Filmszene aus 'Buddenbrooks' 1923, (c) Filmmuseum Berlin - Stiftung Deutsche Kinemathek

Gerhard Lamprechts Stummfilm „Die Buddenbrooks“
Lübeck in laufenden Bildern

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Zum statischen Vorspann eines unverkennbar alten Lichtspiels drängt sich ein tiefes Brummen. Es gibt sich nur langsam als Orgelton zu erkennen, bekommt eine metrische Struktur und erzeugt zugleich eine unwirkliche Spannung. So beginnt der akustische Kommentar zu schwarz-weißen Bildsequenzen, die ein fast einhundert Jahre altes Geschehen zeigen.

Später mischen sich andere Instrumente ein, das hohl atmende Harmonium, das in akkordischen Wellen schwelgende Klavier und das treibende Schlagzeug, noch später Violine und Viola als seelenvolle Sänger von Liedern ohne Worte. Sie steuern über das Ohr den Sog der Bilder, die die dramatische Geschichte eines Kaufmanns erzählen, der ein riskantes Geschäft eingeht. Er meint es zu beherrschen, genauso wie sein privates Leben. Beides aber scheitert am nicht Kalkulierbaren, seinem Charakter, seiner Herkunft, seinem Umfeld.

Die Orgel steht im Großen Saal der Musikhochschule Lübeck. Dort unterrichtet seit 2005 Professor Franz Danksagmüller Orgelspiel und Improvisation. Professionell betreibt er noch eine weitere Passion, die der Begleitung von alten Stummfilmen. Gern bezieht er seine Studenten ein, als improvisierende Spieler oder als die, die das Konzept erarbeiten, wie hier die Kirchenmusikstudentin Giulia Corvaglia. Sein erster Lübecker Auftritt mit diesem Genre geht zehn Jahre zurück, ins Jahr 2008. Damals war es die Begleitung für Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“. 1922 war der Stummfilm gedreht worden, dem etliche Winkel und der Hafen Lübecks als Kulisse dienten, vor allem die Salzspeicher. Heute sind sie ansehnlich, liegen in unmittelbarer Nachbarschaft der Hochschule, damals waren sie verwahrlost, die passende Behausung für Nosferatu, für den Vampir aus Transsylvanien.

Vor allem die Außenaufnahmen waren Anlass, Murnaus expressives Meisterwerk im Rahmen des 875-jährigen Stadtjubiläums zu wiederholen. Aber das Jahr ist zugleich das 60. Jubiläumsjahr für die Nordischen Filmtage. Dessen Ende zu markieren bot sich ein anderer Stummfilm an, auch er auf Lübeck bezogen. Was passt da besser als die erste filmische Annäherung an Thomas Manns „Die Buddenbrooks“? 1923 hatte Gerhard Lamprecht (1897 – 1974) das unternommen. Auch er bot reizvolle Außenaufnahmen, wieder vom Hafen, darüber hinaus die Mengstraße und andere Teile der Altstadt. Dazu spielten Interieurs mit, das Buddenbrookhaus oder das Rathaus, vieles in reizvollen Kameraeinstellungen. So war der Film mehr noch als Murnaus Werk eine Lubecensie.

Lamprecht hatte zu seiner Zeit große Zustimmung für sein Lichtspiel gefunden, nur nicht bei dem Verfasser des Romans. Das ist merkwürdig, da Thomas Mann selbst am Drehbuch mitgearbeitet hatte, aber dennoch urteilte, es sei „ein gleichgültiges Kaufmannsdrama“ geworden, ein „strohdummes und sentimentales Kino-Drama“. Das lässt außer Acht, dass Lamprecht sein Opus einen Film „nach Motiven“ aus dem Roman nannte und für seine Adaption eine in sich geschlossene Fabel schuf. Er beschränkte sich personell auf Thomas Buddenbrook, auf wichtige Familienmitglieder sowie ein paar Personen aus dem geschäftlichen wie gesellschaftlichen Umfeld. Neben der familiären Verstrickung ist eine vom Senat beauftragte Getreidelieferung aus Südamerika, die fach- und fristgerecht durchzuführen war, der Handlungskern. Allein das ergibt ein durchaus eindrucksvolles Zeitbild, das heute selbst in seiner restaurierten Form seine Wirkung nicht verfehlt. Sie war 2001 entstanden, als die um 20 auf rund 85 Minuten reduzierte, hier gezeigte Fassung aus alten Rudimenten entstand.

Filmszene aus 'Buddenbrooks' 1923, (c) Filmmuseum Berlin - Stiftung Deutsche KinemathekFilmszene aus 'Buddenbrooks' 1923, (c) Filmmuseum Berlin - Stiftung Deutsche Kinemathek

Das Konzept für die Begleitmusik verdichtet einerseits die geschäftliche und konventionelle Kaufmannswelt des Hauses, andererseits die private, durch Thomas‘ Frau Gerda und ihr künstlerisches Wesen bestimmte Welt. Diese beiden Sphären werden von Farben, die die Instrumente ermöglichen, nachgezeichnet. Thomas und der Welt des Handels sind die atmenden und rauschenden Klänge zugeordnet, während das Private um Gerda durch die Streicher vertreten wird. So kann die Musik die Handlung des Films nicht nur begleiten, sie gibt ihr zugleich eine tiefere Dimension. Thomas ist der von den „Umständen“ Getriebene, Gerda die Frau, die ihre Welt lebt, sie positiv beeinflussen kann. Die Begleitmusik, eigentlich improvisierte Zutat, öffnet somit durch ihr durchdachtes Konzept einen eigenen Blickwinkel.

Danksagmüller hat in zehn Jahren viel geleistet und eine Reihe von Projekten mit seinen Studenten durchgeführt. Was im Jahre 2008 begann, damals noch auf einer zusammengestückelten Leinwand, ist inzwischen nicht nur materiell sehr viel ansehnlicher geworden, da er viele Partner fand. Dazu gehörte anfangs das Kommunale Kino Lübeck, in diesem Fall sind es die Nordischen Filmtage und das Buddenbrookhaus. Florian Vollmers begrüßte die Anwesenden als Festivalmanager und Britta Dittmann, Archivarin und Mitarbeiterin im Buddenbrookhaus, führte kenntnisreich und humorvoll ein.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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