Stefan Vladar, Foto: (c) Olaf Malzahn

3. Konzert der Lübecker Philharmoniker
Brahms‘ zwei Klavierkonzerte als Geburtstagsständchen

Selten haben Wünsche zu einem Geburtstag so ein klangvolles Gepräge wie die, die Stefan Vladar sich zu seinem 60. erfüllte. Gleich beide (!) Klavierkonzerte von Johannes Brahms wollte er an einem Abend zu Gehör bringen – als Pianist. Das ist nicht nur eine Aufgabe von großer Bedeutung für sich selbst, es ist gleichzeitig ein Geschenk für das Publikum einer Musikstadt, von der man wohl sagen darf, sie ist „die“ Musikstadt des Nordens.

Zugleich ist es eines, mit dem er womöglich Wien und Lübeck miteinander zu verbinden strebt. Brahms ist zwar bekanntermaßen in Hamburg geboren, sein Lebenszentrum wurde jedoch Wien. Dass dies gleichzeitig die Geburtsstadt von Stephan Vladar wurde, mag dessen Interesse für Brahms gefördert haben, immerhin hat er alle vier Brahms-Sinfonien in Lübeck schon aufgeführt, und im März dieser Saison folgt noch das Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Orchester, Brahms‘ letztes Orchesterwerk. Zudem ist Lübeck neben Wien der Ort, an dem Leben und Werk des Romantikers herausnehmend intensiv erforscht wird.

Einige Male hatte Vladar die Konzerte als Pianist mit sehr bedeutsamen anderen Orchestern aufgeführt, noch nie aber beide in einem Programm vereinen können. Aber er ist nun einmal zugleich Dirigent und im Rahmen seiner Tätigkeit als Generalmusikdirektor dafür zuständig, der Konzertreihe seiner Lübecker Philharmoniker ein besonderes Gesicht zu geben. Oft war an dieser Stelle schon über besondere Programme zu berichten, wie auch dieses am 23. und 24. November 2025 eines wurde. Trotz seiner Konzentration auf einen Komponisten kam es an, hatte sogar am oft schwächer besuchten Montag eine besonders gute Auslastung.

Welches der beiden Werke beim Publikum besser ankam, war nicht zu erkennen. Beider Wiedergabe beeindruckte und erhielt langen und kräftigen Beifall. Welches der beiden der Komponist bevorzugte, ist auch nicht bekannt. War es das erste in d-Moll, das op. 15, bei dem es u. a. eine Sonate für zwei Klaviere als Vorstufe gab, oder war es die Vorform einer Sinfonie, wie es dann beim zweiten Konzert war. Für dies, sein op. 83, wählte er B-Dur als Tonart. Beide Uraufführungen, bei denen der Komponist jeweils selbst am Flügel saß, lagen 22 Jahre auseinander. Beim ersten war er mit gerade 25 Jahren ein junger Heißsporn, beim zweiten, im Alter von 48 Jahren, schon ein angesehener, erfahrener Tonsetzer.

Das erste war ein Werk, in dem Brahms „Neue Bahnen“ im Ausdruck und Inhalt suchte. Das hatte Robert Schumann schon bemerkt, als er 1853 in einem Artikel unter diesem Titel sich mit dem 20-jährigen Brahms beschäftigte. Jedem, der nur ein paar andere berühmte Konzerte gehört hat, wird Brahms Fähigkeit auffallen, den Solopart und das Orchester gleichwertig miteinander zu verbinden. Das kennzeichnet das erste Konzert noch weit stärker als das zweite. Wie im Programmheft (S. 3) in einem Gespräch mit Stefan Vladar zu lesen ist, erschwert das seinen Part, weil der Klang aller beteiligten Instrumente sich gerade zu der Entstehungszeit änderte. Als Pianist hatte er sich bei einem Recital der Wiener Akademie mit historischen Instrumenten einen Eindruck von der authentischen Klangmöglichkeit erwerben können. Etwas davon war auch im Konzert in der MuK zu erspüren, bei dem besonders zu Beginn die Ruhe auffiel, mit der das Orchester von dem Österreicher Roberto Paternostro mit Präzision geführt wurde. Er hat viel Erfahrung, vor allem mit anderen Romantikern wie Bruckner, Wagner oder Verdi. Dennoch fehlte dem Maestoso des Anfangssatzes Spontaneität, weil er zu sehr auf das Spiel des Solisten achtete, die Tempi ungewöhnlich ruhig nahm, dafür besonders auf Ausgeglichenheit im Klang achtete.

Im zweiten Teil änderte sich das, vor allem mit dem zweiten Satz, einem Allegro appassionato, wo vom Solisten mit seinem aufdrängenden Anfangsmotiv in Moll die tiefen Streicher die Fortsetzung des Themas übernehmen. Noch klangschöner, auch melodiöser wurde dann der dritte Satz, wo in einem Andante diesmal ein Solocello, sehr umsichtig gestaltet von Hans-Christian Schwarz, und später die Klarinette versteckt im ppp mit einer gesanglichen Melodie auf den Liedschöpfer Brahms verwies. Wenn dann mit dem Allegretto grazioso das Konzert endet, in dem erstmals so etwas wie ein konzertantes Miteinander zwischen Solist und Orchester zu erleben ist, hat der Zuhörer den Klangkosmos von Johannes Brahms in vielfältiger Art durchschritten, zugleich im Staunen über das, was er dem Solisten an Können und Konzentration abverlangt. Langer Beifall und viele Bravorufe dankten allen Ausführenden, besonders aber Stefan Vladar.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.

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