Daniel Hope, Foto: (c) Felix König

SHMF 2022
Aus dem Musikfest im Festival

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Das SHMF hat viele Aspekte. Besonders erlesen ist das „Lübeck-Musikfest mit Daniel Hope“, ein Fest innerhalb des Festivals. Vor acht Jahren hatte es sich etabliert.

Gleich im ersten Jahr gab es auf das Angebot von Daniel Hope in Lübeck eine erfreuliche Resonanz. Sie hat sich bisher nicht abgenutzt. Seine Vielseitigkeit, als brillanter Musiker ebenso begabt darin zu sein, sich verbal mitzuteilen, ist wohl durch eine ungewöhnliche Herkunft mit kultureller Fülle zu erklären. Die Großeltern väterlicherseits stammen aus dem katholischen Irland, die mütterlicherseits mussten vor den Nazis aus Berlin fliehen. Seine Eltern setzen dann weitere Akzente, der Vater als Schriftsteller, die Mutter als Musikmanagerin. Die Familie siedelt nach London um, wo die Mutter 1975 private Assistentin Yehudi Menuhins wird. Die breit gefächerte Begabung Daniels fällt auf, wird insbesondere durch Menuhin gefördert. Noch fünf Tage vor dessen Tod am 7. März 1999 treffen beide bei Menuhins letztem Konzert zusammen. Es fand in Düsseldorf statt, Menuhin dirigierte, Hope war der Solist.

Nach Lübeck führte ihn ein Zufall. Er erlebte in London Zakhar Bron, den hoch renommierten Violin-Lehrer, und will bei ihm studieren. Er „machte auf mich einen unglaublichen Eindruck“, schreibt er in den „Familienstücken“, die 2007 bei Rowohlt erschienen. Da Zakhar Bron zu der Zeit in Lübeck unterrichtete, wechselte er und beendete hier sein Studium. In der Zeit lernte er die alte Hansestadt kennen, ihre musikalische Tradition, lebendig gehalten durch ein musikliebendes Bürgertum und durch ihre agile Musikhochschule.

Er lernte auch das SHMF kennen. Gleich im ersten Jahr der langen Erfolgsgeschichte war sein Mentor Yehudi Menuhin dort Gast, auch Anne-Sophie Mutter, Svjatoslav Richter oder Mstislaw Rostropowitsch. Viele der großen Künstler kommen nicht nur zu Auftritten, viele halten Meisterkurse in der Musikhochschule ab. 1992, als das SHMF gerade fünf Jahre alt wurde, nimmt auch Hope an einem teil. Er überzeugte und wurde ausgewählt, in einem der „Musikfeste auf dem Lande“, in Emkendorf, in Schuberts „Forellenquintett“ mitzuwirken. In seinem Buch schreibt er begeistert darüber, zumal er mit der jungen Kontrabassistin besonders harmonierte. Sie wurde ein paar Jahre später seine Frau.

Ein anderer Grund, warum das Lübeck-Musikfest heraussticht, liegt in Hopes Fähigkeit, besondere Programme zu gestalten und dafür herausstechende Mitstreiter zu gewinnen. In diesem Jahr dauerte es vier Tage und bot elf Veranstaltungen an vier Tagen. Sie dauern jeweils eine Stunde und werden in atmosphärisch besonderen Räumen ausgeführt. Drei eher zufällige Beispiele, alle am 9. Juli 2022, mögen das belegen.

„Salonmusik“ / 11.00 Uhr

Für sie hatte man einen Hafenschuppen vorbereitet, den man vom Trave-Kai aus betritt. Durch seine Fenster grüßen vom anderen Ufer ähnliche Gebäude, ein Hafenkran und die „Lisa von Lübeck“, ein Koggen-Nachbau. Innen war der oben offene Ständerbau einigermaßen geschickt mit Stoffbahnen und einem Akustiksegel für seine Aufgabe hergerichtet. Den vorderen Teil allerdings zierte ein merkwürdig deplatziert wirkender Kronleuchter. Darunter begann der Tag für Daniel Hope und die Salonmusik, auch für Sebastian Knauer, dem hier ein klangschöner Flügel zur Verfügung stand. Somit konnte sich der für dieses Genre so notwendige weiche und einschmeichelnde Klang entwickeln. Es sei gleich gesagt: Daniel Hope beherrschte sein Instrument perfekt und auch Josephine Knight, die englische Cellistin, erfreute mit einem wunderbar sonoren Klang ihres Instrumentes. Nie wirkte eine Phrase süßlich, die größte Gefahr bei diesem Genre.

Daniel Hope, Foto: (c) Felix KönigDaniel Hope, Foto: (c) Felix König 

Das Programm war abwechslungsreich aufgebaut. Für den ersten Teil hatte Hope feinsinnig gestaltete Stücke von Edward Elgar gefunden. Dann folgte das Cello mit melodisch aparten Werken von Antonín Dvořák. Bevor sich alle zum Trio vereinten, steuerte Hope noch Massenet und Kreisler bei. Ein Brite (Vincent O’Brien?) und wieder Kreisler versorgten das Trio mit anspruchsvollem Wohlklang, der großen Beifall fand.

Auch wenn sich Hope und Knauer in ihren Anmoderationen bemühten, waren sie über das Mikrofon nicht immer gut verständlich. Schade, ein kleiner Programmzettel wäre hier wie in den anderen Veranstaltungen manchem Besucher dienlich gewesen.

„Im Dialog“ / 13.00 Uhr

Unter dem Titel „Im Dialog“ war Musik nur Thema. Ort ist die „Villa Brahms“, dessen attraktiver „Saal“ durch die aparte Farbgestaltung und zwei vorn aufgestellte Sessel sogleich das Flair eines privaten Treffens schuf. Hierhin zog sich Daniel Hope mit seinem Gesprächs- und Kammermusikpartner Pinchas Zukerman zurück, um lebhaft und schnell zu dialogisieren, wie es beider Temperament entspricht. Er ist in diesem Jahr der wohl bekannteste unter den Weggefährten, die Hopes Konzerte prominent machen. Mit ihm widmete er sich in vier Auftritten allein elf verschiedenen Werken von Brahms, der in diesem Jahr der Porträtkünstler beim SHMF ist. Da drängt sich das Institut geradezu auf, sich mit ihm dort auch verbal zu beschäftigen.

Pinchas Zukerman, Foto: (c) Cheryl MazakPinchas Zukerman, Foto: (c) Cheryl MazakHope begann den „Dialog“, indem er Pinchas Zukerman mit einer Passage aus seinem Buch konfrontierte. Sie schilderte seine erste Begegnung mit ihm. Als Fünfjähriger hatte er ihn in London mit dem Mendelssohn-Violinkonzert erlebt. Er erinnerte sich, wie „jeder im Saal von der Ausstrahlung dieses Mannes mit dem wilden dunklen Haar und Vollbart gefangen genommen“ war. Da es in diesem Ausschnitt auch um den ungewöhnlich kurzen Soloeingang des Konzertes ging, hatte der Dialog gleich sachlichen Tiefgang. Schade nur, dass beide ihre Instrumente nicht mitgebracht hatten, um sich und dem Publikum musikalische Argumente zu verdeutlichen, um etwa das Spiel im „appassionato“ zu erläutern oder das Metronom zu entzaubern. In vielem aber waren sie sich einig, vor allem in ihrer Verehrung für die Musik von Johannes Brahms.

Prof. Dr. Sandberger, der Hausherr in der „Villa-Brahms“, wird das mit Freude vernommen haben. Im Anschluss an den Dialog seiner Hausgäste präsentiere er seine neueste Ausstellung. Wie immer erweitert sie Schwerpunkte der Festivals. Diesmal ist das Thema „Der junge Brahms“, im Untertitel „Zwischen Natur und Poesie“. Das umfangreiche Magazin des Instituts hütet dazu wertvolle Schätze. Da bietet sich neben Joseph von Eichendorff, vielfach von Brahms vertont, vor allem E. T. A. Hoffmann an, der fantastische Dichter, Musiker und Maler. Vor 200 Jahren starb er, ein Grund, sich an ihn zu erinnern. In der Ausstellung ist zu sehen, dass er auch in Brahms‘ Werk Spuren hinterließ.

„Die schöne Magelone“ / 16.00 Uhr

Dieses Konzert wiederholte ein anderes, das am 9. März 1868 (!) stattfand. Brahms hatte an dem Datum seinen einzigen sicher nachweisbaren Auftritt in Lübeck. Eine merkwürdige Abstinenz von Lübeck pflegte der Hamburger aus dem Gängeviertel, der später so gern und viel reiste, der in der Travestadt gute Freunde hatte und heute sein Erbe dort intensiv betreut findet. Auch hier moderierte Daniel Hope, stellte Fragen, die der Institutsleiter Wolfgang Sandberger fachgerecht beantwortete.

Das damalige Konzert, bei dem Brahms als Pianist mit Werken von Beethoven, Schumann, Scarlatti, Bach und Schubert auftrat, auf dem er sogar eigene Variationen, sein op. 21, spielte, war aber nicht seinetwegen angesetzt, eher wegen des Sängers, den er begleitete. Julius Stockhausen war es, damals weithin bekannt, der dann merkwürdigerweise nur wenig zum Programm beitrug. Neben einer Arie von Stradella waren es zwei Romanzen aus der Stockhausen gewidmeten „Schönen Magelone“, Brahms‘ op. 33, und drei der „Deutschen Volkslieder“.

Sebastian Knaur, Foto: (c) Gregor HohenbergSebastian Knaur, Foto: (c) Gregor HohenbergDieses Konzert erneut zum Klingen zu bringen, war die Idee. Die Rolle des Sängers übernahm der junge, in Lübeck ausgebildete Bass-Bariton Sönke Tams Freier. Er beherrschte mit seiner gut sitzenden, elegant wirkenden Stimme mühelos in allen Registern den Raum, den einer Predigerkirche. Es ist die Evangelisch-Reformierte-Kirche in der Innenstadt, streng neoklassizistisch und halbkreisförmig gestaltet. Von der Sicht her eignet sich der Raum sehr, akustisch weniger. Er und der merkwürdig scharf klingende Klang des Flügels verdarben dem Pianisten manche klangliche Differenzierung. Sebastian Knauer aber ist ein sehr erfahrener Begleiter und Gestalter, den das zumindest nicht irritierte und der vorher bereits gezeigt hatte, dass er weit besser gestalten kann. Brahms hatte vermutlich bei seinem Auftritt mehr Glück. Ihm wurde ein Steinway-Flügel aus New York hingestellt, ein damals neu konstruiertes Instrument mit gusseisernem Rahmen und kräftigerem Ton. Ob ihm die Raumakustik mehr entgegenkam, ist nicht zu prüfen. Das „Casino“, damals dort, wo heute das Theater steht, existiert nicht mehr.

Das letzte Konzert, die „Gypsy Night“, die Daniel Hope zusammen mit der ungarischen Gruppe Söndörgö bestritt, konnte der Verfasser dieser Zeilen nicht mehr besuchen. Er bedauert es.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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