönungen, die Okzidentalem, Banalem und Jazzigem entgegengesetzt wurden.

Omer Meir Wellber, Foto: (c) 54°/Felix KönigOmer Meir Wellber, Foto: (c) 54°/Felix König

Nach der Pause brachten das Orchester und Wellber das Publikum aus dem Häuschen. Der Dirigent musste sein Orchester sehr gut kennen, wenn er ihm solch einen Parforce-Ritt durch die virtuose Partitur zutrauen konnte. Alles Schmachtende in Tschaikowskys Sprache wurde durch Rasanz getilgt, die aber auch nicht verhindern konnte, dass nach dem dramatischen ersten Satz, dem huschenden 5/4-Tanzsatz und dem hier übermäßig geschwinden dritten Satz der vierte, das Adagio, blass blieb und auf die Dauer der innere Zusammenhalt brüchig wurde.

Das Publikum erinnerte sich jedoch an den Intendanten und schenkte frenetischen Beifall. Sie brachte schnell die Zugabe, in der Wellber, von seinem Orchester begleitet, seine instrumentale Artistik als Akkordeonspieler mit Astor Piazollas „Libertango“ demonstrierte.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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