Krzysztof Urbański 2016, Foto: (c) Olaf Malzahn

SHMF 2022
Orchester spektakulär - Das Festival Orchester unter Krzysztof Urbański

Von

Das SHMF-Festival-Orchester ist in jedem Jahr neu, konstant nur, dass kein Mitglied älter als 26 Jahre ist. Wer das erfüllt, kann sich bewerben, wird in Nord- oder Südamerika, Asien, Europa sowie im Nahen Osten, also eigentlich überall auf der Welt, vor Ort angehört und geeignet gefunden oder nicht.

Die 22 Holzbläser zum Beispiel kommen in diesem Jahr aus Frankreich, Italien, Österreich, Portugal, Slowenien, Spanien, Tschechien und Ungarn, auch aus Mexiko, Südkorea und den USA. Nur fünf von ihnen stammen aus Deutschland. Ein Ensemble mit weit über hundert Instrumentalisten findet so zusammen und ist in dieser Anzahl extremen Besetzungsanforderungen gewachsen, wie eben der von Sergei Prokofieff in seiner „Skythischen Suite“ oder der von Igor Strawinsky im „Le Sacre du printemps“, die in der zweiten Arbeitsphase erarbeitet wurden. Sie zu einem Klangkörper zusammenzuschweißen oblag Krzysztof Urbański, der sich immerhin mit einer Geigerin polnisch, in seiner Muttersprache, unterhalten konnte. Er war nach Adam Fischer der zweite der Maestros, vor Omer Meir Wellber und Christoph Eschenbach, dem Principal Conductor, der seit 1988 dabei ist. 1987, im Jahr davor erst, hatte Leonard Bernstein diese Talentschmiede aus der Taufe gehoben. In Erinnerung an ihn wurde der angesehene Leonard Bernstein Award geschaffen, ein Preis, der in jedem Jahr vergeben wird. 2015 erhielt ihn Krzysztof Urbański, der nun selbst für den weiteren Erfolg der Orchesterarbeit zuständig war, der zudem den diesjährigen Gewinner des Awards schon einmal präsentieren konnte. Es ist Sean Shibe, der vor gerade 20 Jahren im schottischen Edinburgh geborene Gitarrist.

Urbański ist bekannt für extravagante Programme. Was er sich in diesem vorgenommen hatte, war offensichtlich so, dass es etliche Zuhörer verstörte, denn Konzerte mit dem so begeistert aufspielenden Orchester sind beim SHMF zumeist ausverkauft – diesmal, ein Corona-Effekt (?), nicht. Zunächst wurde das Konzert zudem nur mit Igor Strawinsky und John Adams beworben. In der Ballettmusik verschreckte wohl immer noch der handgreifliche Skandal der über 100 Jahre zurückliegenden Premiere, während Adams, der 1947 geborene Amerikaner, schlicht zu unbekannt ist. Beide Werke zusammen hätten zudem keine 2-Stunden-Länge ergeben. Ist das der Grund, dass ein Werk hinzugefügt wurde, mit dem die Besucher allerdings erst am Abend selbst überrascht wurden? Es passte hervorragend in den Zusammenhang, zumal Prokofieff nachgesagt wird, er habe Strawinskys „Sacre“, wenige Jahre vorher uraufgeführt, gut gekannt. Beide Ballettmusiken, so weiß man, sind zudem von dem Ballettimpresario Sergei Diaghilev initiiert und haben ein mythisches oder sagenhaftes Sujet. Beide Partituren betonen deshalb ein rhythmisch stark akzentuiertes, häufig eruptiv sinnliches, aber archaisches Klangbild. Da ist Adams Komposition eine kontemplative Zwischenmusik, die den geradlinigeren Prokofieff von dem raffinierten Strawinsky trennt.

Dennoch fordern beide Partituren nicht nur eine riesige Besetzung, auch herausragende Fähigkeiten der Instrumentalisten und des Dirigenten, der beide Werke auswendig dirigierte. Das Wuchtige des urtümlichen altslawischen Märchenstoffs fängt Prokofieff im „Allegro feroce“ des ersten Satzes, dem Geistertanz im zweiten, dann in dem gefühlvollen Nachtstück und einem ungestümen Finalstück ein. Dennoch wirkt sein Stil trotz aller Dissonanzen harmonisch fast simpel und durch viele Ostinati einprägsam und mitreißend. Urbański betonte das Tänzerische, setzte es selbst auf dem schmalen Podium mit Hüftschwüngen und bewegten Schritten um, nicht zuletzt auch zur Freude der jungen Instrumentalisten, die sich vital einsetzten.

Ganz im Gegensatz dazu stand John Adams ungewöhnlich farbenreiches „Mother of the Man”. Das langsame, ruhig, fast träge dahinziehende Stück ist der Mittelsatz einer dreiteiligen Sinfonie „Naïve and Sentimental Music“ aus dem Jahre 1999. In ihr beschäftigt er sich zugleich mit Anton Bruckners Kompositionsstil und Schillers Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“. Eine besondere Farbe gab die von Sean Shibe gespielte Gitarre mit Stahlsaiten im Dialog mit einem Fagott. Die elektrische Gitarre schien allerdings nicht an allen Stellen in der Lautstärke richtig austariert zu sein. Mal klang sie zu vordergründig, mal verschwand sie im Orchesterklang.

Der „Sacre“ allerdings war in dieser Interpretation eher äußerlich. Schon der „Introduction“ fehlte manche Feinheit. Wenn auch die Artistik dieser Partitur stürmisch und exakt eingefangen wurde, überwog doch ein stampfendes Pathos, das manche Feinheiten überdeckte, das schließlich auch der Dirigent mit seinem Tanzdirigat herausforderte. Sein überaus anspruchsvolles Programm lässt sich wohl doch nicht in einer nur kurzen Probenwoche bis ins Letzte einstudieren, begeisterte allerdings das Orchester wie die Hörer.

Foto: (c) Olaf Malzahn

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
Weitere Artikel

Sie haben keine Berechtigung hier einen Kommentar zu schreiben.