Brad Mehldau Trio, Foto: (c) Bruno Bollaert/ wahwah.be

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Brad Mehldau Trio – „... zum ersten Mal in der Stadt von Thomas Mann“

Rolf JägerVon

Brad Mehldau hört zu. Die Beine seitlich neben dem Klavierhocker, den Oberkörper vornübergebeugt, eine an sich eher unauffällige Erscheinung, überlässt er Schlagzeuger Jeff Ballard (*'63) die Arena.

Der swingt sich den Glutaeus maximus ab. Becken, Rimshots, Besen, Sticks, die bloßen Hände. Augen geschlossen. Lächelnd. Ein Perpetuum-mobiles Erleben, hör- und sichtbar, der Mann ist Teil seines Instruments. Ein erfahrener, inspirierter Musiker, der ab '88 in der Band von Ray Charles trommelte, dann u. a. bei Lou Donaldson, Eddie Harris, Kurt Rosenwinkel, Chick Corea, Gary Burton und in Pat Methenys SFJazz Collective.

In ein paar dieser Formationen haben Bassmann Larry Grenadier (*'66) und Ballard schon zusammen gespielt, sich kennen gelernt, bevor sie seit 2005 die kongeniale Rhythm section des Mehldau Trios bilden. Grenadier begann als 11-Jähriger und spielt seit College-Tagen Jazz, für und mit Joe Henderson, Charles Lloyd, John Scofield, Don Braden, Betty Carter, Stefano Bollani u. a. Auf der Bühne stehend ist Grenadier der Mast in der Brandung, ein Puls, der noch Ruhe verströmt, wenn er sich gehen lässt, beim Solo nicht enden wollende 16tel-Ketten aus dem Kontrabass rackert und andererseits weiß, dass und wie man eine Ballade atmen lässt.

Balladeskes gibt es viel bei Brad Mehldau, dem Mann am Klavier, der als einer der besten, inspiriertesten Jazz-Pianisten der Gegenwart gilt. Nicht nur wird er im Konzertverlauf alle Tugenden bestätigen, die ihm zugeschrieben werden, er wird das – „wie gewöhnlich“ – auf eine Weise tun, die ihn als stilistischen Grenzgänger kennzeichnet. Immer im Sinne und Interesse der Musik natürlich, subtil, einfühlsam, ganz und gar unverzagt, ohne profilneurotische Effekthascherei und Ego-Allüren: Mehldau weiß zweifellos um die Exzellenz seiner zwei Mitspieler. Er ist der Bandleader; ein Star mit Rhythmusgruppe ist er nicht: Dies ist eine Band! Ein Organismus, der potenziert und in Beziehung setzt, was der einzelne einbringt. Gebaut und eingerüstet nach den Skizzen des Modern Jazz im Prinzip, dabei absolut kontra-nostalgisch, relevant, mit Scheitel und anarchischer Olive im Knopfloch. Um es mit Charlie Parker zu sagen: „Now's The Time.“

Erste Klavierstunden bekam Brad (*'70) als 6-Jähriger. Er studierte Klavier und Komposition u. a. bei Fred Hersch, als Interpret selbst hoch angesehen bei namhaften Kollegen, ein Meister des Lyrisch-Impressionistischen, der grundlegenden Einfluss auf den jungen Mehldau hat. Nicht als einziger freilich; Mehldaus subtiles Spiel profitiert von unterschiedlichsten Akzenten: Beethoven und Brahms (den er John Boy nennt), Franz Schuberts lyrische Kompromisslosigkeit, das Improvisationsaggregat Keith Jarrett, Virtuosität unweit Glenn Gould, und auch Thelonious Monks Disposition zu Lücke und Bruch sind fragmentarisch erkennbar, homogen integriert als Beiträge im eigenen Profil des Ausnahmemusikers Mehldau.

Brad Mehldau Trio, Foto: (c) Bruno Bollaert/ wahwah.beBrad Mehldau Trio, Foto: (c) Bruno Bollaert/ wahwah.be

Erste Obacht erregte er im Joshua Redman Quartet und für sein Debütalbum „Introducing Brad Mehldau“ (1995), um 1996 mit „The Art Of Trio“ (noch mit Schlagzeuger Jorge Rossy) endgültig aus dem Rahmen zu fallen: Begeisterung bei Kritik und Publikum.

Schon damals verblüffend und faszinierend bei Mehldau ist seine Eleganz im Umgang mit anderen und ganz anderen Materialien, auf der Bühne wie im Studio, in der Band wie als Solist. Etwas wie das episch-zerrissene „Paranoid Android“ von der Alternative-Rockband Radiohead unaufgesetzt ins Jazzidiom zu übertragen gelingt ihm ebenso, wie Paul McCartneys Hopsasa-Lied „Martha My Dear“ (vom Weißen Album der Beatles) in eine Bach-Etüde zu verrücken. Songs des UK-Folkmusikers Nick Drake („River Man“) stehen bei Mehldau ganz selbstverständlich neben dem Filmkomponisten Jon Brion („Lady Bird“), US-Songgrößen aus den 30er/40er Jahren wie Jerome Kern oder Ira Gershwin, deren wie auch immer unsterbliche Melodien er auch heuer in Lübeck ins Jetzt und Heute bittet.

Die Band ist im Gleis, der Sound in der MuK beisammen nach dem zweiten Stück. Der bekennende Germanophile Mehldau („Sehnsucht“ und „Zauberberg“ z. B. heißen zwei seiner Eigenkompositionen) begrüßt den Saal auf Deutsch – „... zum ersten Mal in der Stadt von Thomas Mann“ –, Sie wissen schon, das klappt, Applaus. Brad, moderater Moderator, hat die Leute auf seiner Seite.

Dort werden sie bleiben, etwas aus der Orchester-/Trio-Suite „Highway Rider“ zu hören bekommen, ein minutenlanges, bewegendes Klaviersolo als Ausklang der vorherigen Nummer, immer wieder eingestreute Zitatschnipsel – Beatles, „Sunny Side Of The Street“, Pop. Minutenlange kreisförmige Glissandi im oberen Register als tragende Textur für tiefe Akkordarbeit. Zweihändige kontrapunktische Improvisationen mit unabhängigen Stimmen, eine Spezialität Mehldaus und reiner Irrsinn eigentlich, was Spieltechnik und musikalische Wirkung angeht. Im März 2018 veröffentlichte das Trio das vom „Wohltemperierten Klavier“ inspirierte Album „After Bach“: Play Bach 2.0. Interpretation und Improvisation von irgendwo da draußen, in den Händen dieser sehr präsenten Band nebenbei ein Beleg für die beispiellose Physis und Ausdruckskraft dieser Jahrhunderte alten Kompositionen.

Auf drei Zugaben läuft es schließlich raus, zu denen die Band sich nicht lange bitten lässt, um sich dann jeweils Zeit zu lassen. Die Leute stehen, pfeifen und johlen, dann gibt es Rosen. Für's Trio. Und Geschenktüten.

Was war drin?

Fotos: (c) Bruno Bollaert/ wahwah.be

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