China Moses, Foto: (c) Hildegard Przybyla

31. JazzBaltica 2022
Vielfalt am Festivalsamstag

Hildegard PrzybylaVon

Die absoluten Stars des viertägigen Festivals waren gefühlt eindeutig die insgesamt gut 18.000 Besucher.

Während die Konzerte junger Nachwuchskünstler im Außenbereich bei freiem Eintritt und an frischer Luft wohltuend erlebbar waren, verdichtete sich der geschlossene Maritim-Saal bei extremem Sommerwetter in jedem der neun Hauptkonzerte zu einem sauerstoffarmen, glühend heißen Backofen. Selbst kurz vor dem Siedepunkt und knapp vor der Hirnschmelze hielt es das Publikum in sämtlichen, restlos ausverkauften Konzerten bis zum Schluss aus, jubelte emotionsgeladen und spendete euphorische ´standing ovations´.

Auch ließ sich das Publikum von den ungewohnt langen Umbauphasen zwischen den beiden Sets eines Konzerts nicht verscheuchen, selbst wenn die Pausen fast zwei Stunden dauerten. Dieser Umstand war unerwartet und neu, möglicherweise der jeweiligen Vorbereitung für die ZDF- livestreamings geschuldet. Kurzum: das Publikum blieb standfest und verdiente hohe Anerkennung.

Der Festivalsamstag war nachmittags und abends mit höchst unterschiedlichen Künstlern besetzt. Während im ersten Set die Ankündigung "NDR Bigband" auf etwas Besonderes hoffen ließ, stellte sich die Beimischung mit drei skandinavischen Tonlyrikern als etwas schwierig dar. Der Bassist Anders Jormin übernahm die Leitung, mitgebracht hatte er die Sängerin und Geigerin Lena Willemark und die Kotospielerin Karin Nakagawa aus Japan. Die Sängerin vermochte, auch wenn sie bei den im Saal herrschenden Temperaturen "Fußspuren im Schnee" besang, nicht zu überzeugen. Interessant war, das 25 Saiten umfassende Zupfinstrument namens Koto kennen zu lernen. Die Bigband blieb unter ihren Möglichkeiten. Gleichwohl zeigte das Publikum seine Begeisterung, auch wenn es hier ausnahmsweise die ´standing ovations´ aussparte.

'Enders Room' - Johannes Enders und Band, (c) Hildegard Przybyla'Enders Room' - Johannes Enders und Band, (c) Hildegard Przybyla

Nach langer Umbauphase trat die legendäre China Moses mit ihrer Band auf die Bühne und nahm den Saal schlagartig für sich ein. Sie ist eine starke Jazzsängerin und Entertainerin im besten Sinne gleichzeitig und lässt ihre Band mit Luigi Grasso, Ashley Henry, Neil Charles und Marijus Alexa ausdrucksstarken Jazz und swingenden Blues aufspielen. Mit kraftvoller Stimme steht sie im Vordergrund, stellt zahlreiche Titel aus ihrem letzten Album "Nightintales" vor, mal lässig mit "Put It On The Line", mal funkig mit "Disconnected" und dann wieder soul-jazzig in ihrem Titel "Nicotine" oder swingend mit "Blame Jerry". Sie ist ein unglaublich vielseitiges Kraftpaket, schlussendlich wurde sie mit tosendem Applaus belohnt.

Der Abend begann spät mit einem von Johannes Enders am Altsaxophon gestalteten Set. Zusammen mit seiner Band bildet er den von ihm so genannten "Klangraum", der so ganz leicht in den Elektro-Jazz einführt. Er ist ein begnadeter Saxophonist und ließ die Elektronik in den Hintergrund treten.

Ganz anders dagegen Michael Wollny mit seinem Team zur späten Mitternachtsstunde. Wenn so manch einer mit dem Namen Michael Wollny berauschende Improviationen am Klavier erwartet hatte, so wurde er in diesem letzten Set des Tages unsanft von Hardcore-Elektronik geweckt. 100 % Neuland im wahrsten Sinne des Wortes. Niemand hatte die Band XXXX mit Michael Wollny, Emile Parisien, Tim Lefebvre und Christian Lillinger jemals zuvor so gesehen und gehört. Es war ohrenbetäubend, ohne dass man die einzelnen elektronisch aufgepeppten Instrumente noch unterscheiden konnte. Einzigartig !

Foto: Hildegard PrzybylaFoto: Hildegard Przybyla

Auch das kommende Jahr wird wieder Überraschungen bereit halten. Die 32. JazzBaltica 2023 wird vom 22.06. bis 25.06.2023 stattfinden.

Hildegard Przybyla
Hildegard Przybyla
Rechtsanwältin, lebt in Ostholstein. Schreibt seit 2010 für "unser Lübeck". Schwerpunkte: Gesellschaftliches Leben in und um Lübeck, Konzerte und Theater.
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