Zu Beginn der Programm-Pressekonferenz zeigte sich Kultursenatorin Monika Frank sehr stolz, dass sie einerseits zum 4. Mal in Folge die Veranstaltung begrüßen durfte, aber noch wichtiger war ihr zu betonen, dass sich die Hansestadt Lübeck trotz Haushaltssperre das Filmfestival immer noch leisten will und kann.
Die Nordischen Filmtage sind das Jahresereignis in Lübeck und gehen wie immer neue Wege. Inklusion und Barrierefreiheit stehen ganz oben auf der Agenda, inklusive Gebärdensprache und Video auf Abruf-Programmen (VOD). Trotz einer neuen Preisgestaltung von höheren Eintrittspreisen zwischen 13 und 15 Euro werden zukünftig viele neue und junge Kinobesucher zum Null-Tarif in die Kinos kommen können. So gibt es mehr freie Angebote für Schulklassen, Kinder, Behinderte und arme Leute. Es gibt mehr Umsonst-Karten für die Kultur-Tafeln, sowie verbilligte Restkarten des jeweiligen Tages für Schüler und Studenten.
Auf diese Aspekte ging auch die geschäftliche Leiterin der NFL, Susanne Kasimir ein: Es wird keine Vorverkaufsgebühr mehr geben und insgesamt sollen 50 % der Tickets sogar verbilligt werden. Der Vorverkauf beginnt eine Woche früher und ist auch digital möglich. Als neue Abspielstätte der Filme des Programms wird das ehemalige Kino Eden wiederbelebt und ersetzt das Koloseum. Selbst der alte geliebte Katalog wird in neuer Form als PDF erscheinen und kann für 25 Euro ausgedruckt werden. Danach stellte Susanne Kasimir eine KI-Auswertung einer Umfrage von 800 Besucher*innen aus dem letzten Jahr vor, die ergab, dass die Kinogänger*innen vor allem etwas „Neues sehen wollten“, den Kinobesuch der NFL als „Gesellschaftliches Ereignis“ betrachten und sich dabei „Weiterbilden möchten“.
Susanne Kasimir stellt die Ergebnisse der Zuschauerbefragung vor, Foto: Holger Kistenmacher
Jetzt aber zum umfangreichen Programm der 66. Nordischen Filmtage: Zwischen dem 6. und 10. November werden insgesamt 169 Filme gezeigt in 339 Vorstellungen. 14 Spielfilme, 12 Dokumentationen und 25 Kurzfilme konkurrieren um die jeweiligen Filmpreise. Dieses Jahr werden dabei 65.000 Euro bei elf Filmpreisen ausgeschüttet. Den undotierten Filmpreis erhält die berühmte finnische Schauspielerin Kati Outinen, die hauptsächlich durch die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Aki Kaurismäki weltberühmt geworden ist. Sie selbst hat für die Hommage fünf Spielfilme ausgesucht, unter anderem „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“, „Der Mann ohne Vergangenheit“ und „Juha“. Der Ehrenpreis wird ihr im Rahmen der Eröffnung der NFL überreicht.
Als Eröffnungsfilm wird erstmalig wieder ein animierter Film gezeigt. Als Deutschland-Premiere wird der animierte Abenteuerfilm „Flow“ des lettischen Filmemachers Gints Zilbalodis gezeigt. Laut Thomas Hailer (Künstlerischer Leiter) ist die tierische Odyssee rund um eine Katze der bahnbrechendste Trickfilm seit Bambi. Ein Film ganz ohne Worte über eine Schicksalsgemeinschaft auf einem Boot nach einer Naturkatastrophe.
Die weiteren Wettbewerbsfilme der Spielfilmsektion stellen, egal ob als dystopischer Familienfilm oder als „Coming-of-Age-Geschichte“ die Frage: „Wie schaffen wir es gemeinsam, uns in eine bessere Welt zu manövrieren?“ So zum Beispiel im Film von Halfdan Ullmann, dem Enkelsohn von Liv Ullmann und Ingmar Bergmann, „Elternabend“, ein surreal-satirisches Kammerspiel. In „The Girl with the Needle“ von Magnus Horn gibt es ein Wiedersehen mit der großartigen Trine Dyrholm, die in dem düsteren Schwarz-Weiß-Film wie ein expressionistischer Horrorfilm vom Schicksal einer jungen Fabrikarbeiterin nach dem Ersten Weltkrieg erzählt.
Thomas Hailer präsentiert die Spielfilmjury, Foto: Holger Kistenmacher
Freunde des grummeligen „Grump“ dürfen sich ebenfalls auf ein Wiedersehen freuen. Im neuen Streifen von Mika Kaurismäki: „Long good Thursday“ wird der mürrische Griesgram mit der Pelzmütze von der eigenwilligen Künstlerin Saimi aus der Reserve gelockt. Eine romantische Komödie der anderen Art. Den dänisch-kosovarischen Film „Afterwar“ von Brigitte Staermose bezeichnet Hailer als sehr wichtigen Film, der die Frage erörtert: „Was heißt Krieg für eine Kindheit?“ Die Regisseurin hat ehemalige Straßenkinder aus dem Kosovo-Krieg 15 Jahre lang auf ihrem Lebensweg begleitet.
Dazu kommt noch ein seltsamer Film über Untote aus Norwegen: „Handling the Undead“ von Thea Hvistendahl, deren Rückkehr bei den Verwandten und Freunden nur für kurze Zeit für Trost sorgt. Oder das prominent besetzte, post-apokalyptische Musical von Joshua Oppenheimer „The End“, in dem die vermeintliche Idylle einer reichen Familie, ein unterirdisches luxuriöses Heim in einer alten Salzmine bedroht wird.
Die Filme der Dokumentarfilm-Sektion sind einerseits ganz nah dran, aber versuchen auch den Blick zu weiten, vom großen Ganzen im Kleinen. Beim Porträt über die „Andersson-Brüder“ von Johanna Bernhardson geht es um ihren berühmten Onkel, den Film-Regisseur Roy Andersson, der den Kontakt zu seinen drei Brüdern verloren hatte. Mit viel Alkohol will Leifs Tochter Johanna die Geschwister wieder zusammenbringen und einen Film über sie drehen, um die Welt hinter den berühmten Bildern zu zeigen.
Der Wald spielt in mehreren Sektionen eine wichtige Rolle. In dem finnischen Streifen „Once upon a Time in a Forest“ von Virpi Suutari kämpfen Oma und Enkelin um einen der letzten Urwälder Finnlands. Ein Mut machender Film, in dem man sehr viel lernen kann, wie Thomas Hailer befand. Am 24.Oktober 1975 steht Island still, weil Islands Frauen streiken. „Ein Tag ohne Frauen“ von Pamela Hogan porträtiert erstmals die Initiatorinnen dieser revolutionären Aktion.
Neu im Team: Jenni Zylka präsentiert die neuen Serien, Foto: Holger Kistenmacher
Mit viel Verve hat sich Jenny Zylka (Kuratorin für die Serien-Sektion) ans Werk gemacht. Erstmals präsentiert sie neue Serien aus dem Norden. Die Besucher*innen der Filme, die ja nur den ersten und letzten Teil der Serien zu sehen bekommen, sollen durch ausführliche Nachfilm-Erörterungen von ihr selbst über die Zwischeninhalte am Ball gehalten werden. Die Filmserien, die zum Binge-Watching herausfordern, stammen dieses Jahr aus Dänemark, Island, Schweden, Norwegen und Lettland.
Baldwin Z hat seine hoch gelobte Serie „Black Sands“ mit einem 2. Teil gedreht. Der Isländer sorgt wieder für düstere Spannung in komplexen Stories über Mord und Todschlag, in der die Polizistin Anita trotz Mutterschaft, postnatalen Depressionen und Beziehungsstress wieder für Aufklärung sorgen muss. In „Painkiller“ der Schwedin Gabriele Pichler geht es weise und lustig zu, wenn die berühmte Künstlerin immer noch bei der Mutter lebt, um sie von Schmerzen abzulenken, aber immer gegen deren Dickkopf ankämpfen muss. Sehr unterhaltsam ist auch die lettische Serie „Soviet Jeans“, in der es um „Fake-Marken-Jeans aus Gefängnis-Produktion“ geht. Regie haben Stanislav Tokalovs und Juri Kursietis geführt.
Auch der quirlige Sebastian Apel, der für die Kurzfilme zuständig ist, konnte wieder Großes vorweisen. So werden nicht nur drei Jurys (Erwachsene, Kinder, Jugendliche) drei Filmpreise aus dem Short-Film-Sektor bestimmen, sondern es werden insgesamt 25 Nordic Shorts, sowie 16 kurze Filme der sogenannten Young Audience gezeigt. Er hat dabei fünf Kurzfilmprogramme mit folgenden Inhalten zusammen gestellt:
1. Roadtripping, als Reise durch emotionale Landschaften und unerwartete Begegnungen.
2. Life Sentenz für das lebenslange Streben nach Vereinigung trotz aller Trennung durch Grenzen
3. Interieur Designs: Ich sehe was, was du nicht siehst. Außenansichten verdecken, was im Inneren passiert.
4. Conjuring the Past: Auf Spurensuche in unsicheren Gefilden von Traumata und ambivalenten Gefühlen
5. Make Hay while the Sun Shines: Wenn jeder Tag zur Herausforderung wird.
Sebastian Apel ist zuständig für das Kurzfilmprogramm, Foto: Holger Kistenmacher
Und dann gibt es natürlich noch das Filmforum Schleswig-Holstein, wo man den Wald vor lauter Filmen nicht sieht. Insgesamt hat diesmal Lily Hartwig 38 Filme (14 Langfilme und 24 Kurzfilme) ausgewählt - aus dem hohen Norden oder mit Bezug aus unserem Bundesland. Natürlich geht es auch hier wieder um den Wald und den sozialen Zusammenhalt. Um nur einige Beispiele zu nennen: Es gibt Neues aus Schwanitz bei „Nord bei Nordwest - Das Nolden-Haus. Tierarzt Hinnerk Schönemann ermittelt. In „Milliarden Mike“ geht es um das Selbst-Porträt eines Betrügers aus dem Hamburger Rotlichtmilieu, der 20 Jahre Knast bekam und sich heute als Marke selbst promotet. Der in Lübeck geborene Ex-Verbrecher wird beim Festival erwartet.
Und natürlich kommen die Filmtage nicht an dem 100jährigen Jubiläum des Thomas-Mann-Romans „Der Zauberberg“ vorbei. In Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen kulturellen Vereinen, wie Kunsthalle, Buddenbrookhaus, etc. wird die diesjährige Retrospektive den Abschnitt des Buches, der mit „Schnee“ überschrieben ist, filmisch würdigen. Es gibt Filme wie die „Schneekönigin“ aus Finnland von 1986 oder Ruben Östlunds Familientragödie „Höhere Gewalt“, wo eine Familie im Skiurlaub von einer Lawine im Hotel auf die Probe gestellt wird. Gespannt sein sollte man auf die fiktive Geschichte zwischen Dokumentation und Fantasie: „Bekenntnis des Hochstaplers Thomas Mann“ von Andre Schäfer, der sowohl den Hochstaplerroman „Felix Krull“ wie den offenbaren homosexuellen Hintergrund von Thomas Mann in einem hybriden Film zwischen Lübeck und Lissabon, Holstentor und Hollywood ansiedelt. Mit Gästen!
Und dann sind da auch noch der 360-Grad Infinite Dome mit seinen experimentellen Filmen in 3-D und verschiedene Sound-Installationen, die Installation des Nosferatu-Fensters in den Salzspeicher-Häusern, der Nordische Tango als Glockenspiel am Heilig-Geist-Hospital und die Konzert-Party im Treibsand mit Liveact (Brothers Moving aus Dänemark und New York mit einem Mix aus Blues, Funk und Rock vom DJ Textme aus Hamburg) und After-Show-Party.
Und natürlich habe ich noch ganz vieles vergessen oder nicht erwähnt. But anyway: Wir sehen uns im Kino zum Augen-eckig-Glotzen!
Alle weiteren Infos im Netz unter www.nordische-filmtage.de oder in einer fetten Sonderveröffentlichung in den Lübecker Nachrichten, diesmal von den Machern der Filmtage selbst zusammengestellt.