Foto: Krzysztof Urbański, (c) Olaf Malzahn

Bezwingende Gesangs- und Orchesterkunst mit Thomas Hampson und den NDR-Sinfonikern

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Einen ungewöhnlich tiefen Eindruck hinterließ das letzte Konzert der NDR-Sinfoniker (19. März 2016) unter Krzysztof Urbańskis Leitung.

Doch das Programm allein schon versprach Besonderes: Richard Strauss‘ Till Eulenspiegels lustige Streiche, fünf der Lieder Gustav Mahlers aus Des Knaben Wunderhorn und schließlich Dmitri Schostakowitschs 10. Sinfonie. Es ist das Befreiungswerk, mit dem der Komponist 1953 nach Stalins Tod alle seine Not und Verzweiflung aus sich herausschrie. Das ist eine Trias von Werken mit hoher Ausdruckskraft, nicht komponiert für leichten musikalischen Genuss. Selbst Richard Strauss‘ Zeichnung des Erzschelms, der angeblich in Mölln zu Tode kam, ist von bizarrer und drastischer Aussage und mit einem nachdenklich stimmenden Schluss. Er, der die Gesellschaft mit derben, zugleich gewitzten Streichen reizte, ihr den Spiegel vorhielt, musste dafür am Strang büßen. Plastisch gestaltete Strauss die Bloßstellung und auch den Tod als Rache der Spießbürger, wunderbar übertrug das Orchester diese feinsinnig erdachte Partitur in Klang. Urbański arbeitete mit aller Ruhe die Feinheiten heraus, ließ alles durch die Musiker, Horn oder Klarinette voran, mit Genuss nachzeichnen.

Mahlers Lieder fußen ebenso auf Volkskunst. Aber das scheinbar Einfache wird in höchst individueller Kompositionskunst verarbeitet. Und keinen besseren als Thomas Hampson hätte man einladen können, der mit Intelligenz, Stimme und großer Gestaltungskraft alles aus den Liedern herausbrachte. Von den zwölf von Mahler für Orchesterbegleitung ausgearbeiteten Liedern waren fünf ausgewählt. Sie alle reflektierten Menschliches, das nicht nur den Programmteil davor ergänzt, auch in einem tiefen inneren Verhältnis zur folgenden Sinfonie stand. Des Heiligen Antonius von Padua Fischpredigt blickt zurück auf den ähnlich närrischen Till. Der falsche Glanz des Militärs durch Märsche mit Trommeln und Blasmusik im Lied des Verfolgten im Turm, in Der Schildwache Nachtlied oder das Leid, das Krieg und Zwang bringt, in dem düsteren Revelge deuten mit verstörenden Pianissimostellen auf Schostakowitsch voraus.

Auch das Orchester hatte an diesem bezwingenden Auftritt einen großen Anteil, denn Urbański gelang es, die Stimme niemals zuzudecken und kongenial zu begleiten. Zwei humorvollere Lieder hatte man als Zugaben bereit, die zum Rheinlegendchen sich fügten. Es waren das Liebeslied Wer hat das Liedlein erdacht? und das Lob des hohen Verstandes, das eine mit schwelgerischen, zugleich komischen Koloraturen, das andere ein Spottgesang auf die „Kunst“ der Musikkritiker.

Neben der komplexen Harmonik mit ihren Dissonanzen und Klangreibungen verbindet auch das die drei Programmteile, eine markante Thematik und die fesselnde, zugleich expressive Farbigkeit der Partituren. Bei Schostakowitsch dient alles, sein Erleben in der Stalinzeit, seine Bedrängnis und Verzweiflung bis hin zum klangmalerischen Nachzeichnen seines immer wieder bedrohten Lebens nachempfindbar zu machen. Dazwischen schafft der Komponist immer wieder Momente der Einkehr, des Überlebenswillens, des satirischen Trotzes, die zutiefst beeindrucken. Das schließt unmittelbar an das an, was zurzeit in Lübecks Opern-Inszenierung der Lady Macbeth von Mzensk zu sehen und zu hören ist. Es ist ein beklemmender Bogen von brutaler Gewalt, den die Stalin-Ära eint. All das ruft Schostakowitsch mit aller Sinnlichkeit wach.

Grandios war auch die Kraft des Orchesters, das sich dieser Partitur so ehrlich und überzeugend angenommen hatte. Einen solch langen und intensiven Beifall hatte man lange nicht gehört. 

Fotos: (c) Olaf Malzahn

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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